ZEIT-ONLINE-Kolumnist Philipp Lahm Der Oli Kahn in ihm
Eine Geschichte des Münchner Kreisklassevereins FT Gern oder: Wie Philipp Lahm zu Philipp Lahm wurde. Porträt
Er könne sein Leben nicht ohne den FT Gern beschreiben, sagt Philipp Lahm. Man kann sich das so vorstellen: zwei Fußballfelder, ein langer Tresen, eine Wanduhr mit Vereinslogo und vor der Eingangstür ein Hinweis: "Betreten des Vereinsheims mit Fußballschuhen strengstens verboten". Das Mehrfamilienhaus der Eltern und Großeltern steht fünf Minuten vom Sportplatz. Philipps Opa hat hier gespielt, Philipps Mutter leitet die Jugendabteilung, Philipps Onkel und sein Vater spielen noch heute im Verein. Einige sagen lächelnd, wahrscheinlich wurde Philipp hier gezeugt.
Während der WM `90 beginnt er in diesem Sportlerheim zu träumen. "Alle, die zum FT Gern gehören", verfolgen das Turnier. Weil der Sechsjährige noch nicht alles versteht, zeichnet sein Opa die WM für ihn auf. Die Spiele des deutschen Teams kennt Philipp heute auswendig.
Nach der WM will er schießen, passen, grätschen, jeden Tag. Sein Opa steht am Rand des Spielfelds, er sieht seinen Enkel laufen und verlieren. Seit dem Saisonstart im August hat die Jugend-Mannschaft des FT Gern kein Tor geschossen und kein Spiel gewonnen. Am 11. November 1990 verlieren die Gerner wieder, 21:1. Es ist Philipps Geburtstag, der Siebenjährige schießt das erste Tor der Saison. Sein Opa umarmt ihn.
Irgendwann in dieser Zeit bestraft ihn seine Mutter mit Hausarrest. Drei Tage nicht raus, weil er in der Schule etwas verbockt hat. Philipp schießt und passt und grätscht im Haus weiter: "Es reicht!", sagt seine Mutter am ersten Tag. "Morgen gehst doch wieder raus." Der Grundschüler schaut seine Mutter erschrocken an. Er sagt, er werde nicht gehen.
Einige nennen diese Eigenschaft konsequent. Andere sagen, er sei stur. Viele, die Philipp gut kennen, behaupten, er sei ehrgeizig. Wenn sein früherer Jugendtrainer und heutiger Berater Roman Grill über diesen unbedingten Willen spricht, redet er von einem Knistern. Er sagt, Philipp sei ein Champion, Wettkämpfer, Siegertyp, einer der nicht verlieren kann. Wenn es für ihn nicht gut aussieht, komme dieses Knistern, beim Fußball, Tennis, Billard, Eishockey, Tischtennis, Playstationspielen. Überall. Es ist ein Ich-darf-nicht-verlieren-Knistern, sein dominierender Charakterzug. Grill kennt Philipp seit der A-Jugend, und wenn er ihn so beschreibt, klingt es, als wäre irgendwo im knapp 1,70 kleinen Philipp Lahm auch ein Oliver Kahn.
Als Philipp 2003 zwei Jahre in Stuttgart spielt, hat er es nicht leicht, ohne Freunde und Familie. Seine Eltern besuchen ihn jedes Wochenende. Seine Mutter kocht und hilft die Wohnung zu putzen. Im ersten Jahr fährt er an freien Tagen in der Woche immer sofort nach Gern. Im zweiten Jahr genießt er oft die Freizeit in Stuttgart, mit neuen Freunden.
Für jedes Spiel erhält er vom VfB zwei Bändchen für den VIP-Bereich, das bekommt jeder Spieler. Wenn von anderen Spielern Freunde zuschauen, holen sie sich einfach ein paar Bändchen mehr. Obwohl Philipps Eltern immer mit seiner Schwester oder auch mit seinen Großeltern kommen, bittet er den Verein nie um weitere VIP-Bändchen. Seine Mutter sagt: "So ist er."
