Wirtschaftskrise Wenn die Verantwortlichen nicht mehr weiterwissen
Die Ratlosigkeit der Regierenden ist im Angesicht der Wirtschaftskrise beängstigend. Kein Wunder, dass viele inzwischen auf die Weisheit der Regierten hoffen

© lego/ photocase.de
"The Wisdom of Crowds": Hilft die Weisheit der Menge gegen die Krise?
Im kapitalistischen Krisenbogen von Amerika über Europa bis Asien gewinnt Deutschland bedrohlich an Bedeutung. Die Daten werden auch hier kritisch. Das Land mag zunächst ja ganz gut vorbereitet gewesen sein, "besser aufgestellt" als andere, wie die Regierenden im modischen McKinsey-Deutsch versichern.
Aber dieser Vorsprung vor den EU-Partnern schmilzt, während das Gemeinsame deutlicher wird: Eine desorientierte politische Führung tastet sich ohne Kompass durch unbekanntes Terrain, eine eben noch vor Selbstbewusstsein strotzende Finanz- und Wirtschaftselite sucht panisch nach Ressourcen beim sonst so verachteten Staat, und die Wirtschaftswissenschaft hat aufgrund ihrer Fehlprognosen und Auftragsforschung jede Autorität verloren.
So gesehen kann man schon auf die Frage kommen: Wie lange macht das Volk das noch mit? Eine so gediegene deutsch-staatsbürgerliche Einrichtung wie die Bertelsmann-Stiftung hat dieser Tage in Berlin eine Konferenz veranstaltet, in der es um die Frage ging, ob unsere demokratischen Regierungen eigentlich gut beraten werden, auch, ob sie auf Rat hören und wenn ja, auf Rat von wem?
Wie immer bei solchen Veranstaltungen gab es natürlich keine unmittelbar verwertbaren Erkenntnisse, aber doch ein paar beiläufige Einsichten, wie zum Beispiel die Überlegung: Könnte es angesichts des Führungsversagens der traditionellen Eliten – "Staatsversagen", nannte es ein Referent – an der Zeit sein, dass das Volk "die Führung" übernimmt? Denn darin waren sich viele der Nicht-Regierenden auf dieser Konferenz einig: Das Volk merkt, dass die aktuell noch Verantwortlichen nicht weiterwissen.
Da hilft kein Talkshow-Zirkus, kein mütterliches Minenspiel aus Berlin, kein auftrumpfendes Gepolter aus München: Der Orientierungsverlust der Regierenden ist zu offenkundig. Das Publikum habe den Code der Herrschaftssprache längst geknackt und lässt sich nichts mehr vormachen, wie Medienanalytiker Lutz Hachmeister sagte. Man könnte auch salopper formulieren: Die Leute sind ja nicht blöd.
Das ist, empirisch ausführlich begründet, die These eines Buches, das dem spannendsten Forum der Konferenz auch den Titel gab: The Wisdom of Crowd s (die Veranstalter machten daraus: "Wisdom of the Crowds", was ein kleiner, aber feiner Unterschied ist). Geschrieben hat es der amerikanische Journalist James Surowiecki vom New Yorker . Und was er mit der Weisheit der Menge, der Vielen, der Gruppe – eventuell auch: der Zivilgesellschaft – meint, sagt schon der Untertitel: Why the Many Are Smarter Than the Few. (Deutsche Fassung: Die Weisheit der Vielen: Warum Gruppen klüger sind als Einzelne ).
- Datum 04.05.2009 - 11:01 Uhr
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Man muss ja gar nicht auf die Schweiz verweisen, die in Sachen Direkte Demokratie auf eine alles in allem sehr erfolgreiche Geschichte verweisen kann.
Oder auf Skandinavien, wo das Transparenzgebot von einer Selbstverständlichkeit ist, die bei deutschen Behördenmitarbeitern Panikattacken auslösen würde.
