Ramones Angenehm stumpf

"Onetwothreefaawww!" Tommy Ramone ist das einzige noch lebende Gründungsmitglied der wichtigsten Punkband Amerikas. Zum 60. Geburtstag des Schlagzeugers eine Erinnerung an wilde und harte Zeiten

Die Ramones im Look, den sie prägten: Johnny, Joey, Marky (er löste Tommy 1978 an den Trommeln ab) und Dee Dee

Die Ramones im Look, den sie prägten: Johnny, Joey, Marky (er löste Tommy 1978 an den Trommeln ab) und Dee Dee

Im Jahr 1976 definierten die Ramones mit ihrem Debütalbum ein neues Genre, weil sie unzufrieden waren mit dem Stand der Dinge im Rock'n'Roll. "Als wir im März ’74 begannen aufzutreten, geschah das, weil die Bands, die wir liebten, der Rock'n'Roll, den wir kannten, verschwunden waren. Wir spielten Musik für uns selbst", sagte einst Joey Ramone. Anlässlich des 60. Geburtstags des Schlagzeugers Tommy Ramone hat sich unser Autor noch einmal mit der Geschichte der Band beschäftigt und sich durch ihr bahnbrechendes erstes Album gehört.

Blitzkrieg Bop
Wie Götterdämmerung, Übermensch, Kindergarten und Autobahn ist auch das Wort "Blitzkrieg" eine deutsche Schöpfung, die im Englischen kein Pendant hat. Also geht es als Germanismus ins Französische wie ins Angloamerikanische ein. 37 Jahre nach dem blitzartigen Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen betreten vier Amerikaner – darunter zwei Juden, dazu gleich mehr – die Weltbühne mit dem Blitzkrieg Bop.

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133 Sekunden dauert das Inferno aus drei Akkorden, mit dem das erste Album der Ramones beginnt. Danach ist nichts mehr,  wie es vorher war, der subkulturelle "Blitzkrieg" namens Punk nimmt seinen Lauf. Der Blitzkrieg Bop ist ein Ruf zu den Waffen, zum Kampf gegen die Langeweile. "The Kids Are Losing Their Minds", singt der schlaksige Joey Ramone mit den linkischen Bewegungen, und es klingt so, als wären die Kids alright, wenn sie den Verstand verlieren wie damals bei The Who. "They're all revved up and ready to go", heißt es am Ende. Voll auf Touren und bereit, loszulegen. Klingt wie eine Drohung. Und ein Versprechen.

Let's dance       
Sag' mir, was du coverst, und ich sag' dir, wer du bist. Auch so kann man die Ramones verstehen. Der Tanzalarmheuler von Chris Montez aus den Sechzigern ist die einzige Fremdkomposition auf dem Debütalbum. Später spielen sich die Ramones durch das Bilderbuch des glorreich-primitiven Teenager-Rock: Surfin' Bird, California Sun, Baby I Love You, Time Has Come Today

"Blitzkrieg" hin oder her: Die destruktive Energie des Punk setzen die Ramones zu Zwecken der Rekonstruktion und der Wiedergutmachung ein. Im Namen des Punk hauchen sie dem Rock'n'Roll wieder Leben ein. Energie, Kraft, Bosheit, Bedeutung, kurz, schnell, auf den Punkt. Auch Sex, nicht immer geglückter.

Das mit der Rekonstruktion und Reminiszenz beginnt schon beim Bandnamen. Auf der Suche nach einer Corporate Pop Identity erinnern sich die Herren Erdélyi, Hyman, Colvin und Cummings an eines ihrer großen Vorbilder. Die Beach Boys sind eine Band aus Brüdern. Also brauchen sie einen Familiennamen. Angeblich benennen sie sich nach Paul Ramon. Unter diesem Pseudonym hat Paul McCartney im Hotel eingecheckt, wenn er seine Ruhe haben wollte vor zudringlichen Beatles-Fans. Phonetisch betrachtet sind die Ramones ein Echo der Girl-Groups aus den goldenen Sechzigern, ein Bastard aus den Chiffons und den Ronettes – die sie später covern sollten: Baby I love you.

I don't wanna walk around with you
Der Titel wird dreimal wiederholt, dann kommt die Frage: "So why do you wanna walk around with me?" Dann geht's wieder von vorne los. Nach 1 Minute 13 kommt ein zwölfsekündiges Gitarrensolo. Dann geht's wieder von vorne los. Nach 102 Sekunden ist Schluss, das heißt, eigentlich geht's nahtlos weiter mit dem Anzählen des nächsten Songs: "Onetwothreefaawww!"

Leser-Kommentare
  1. Hey ho, let's go!

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