Neulich hat sie in der Zeitung gelesen, dass der FC Barcelona 30 Millionen Euro für ihren Sohn bezahlen wolle. Sie arbeitet seit 25 Jahren vormittags in einem Schreibwarenladen und nachmittags für den FT Gern. Manchmal gehe sie mit Philipp noch gemeinsam einkaufen, sagt sie. Er schaue dann immer auf den Preis.
Der Agentur, die sich um Philipps Karriere kümmert, ist diese Art viel wert. Die Mitarbeiter sind froh, dass er lieber mit den alten Kumpels vom FT Gern ein paar Tage in den Skiurlaub fährt und nicht mit "irgendwelchen Schickimickifreunden aus dem Dschungelcamp im P1 rumhängt". Sie haben Philipp zur Marke gemacht.
Im Powerpoint-Deutsch ihrer "Markenstrategie“ heißt es: Die Marke Philipp Lahm sei "verantwortungsbewusst, fair, vorbildhaft, verlässlich, sympathisch, down to earth, lebensfroh, pfiffig, leistungsorientiert, talentiert, willensstark, reflektiert". Diese Eigenschaften sollen helfen, passende Sponsoren zu finden. Sie sind ein Produkt des Geschäfts, das der Fußball heute ist.
In einer Ecke des Sportlerheims des FT Gern kann man noch etwas von der Ursprungsidee lesen. In einem silbernen Rahmen hängt dort eine Urkunde des DFB. Wie bei vielen Vereinen achtet niemand richtig auf den Text. Fußball sei "ein geeignetes Mittel zur Erziehung der jungen Menschen zur Persönlichkeit und zur Mitverantwortung", steht da.
Wenn Philipp heute mit dem Audi des FC Bayern vorfährt, passt seine Mutter auf: Autogramme, Fotos oder Presse will hier keiner haben. Philipp kommt noch oft hierher, und die Gerner sagen, das solle auch so bleiben.
Bei den Sommerfesten des Vereins ist Philipp immer dabei. Viele Fotos an den Wänden zeigen die feiernden Gerner. Und dann ist da an der Wand auch noch dieses Bild, der Moment des Schusses, an den sich Fußball-Deutschland gern erinnert. 9. Juni 2006, Eröffnungsspiel gegen Costa Rica: Lahm kommt von links, umkurvt zwei Gegenspieler, schießt mit rechts: "In den Winkel! Ein unglaublich schönes Tor!", schrie der Fernsehreporter damals.
Nach dem Spiel bekam Philipp einen Anruf. Sein Opa sagte, er sei froh, dass er das noch erleben durfte.
- Datum 30.03.2010 - 12:09 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Schöner Artikel, eine Korrektur von meiner Seite: Philipps Traumtor gegen Costa Rica, das das Sommermärchen einläutete, fiel an meinem 19. Geburtstag, einen Tag vor meiner Abitur-Übergabe, dem 09. Juni 2006, als ich gerade auf dem Weg in die Arena auf Schalke war um Polen-Ecuador zu gucken :)
Philipps Traumtor gegen Costa Rica, das das Sommermärchen 2006 einläutete, fiel am 09. Juni 2006, meinem 19. Geburtstag, auf dem Weg zum Spiel Polen vs. Ecuador in der Arena auf Schalke.
Ich wollte einen Kommentar schreiben, zum Modell, aber ich lasse es.
Wichtiger wäre nach gefühlten 100 Stunden mal wieder eine Flanke der Extraklasse.
Es muss ja nicht gleich aus vollem Lauf sein, wie bei Dani Alvez.
Einfach nur mal zur Grundlinie durchziehen und eine gute Flanke schlagen.
Na ja, vielleicht ja schon morgen in Manchester...
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