Wir würden uns ja schon freuen, wenn Volksbefragungen einfacher, selbstverständlicher und nicht mit prohibitiven Hürden versehen wären und wenn die Transparenz öffentlicher Verwaltung mehr wäre als ein Lippenbekenntnis.
So lange, wie Politik und Verwaltungen Bürger/innen als zu verwaltendes, notwendiges Übel betrachten - so lange ist die Diskussion über Schwarmintelligenz u.ä. ein akademisches Glasperlenspiel.
deutschen Behördenmitarbeitern Panikattacken auslösen würde.
Hier wuerde ich aber doch stark unterscheiden: "deutsche Behoerdenmitarbeiter" hoert sich an wie der kleine Beamte um die Ecke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser etwas gegen mehr Transparenz haette. Man mag ihm viel vorwerfen (Traegheit, Inkompetenz) worueber man diskutieren koennte, aber Angst vor Transparenz gehoert da sicher nicht dazu. Anders wird es eventuell bei hoeheren Beamten aussehen (Buergermeister und hoeher), hier waere es sicher sinnvoll staerker zu ueberpruefen ob gemauschelt wird. Zu der Ueberpruefung gehoeren allerdings muendige Buerger, die etwas Zeit mitbringen. In Zeiten wo jeder entweder Ueberstunden macht und deshalb keine Zeit hat, oder sich als Arbeitsloser mit Behoerden rumschlaegt und dessen Selbstwertgefuehl deshalb am Boden ist, sind diese jedoch schwer aufzubringen. Investigativer Journalismus ist allerdings auch eine Pflichtkomponente fuer die Kontrolle der Exekutive, die ich stark vermisse.
da können wir schon in den kommunen anfangen: freie presse? weit gefehlt. meinungsäußerung von seiten der bürger/innen? wer das wagt, wird (wenn die behörde bei entscheidungen involviert sein muss) "negativ beschieden". ... ich erlebe es hier tagein, tagaus. leserbriefe werden nicht veröffentlicht, nur über "positive" ratsentscheidungen wird berichtet etc. ich könnte seitenlange beispiele bringen.
nur: wer ermöglicht solchen bürokraten diese freie hand?! das sind WIR, wir wähler vor ort, die zu träge, ängstlich, gleichgültig geworden sind.
deutschen Behördenmitarbeitern Panikattacken auslösen würde.
Hier wuerde ich aber doch stark unterscheiden: "deutsche Behoerdenmitarbeiter" hoert sich an wie der kleine Beamte um die Ecke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser etwas gegen mehr Transparenz haette. Man mag ihm viel vorwerfen (Traegheit, Inkompetenz) worueber man diskutieren koennte, aber Angst vor Transparenz gehoert da sicher nicht dazu. Anders wird es eventuell bei hoeheren Beamten aussehen (Buergermeister und hoeher), hier waere es sicher sinnvoll staerker zu ueberpruefen ob gemauschelt wird. Zu der Ueberpruefung gehoeren allerdings muendige Buerger, die etwas Zeit mitbringen. In Zeiten wo jeder entweder Ueberstunden macht und deshalb keine Zeit hat, oder sich als Arbeitsloser mit Behoerden rumschlaegt und dessen Selbstwertgefuehl deshalb am Boden ist, sind diese jedoch schwer aufzubringen. Investigativer Journalismus ist allerdings auch eine Pflichtkomponente fuer die Kontrolle der Exekutive, die ich stark vermisse.
da können wir schon in den kommunen anfangen: freie presse? weit gefehlt. meinungsäußerung von seiten der bürger/innen? wer das wagt, wird (wenn die behörde bei entscheidungen involviert sein muss) "negativ beschieden". ... ich erlebe es hier tagein, tagaus. leserbriefe werden nicht veröffentlicht, nur über "positive" ratsentscheidungen wird berichtet etc. ich könnte seitenlange beispiele bringen.
nur: wer ermöglicht solchen bürokraten diese freie hand?! das sind WIR, wir wähler vor ort, die zu träge, ängstlich, gleichgültig geworden sind.
