Bahn-Spitzelei

Mehdorns Jagd nach Maulwürfen

Ein interner Bericht zeigt, mit welcher Vehemenz die Bahn schnüffelte. Und er legt die Vermutung nahe, dass es dabei nicht nur um Korruption ging

Die Spitzelaffäre bei der Deutschen Bahn: Es ging nicht nur um Korruptionsverdacht

Die Spitzelaffäre bei der Deutschen Bahn: Es ging nicht nur um Korruptionsverdacht

Ein internes Protokoll eines Treffens des Berliner Datenschutzbeauftragten mit Bahnverantwortlichen belegt, mit welcher Energie und mit welcher Heimlichkeit die Bahn AG ihre Mitarbeiter ausspähen ließ. Der siebenseitige Bericht, der ZEIT ONLINE vorliegt, zeigt, dass weder der interne Datenschutzbeauftragte noch der Betriebsrat von den Aktionen informiert wurde. Begründung: "Man habe Zweifel an der Zuverlässigkeit bzw. Diskretion des (zu geschwätzigen) Betriebsrats."

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Es gibt weitere Seltsamkeiten. Die Bahn überprüfte ihre Mitarbeiter nicht selbst, sondern übermittelte deren Daten der Detektei Network Deutschland GmbH. Diese Aufträge jedoch wurden lediglich mündlich erteilt. So heißt es unter dem Punkt "Auftragserteilung", "entsprechend der Praxis bei der Deutschen Bahn AG gibt es auch kein kaufmännisches Bestätigungsschreiben". Das Protokoll hält fest, dass die Datenschützer "überrascht" gewesen seien, dass Aufträge im Wert von 800.000 Euro nicht schriftlich vergeben wurden.

Das ist insbesondere deshalb verwunderlich, da die Bahn angibt, alle Spitzeleien seien erfolgt, um Korruption zu bekämpfen und illegale Auftragsvergaben aufzudecken. Die entsprechenden Aufträge jedoch erteilte man offensichtlich in einer Art, die der Korruption Tür und Tor öffnete.

Kein Wunder, dass inzwischen spekuliert wird, die Bahn habe ganz andere Ziele zumindest mitverfolgt. In mindestens einem der im dem Dokument aufgelisteten Fälle ging es auch nicht um Korruption. Projekt "Uhu" hatte zum Ziel, denjenigen zu finden, der Bahnchef Hartmut Mehdorn anonym eines Steuerdelikts bezichtigt hatte. Dazu wurden den Detektiven "wahllos" Emails mehrerer Verdächtiger übermittelt, die auch private Daten wie Kontonummern der Ehefrau enthielten. Auch Schriftproben ließ die Bahn von der Detektei vergleichen, um das Leck zu finden.

Politiker äußern inzwischen den Verdacht, dass es der Bahn auch darum ging, interne Kritiker und mögliche Informanten von Medien einzuschüchtern. Der Spiegel zitiert den verkehrspolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Horst Friedrich, es deute „sehr vieles darauf hin, dass die Korruptionsbekämpfung nicht das einzige Ziel der Bahn war“. Winfried Hermann von den Grünen vermutet, dass es „bei der Aktion auch darum ging, herauszufinden, wer Informationen aus der Bahn weitergegeben hat".

Doch enthält das Protokoll noch etwas: einen Beleg für die hinhaltende Informationspolitik der Bahnführung. Die vom Datenschutzbeauftragten Alexander Dix befragten Bahnmitarbeiter der Konzernrevision sagten zunächst nicht die ganze Wahrheit. So berichteten sie bei dem Treffen am 13. November von einem Projekt "Babylon", bei dem 742 Mitarbeiter auf "Lieferantenaffinität" überprüft worden seien. Jedoch war es genau dieses Spitzelprojekt, in dessen Rahmen insgesamt 173.000 Mitarbeiter ausgespäht wurden, wie kurz darauf bekannt wurde.

