Im Jahr 1976 definierten die Ramones mit ihrem Debütalbum ein neues Genre, weil sie unzufrieden waren mit dem Stand der Dinge im Rock'n'Roll. "Als wir im März ’74 begannen aufzutreten, geschah das, weil die Bands, die wir liebten, der Rock'n'Roll, den wir kannten, verschwunden waren. Wir spielten Musik für uns selbst", sagte einst Joey Ramone. Anlässlich des 60. Geburtstags des Schlagzeugers Tommy Ramone hat sich unser Autor noch einmal mit der Geschichte der Band beschäftigt und sich durch ihr bahnbrechendes erstes Album gehört.

Blitzkrieg Bop
Wie Götterdämmerung, Übermensch, Kindergarten und Autobahn ist auch das Wort "Blitzkrieg" eine deutsche Schöpfung, die im Englischen kein Pendant hat. Also geht es als Germanismus ins Französische wie ins Angloamerikanische ein. 37 Jahre nach dem blitzartigen Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen betreten vier Amerikaner – darunter zwei Juden, dazu gleich mehr – die Weltbühne mit dem Blitzkrieg Bop.

133 Sekunden dauert das Inferno aus drei Akkorden, mit dem das erste Album der Ramones beginnt. Danach ist nichts mehr,  wie es vorher war, der subkulturelle "Blitzkrieg" namens Punk nimmt seinen Lauf. Der Blitzkrieg Bop ist ein Ruf zu den Waffen, zum Kampf gegen die Langeweile. "The Kids Are Losing Their Minds", singt der schlaksige Joey Ramone mit den linkischen Bewegungen, und es klingt so, als wären die Kids alright, wenn sie den Verstand verlieren wie damals bei The Who. "They're all revved up and ready to go", heißt es am Ende. Voll auf Touren und bereit, loszulegen. Klingt wie eine Drohung. Und ein Versprechen.

Let's dance       
Sag' mir, was du coverst, und ich sag' dir, wer du bist. Auch so kann man die Ramones verstehen. Der Tanzalarmheuler von Chris Montez aus den Sechzigern ist die einzige Fremdkomposition auf dem Debütalbum. Später spielen sich die Ramones durch das Bilderbuch des glorreich-primitiven Teenager-Rock: Surfin' Bird, California Sun, Baby I Love You, Time Has Come Today

"Blitzkrieg" hin oder her: Die destruktive Energie des Punk setzen die Ramones zu Zwecken der Rekonstruktion und der Wiedergutmachung ein. Im Namen des Punk hauchen sie dem Rock'n'Roll wieder Leben ein. Energie, Kraft, Bosheit, Bedeutung, kurz, schnell, auf den Punkt. Auch Sex, nicht immer geglückter.

Das mit der Rekonstruktion und Reminiszenz beginnt schon beim Bandnamen. Auf der Suche nach einer Corporate Pop Identity erinnern sich die Herren Erdélyi, Hyman, Colvin und Cummings an eines ihrer großen Vorbilder. Die Beach Boys sind eine Band aus Brüdern. Also brauchen sie einen Familiennamen. Angeblich benennen sie sich nach Paul Ramon. Unter diesem Pseudonym hat Paul McCartney im Hotel eingecheckt, wenn er seine Ruhe haben wollte vor zudringlichen Beatles-Fans. Phonetisch betrachtet sind die Ramones ein Echo der Girl-Groups aus den goldenen Sechzigern, ein Bastard aus den Chiffons und den Ronettes – die sie später covern sollten: Baby I love you.

I don't wanna walk around with you
Der Titel wird dreimal wiederholt, dann kommt die Frage: "So why do you wanna walk around with me?" Dann geht's wieder von vorne los. Nach 1 Minute 13 kommt ein zwölfsekündiges Gitarrensolo. Dann geht's wieder von vorne los. Nach 102 Sekunden ist Schluss, das heißt, eigentlich geht's nahtlos weiter mit dem Anzählen des nächsten Songs: "Onetwothreefaawww!"

Today your love, tomorrow the world!

Tommy Ramone (hier im Jahr 2005) gilt als Architekt der Band © Scott Gries/Getty Images

Undertones zu bemühen, selbst große Künstler der stumpfen Pop-Punk-Miniatur: "It's never too late for dumb entertainment." Um stumpfe Unterhaltung so unterhaltend hinzubekommen, muss man schon ziemlich clever sein. Wie viele Stücke der Ramones hat auch dieses die schlagende Wirkung eines gelungenen Comics. Überhaupt inszenieren sich die frühen Ramones gern als fleischgewordene Comicfiguren. Davon haben sich später die Beastie Boys einiges abgeschaut, ebenfalls Juden aus New York.

Kein Popsong formulierte überzeugender, wie stumpf es sich anfühlt, wenn man sich nichts zu sagen hat. Angenehm stumpf, wie Andreas Dorau sagt. Oder um die

Today your love, tomorrow the world       
Mit "Onetwothreefaawww!" wird auch das letzte Stück dieses Debütalbums angezählt. Man lästert über ein "Nazi Schatzi" und einen "Little German Boy in a German Town". Wie viele jüdische Künstler rücken die Ramones dem Horror der Shoah mit Spott und Sarkasmus zu Leibe, wenn sie im Titel die Nazi-Parole verballhornen: "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt."

Allerdings sind die Ramones in dieser Frage eine gespaltene Band. Der Sänger Joey Ramone und der Schlagzeuger Tommy Ramone sind Juden, Tommys Eltern stammen aus Ungarn und sind der Vernichtung nur knapp entkommen. Davon berichtet Steven Lee Beeber in seinem Buch Die Heebie Jeebies im CBGB's – Die jüdischen Wurzeln des Punk.

