Ramones Angenehm stumpfSeite 3/3
Der Buchautor Steven Lee Beeber erkennt in dem nach außen unscheinbaren Tommy Tamás Erdélyi Ramone den Architekt und Erfinder der Ramones. Tommy entwirft das Image der vier Ramone-Brüder und den Identikit Look der Band: Schwarze Lederjacke, Blue Jeans, Turnschuhe – so stehen sie vor Backsteinwand voller Graffiti, ein Bild für die Ewigkeit, ikonisch vom ersten Moment.
Die Verkleidung, die neuen Namen und die gespielte Naivität (um nicht zu sagen: Grenzdebilität), all das sind Kulturtechniken des Überlebens, die verfolgten Juden so vertraut sind wie der alltägliche Antisemitismus. Den erleben Tommy und Joey Ramone auch in der eigenen Band. Die Chemie der Ramones ist eine sehr spezielle. Den beiden jüdischen Ramones stehen Johnny und Dee Dee gegenüber, republikanische, katholische Jungs aus der Arbeiterklasse. Johnny sammelt Nazi-Utensilien, über seinem Kamin hängt ein Porträt von Hitler, Dee Dee schreibt obsessiv Nazi-Figuren in seine Songs.
"Da ich mit der Angst vor dem Holocaust aufgewachsen bin, empfand ich das Zusammensein mit Johnny und Dee Dee wie ein Leben unter Gefahr", sagt Tommy Ramone, und weiter: "Es könnte ein Element gewesen sein – so wie es eines in meiner Begeisterung für den Rock'n'Roll war. Es könnte sein, dass ich dagegen rebellierte, während ich mich mit ihnen herumtrieb."
Aus dieser angespannten Konstellation gehen irrwitzigerweise ein paar der lustigsten Anti-Nazi-Songs hervor, die je aus Jew York kamen. Das sei das Verdienst Tommy Ramones, des Band-Architekten, meint Steven Lee Beeber: Wie Mel Brooks in The Producers reduziert Tommy seine "Hotsy-Totsy Nazis" auf Karikaturen, über die man eher lachen kann, als dass sie Angst verbreiten. Gleichzeitig stiehlt er ihnen die Bedrohlichkeit und überlässt diese dem schreienden Juden an der Spitze der Band, diesem kafkaesken Strichmännchen, der einem Käfer gleicht, der sich in einen Rockstar verwandelt hat.
Indem Tommy Joey sich an die Spitze der Band stellt, macht er nicht nur einen Außenseiter, wie er selbst einer ist, zum Repräsentanten der Band. Er kitzelt die jüdische Seite aus Joey heraus. "Ich fand immer, dass Joey jüdisch aussah … Ich meine, die Karikatur oder das Stereotyp – eines der Stereotypen. Es gibt viele Stereotypen. Aber ja, ich glaube, das ist eines von denen, nicht wahr? So wie Fagin, die Figur bei Dickens." Darüber hinaus wählte er einen Juden, der aus einer säkularen Familie stammte, die ihren Namen geändert hatte – einen Juden, der seinen Namen später ein zweites Mal ändern würde.
Mit Today your love, tomorrow the world endet das Debütalbum der Ramones, stilbildend bleibt es bis heute. Joey Ramone stirbt 2001, Johnny folgt ihm 2004, beide an Krebs. Dee Dee Ramones Leben endet 2002 mit einer Überdosis Heroin. Am 29. Januar 2009 feiert Tommy Ramone also seinen 60.Geburtstag als einzig Überlebender. Makaber, aber es passt zu dieser ganz besonderen Band.
Mehr über die Ramones und die jüdischen Wurzeln des New York Punk hören sie in "Was ist Musik", Klaus Walters Sendung bei ByteFM. Am Sonntag, dem 1. Februar um 20 Uhr, Wiederholungen am 3. Februar um 13 Uhr und 4. Februar um 8 Uhr.
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- Datum 30.01.2009 - 11:02 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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