Piraterie Der Mythos Störtebeker schwindet
Legende und Fakten passen nicht zusammen: Wissenschaftler entzaubern die Sagen um den berühmten Piraten. Fest steht, er hat gelebt, doch wann und wo bleibt ein Rätsel
Vor mehr als 600 Jahren soll Klaus Störtebeker in Hamburg hingerichtet worden sein. Seit mehr als 100 Jahren forschen Wissenschaftler, ob er überhaupt existiert hat. Fest steht, es hat ihn gegeben. Um das Jahr 1400 machten er und seine Spießgesellen Nord- und Ostsee unsicher. Viel mehr lässt sich über Störtebeker, Deutschlands berühmtesten Piraten, jedoch nicht sagen. Je intensiver Naturwissenschaftler, Gerichtsmediziner und Historiker sich mit dem Seeräuber beschäftigen, desto weniger bleibt vom Mythos Störtebeker übrig.
Unzählige Sagen berichten über Störtebekers übermenschliche Kraft, seinen unzähmbaren Freiheitswillen und seine diabolische Gerissenheit. Der Legende nach teilte er seine Beute mit den Armen und versteckte unermessliche Schätze. Das alles klingt zu gut, um wahr zu sein.
Das musste nun auch das Ostfriesische Landesmuseum in Emden feststellen. Es zeigt die angeblichen Pantoffeln Störtebekers. Schon auf den ersten Blick scheinen sie nicht zum Bild des raubeinigen Seeräubers zu passen: Das zierliche Schuhwerk leuchtet im kräftigen Rot und ist mit Draht verziert. Der wissenschaftliche Beweis, dass die Pantoffeln nie an Störtebekers Füßen waren, kam nun aus den Niederlanden. Textilfachleute der Universität Utrecht wiesen mit einer Altersbestimmung nach, dass die Schuhe im 16. Jahrhundert angefertigt wurden. Doch da war Störtebeker bereits lange tot.
Nicht nur die Pantoffeln, viele Störtebeker zugeschriebene Gegenstände wurden nach und nach entmystifiziert. 1902 stellte das Museum für Hamburgische Geschichte noch Störtebekers Schild, seinen Becher, sein Schwert und seinen Schädel aus. Fast 100 Jahre später blieb nur noch der Schädel als vermeintlich authentisch übrig. Doch zum Beginn des neuen Jahrtausends musste das Museum eingestehen, dass der berühmte Schädel in seiner Ausstellung nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit auf Störtebekers Schultern saß.
Mit der C-14-Methode überprüften Wissenschaftler der Universität Oxford das Alter des Schädels. Dabei wird der Zerfall radioaktiver Kohlenstoff-Isotope gemessen und mit dem Verhältnis dieser Isotope in der Atmosphäre verglichen. Das Ergebnis der britischen Wissenschaftler: Wahrscheinlich stammt der Schädel aus der Zeit zwischen 1380 und 1450. Eine große Zeitspanne, in der zahlreiche Hinrichtungen auf dem Grasbrook stattfanden. Anthropologen und Gerichtsmediziner ermittelten, dass der Schädel zu einem recht jungen Mann gehört.
Obwohl Unterkiefer und Nasenbeinknochen fehlen, ließ das Museum das Gesicht des Freibeuters von der französischen Künstlerin Elisabeth Daynès rekonstruieren. In einer Vitrine des Museums steht nun ein Kopf aus Ton und Silikon mit rotblondem, wirren Haar und blauen Augen. So könnte der Pirat ausgesehen haben, behauptete das Museum. Doch das Aussehen der Nase, der Ohren, die Haarfarbe und große Teile des Gesichtsausdrucks entspringen der Fantasie der Künstlerin. Die Rekonstruktion des Störtebeker-Schädels war geschicktes Marketing – ist wissenschaftlich aber unhaltbar.
- Datum 08.04.2009 - 17:07 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Eine Wirtshausprügelei war sicher ein häufiges Schicksal. Auch deshalb muss man aus der Tatsache, dass ein Störtebeker verprügelt wurde, nicht unbedingt den Schluss ableiten, das könne er nicht sein. Welcher Raufbold war nicht auch mal der Unterlegene? Und wäre das nicht auch gerade ein Grund, es "ihnen zu zeigen"? Die Tatsache, dass er in eine Prügelei verwickelt war, ist doch gerade ein Hinweis, es könnte sich um denselben handeln, der später die Meere unsicher machte.
Bedauerlich finde ich, dass eine Rekonstruktion ausgeführt wird (für viel Geld), wenn die erhaltene Substanz so mager ist. Wenn auch die Skulptur überzeugend wirkt, so ist die Chance, dass sie Störtebeker zeigt, 1:30. Und noch weniger, wenn man den fehlenden Unterkiefer und die beschädigte Nase bedenkt. Trotzdem ist die Skulptur schön. Man sollte sie eben nur als das deklarieren was sie ist: Eine Spekulation.
Auch Shakespeares Werke wurden bekanntlich nicht von ihm selbst geschrieben, sondern von einem Mann, der zufällig zur gleichen Zeit in England lebte und zufällig auch Shakespeare hiess ...
ich kann mich nicht erinnern, dergleichen kritische bemerkungen in der zeit gelesen zu haben, als der kopf seinerzeit präsentiert wurde -- und auch bei der bach-rekonstruktion war die skepsis eher verhalten.
woher der wandel? hat sich die redaktion über das museum für hamburgische geschichte geärgert? die störtebecker-abteilung dort ist immerhin schon länger eher disneyland als ernstzunehmend ...
disclaimer:
dieser beitrag kann ironie enthalten!
laut zeit-redaktion übersteigt ironie das geistige leistungsvermögen vieler zeit-leser und senkt das intellektuelle niveau, deswegen muss uu zum besten der leser zensiert werden!
vgl feuilleton 49/2008
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