"Ich wurde im Januar 1949 in Budapest geboren, kaum drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs", erzählt Tommy, während er im Wohnzimmer seiner schlecht beleuchteten Eigentumswohnung in Forest Hills sitzt, umgeben von hunderten von Platten und dutzenden von Kassetten mit Sessions-Aufnahmen der Ramones. "Meine Eltern waren professionelle Fotografen und hatten liberale Künstlerfreunde, die sie beschützten. Aber der größte Teil meiner Familie wurde während des Holocaust ermordet. Ich hab’s gerade noch so geschafft."

Tommys Schlusskommentar, dass er "es gerade noch so geschafft" habe, hat eine dunkle Doppelbedeutung. Angesichts der Umstände, so glaubt Tommy, hätten seine Eltern den Krieg gar nicht überleben dürfen, und auch er selbst hätte eigentlich weder in Ungarn geboren werden noch später in Amerika landen dürfen. Für ihn gab es gar keinen Ort, an den er gehört. "In Ungarn war es eine Art Stigma, jüdisch zu sein", erzählt er. "Es gab nur wenige Juden, und sie wussten, wer Jude ist, weil niemand sonst beschnitten war. Man hatte das Gefühl, irgendetwas stimmte nicht mit dir. Die Leute gaben dir dieses Gefühl. Es fühlte sich wie ein Stigma an."

Als Reaktion auf den Antisemitismus änderte Tommys Vater den Familiennamen, aus dem jüdisch klingenden Grunewald wurde der eher ungarisch klingende Namen Erdélyi, was ebenfalls grüner Wald bedeutet. Sein Vater habe sich nicht dafür geschämt, Jude zu sein, erzählt Tommy, er sei es nur leid gewesen, ständig diskriminiert zu werden. Indem er sich selbst neu erfand, wollte er die Familie von diesem Fluch befreien.

Angst vor dem Holocaust

Der Buchautor Steven Lee Beeber erkennt in dem nach außen unscheinbaren Tommy Tamás Erdélyi Ramone den Architekt und Erfinder der Ramones. Tommy entwirft das Image der vier Ramone-Brüder und den Identikit Look der Band: Schwarze Lederjacke, Blue Jeans, Turnschuhe – so stehen sie vor Backsteinwand voller Graffiti, ein Bild für die Ewigkeit, ikonisch vom ersten Moment.

Die Verkleidung, die neuen Namen und die gespielte Naivität (um nicht zu sagen: Grenzdebilität), all das sind Kulturtechniken des Überlebens, die verfolgten Juden so vertraut sind wie der alltägliche Antisemitismus. Den erleben Tommy und Joey Ramone auch in der eigenen Band. Die Chemie der Ramones ist eine sehr spezielle. Den beiden jüdischen Ramones stehen Johnny und Dee Dee gegenüber, republikanische, katholische Jungs aus der Arbeiterklasse. Johnny sammelt Nazi-Utensilien, über seinem Kamin hängt ein Porträt von Hitler, Dee Dee schreibt obsessiv Nazi-Figuren in seine Songs.

"Da ich mit der Angst vor dem Holocaust aufgewachsen bin, empfand ich das Zusammensein mit Johnny und Dee Dee wie ein Leben unter Gefahr", sagt Tommy Ramone, und weiter: "Es könnte ein Element gewesen sein – so wie es eines in meiner Begeisterung für den Rock'n'Roll war. Es könnte sein, dass ich dagegen rebellierte, während ich mich mit ihnen herumtrieb."

Aus dieser angespannten Konstellation gehen irrwitzigerweise ein paar der lustigsten Anti-Nazi-Songs hervor, die je aus Jew York kamen. Das sei das Verdienst Tommy Ramones, des Band-Architekten, meint Steven Lee Beeber: Wie Mel Brooks in The Producers reduziert Tommy seine "Hotsy-Totsy Nazis" auf Karikaturen, über die man eher lachen kann, als dass sie Angst verbreiten. Gleichzeitig stiehlt er ihnen die Bedrohlichkeit und überlässt diese dem schreienden Juden an der Spitze der Band, diesem kafkaesken Strichmännchen, der einem Käfer gleicht, der sich in einen Rockstar verwandelt hat.

Indem Tommy Joey sich an die Spitze der Band stellt, macht er nicht nur einen Außenseiter, wie er selbst einer ist, zum Repräsentanten der Band. Er kitzelt die jüdische Seite aus Joey heraus. "Ich fand immer, dass Joey jüdisch aussah … Ich meine, die Karikatur oder das Stereotyp – eines der Stereotypen. Es gibt viele Stereotypen. Aber ja, ich glaube, das ist eines von denen, nicht wahr? So wie Fagin, die Figur bei Dickens." Darüber hinaus wählte er einen Juden, der aus einer säkularen Familie stammte, die ihren Namen geändert hatte – einen Juden, der seinen Namen später ein zweites Mal ändern würde.

Mit Today your love, tomorrow the world endet das Debütalbum der Ramones, stilbildend bleibt es bis heute. Joey Ramone stirbt 2001, Johnny folgt ihm 2004, beide an Krebs. Dee Dee Ramones Leben endet 2002 mit einer Überdosis Heroin. Am 29. Januar 2009 feiert Tommy Ramone also seinen 60.Geburtstag als einzig Überlebender. Makaber, aber es passt zu dieser ganz besonderen Band.

Mehr über die Ramones und die jüdischen Wurzeln des New York Punk hören sie in "Was ist Musik", Klaus Walters Sendung bei ByteFM. Am Sonntag, dem 1. Februar um 20 Uhr, Wiederholungen am 3. Februar um 13 Uhr und 4. Februar um 8 Uhr.
 

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