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Leser-Kommentare

  1. Der Mann, dessen Vorbild Napoleon ist ( und das erst meint ), lässt alle Mitarbeiter ausspionieren, um heraus zu finden, wer ihn anonym denunziert hat?
    Unter dem Vorwand der Korruptionsbekämpfung wird viel öffentliches Geld ausgegeben, um eine private Angelegenheit zu klären?
    Mehdorn darf sich offensichtlich alles leisten, obwohl der Bund noch Eigentümer der Bahn ist. Tiefensee ist als Verkehrsminister ein Totalversager oder hofft nach seiner politischen Karriere auf einen Aufsichtsratsitz bei der Bahn.

  2. sofort und fristlos entlassen.

    Ansonsten ist das ein weiterer Riss im Staatsgefüge.

    Lasst ihn klagen, irgendwann wird Mehdorn froh sein, nicht selbst ins Gefängnis zu müssen.

    Ich schmeisse ihn Montag raus, wenn ihr das nicht könnt!

    Politiker, hört auf, so schlapp zu sein, ist ja erbärmlich!

    Gerhard Stenkamp

  3. daß es eine private Polizei oder privaten Geheimdienst geben kann?
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

  4. .. weil wohl niemand dagegen wetten wird.

    Mehdorn wird nichts geschehen, genausowenig wie den Vorständen und Aufsichtsräten der Landesbanken und der KfW. Jemand wie Tiefensee wird vielleicht sein Finger heben (müssen) und sagen "Ach Du schlimmer Bube Du" und das wird es sein.

    Wir sind in Deutschland heute soweit, dass ab einem bestimmten "Bekanntheitsgrad" Narrenfreiheit herrscht und es bestätigt auch das Peter-Prinzip (Jeder wird solange befördert bis er die Stufe der eigenen Inkompetenz erreicht hat).

    Armes Deutschland.....

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

    • 01.02.2009 um 11:48 Uhr
    • Ranjit

    Niemand, der schon einmal in regionalen Zügen der Bahn kontrolliert wurde, wundert sich über die autoritären Züge der Bahnverwaltung.
    Mehdorn muss weg und der Weg endlich frei gemacht werden, für mehr private, konkurrierende Transportunternehmen.

    Und ich sollte mir langsam ein Auto kaufen...

    • 01.02.2009 um 13:04 Uhr
    • o_O

    ... bei der Geschäftsführung bzw. mit dieser gelebten Corporate Governance überhaupt noch existiert und Gewinn erwirtschaftet, ist in meinen Augen ein echtes Wunder!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    profitabel zu fuehren, wuerde ich angesichts der angebotenen produkte und der quasi gesetzlich verankerten monopolstellung in den meisten der geschaeftsgebiete, nicht unbedingt als unmoeglich ansehen.
    wenn jetzt nicht die erkenntnis kommt das ein anderer das genauso und besser machen kann, wann dann?

    von tiefensee braucht man leider keinen großen wind zu erwarten.
    wuerde sicherlich nicht mal auffallen, wenn dieser nicht mehr im amt ist.

  5. Die Aktionen der Bahnführung verlagern sich immer mehr in einen schmutzigen Krieg um die Macht, wo Spitzel und Täuschungen eine immer massgeblichere Rolle spielen. Dem Horcher an der Wand bleibt am Ende nur der eine Vorteil - zu erfahren, dass seine Zeit bald abgelaufen ist.
    Mehdorn kann mit dieser Spitzelstrategie vor allem seine Verdienste unbedeutend werden lassen. Diese versteckten Bedrohungen wird niemand wirklich in Schach halten können.

    • 01.02.2009 um 13:40 Uhr
    • iboxa

    Durch das Einschalten der Staatsanwaltschaft hat Mehdorn jetzt möglicherweise einen weiteren Widersacher ausgeschaltet: die neugierige Presse. Denn aus den Akten eines laufenden Verfahrens dürfen die nicht mehr zitieren ;-)
    Es kann also sein, dass dieser Zeit-Artikel für eine ganze Weile der Letzte dieser Art war...

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