Es mag ja sein, dass Regierende und Wirtschaftswissenschaftler derzeit nicht so recht weiter wissen. Aber wie, bitte schön, soll ein mehr an partizipativer Demokratie helfen, die Finanzkrise zu überwinden? Mir scheint, es werden zwei Dinge zusammengeworfen, die kaum in einem Verhältnis zueinander stehen.
Wenn ich mich recht erinnere, betont Surowiecki in seinem Buch aber auch, dass die Weisheit der Vielen bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen, beispielsweise muss jeder Einzelne unabhängig voneinander zu seinen Entscheidungen gekommen sein. Das müsste man sicherlich bei der Übertragung seines (schon vor längerem entwickelten) Modells auf den nun akut auftretenden Fall der Finanzkrise berücksichtigen; dies würde beispielsweise implizieren, dass man möglichst viele Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zu der Krise befragt, und eben nicht nur ausgewiesene Wirtschafts"experten", die durch Sozialisation und Ausbildung bereits bestimmten Denkschemata verhaftet sind.
Zweitens ist es natürlich auch eine Frage des Umsetzungsmodus: die Wahlentscheidung ist vollkommen überdeterminiert. Das heißt, dass es viele Faktoren gibt, warum Schwarz-Gelb jetzt doch wieder gewählt werden könnte (bspw. Abstrafen der SPD, Flucht hin zu dem, was man für bürgerliche Kompetenz hält, was auch immer), obwohl das Programm doch eigentlich gescheitert war: nur weil der Outcome/das Endergebnis der gleiche ist, heisst das noch lange nicht, dass die Bürger jeweils aus der gleichen Motivation heraus ihr Kreuzchen gemacht haben. Hinzu kommen Faktoren wie das Wahlsystem, das Stimmen in Macht umrechnet, oder auch das Wetter...
Ein sehr guter Artikel! Aber eine kritische Anmerkung: Der Publikumsjoker bei "Wer wird Millionär" hat in der Tat eine sehr hohe Trefferquote. Das liegt zum einen daran, dass dort wahrscheinlich nur Leute klicken, die vom Sachverhalt wirklich etwas verstehen und andererseits Jene, die keine Ahnung haben, erst gar nicht aufs Knöpfchen drücken.
Übertragen auf den jetzigen Zustand: Keiner weiß Genaues nichts, aber alle wissen alles besser.
Wie soll das denn klappen?
der Mißerfolg ist ein Findelkind. In Zeiten steigender Gewinne oder sinkender Arbeitslosigkeit stellen sich selbstbewußt Manager oder Politiker auf's Podest und machen die Erfolge an ihren persönlichen Leistungen fest, begründen damit exorbitante Einkommen und Einflussnahmen. Nun, in Zeiten der Krisen, ist man schnell bestrebt, den sonst so verachteten "Kleinen Mann (natürlich auch Frau) mit in's Boot zu holen. So kann man die Schuldfrage bequem auf eine Vielzahl von Schultern verteilen bis zum Schluß Alle schuldig, und somit unschuldig sind. Das ist klug und wird, jedenfalls in D, wieder funktionieren. Das voraussichtliche Wahlergebnis 2009 wird nachträglich alle Maßnahmen der Großen Koalition, und seien sie noch so aberwitzig, rechtfertigen und Weitere provozieren. Das hier sogar das ansonsten streng vermiedene "Volk" in's Spiel gebracht wird, läßt Schlimmes erahnen ....
"die Bertelsmann-Stiftung hat dieser Tage in Berlin eine Konferenz veranstaltet, in der es um die Frage ging, ob unsere demokratischen Regierungen eigentlich gut beraten werden, auch, ob sie auf Rat hören und wenn ja, auf Rat von wem?"
Die Bertelsmann-Stiftung ist eine ebenso „ gediegene deutsch-staatsbürgerliche Einrichtung“ wie die neoliberale Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, INSM, mit ebenso viel Einfluss auf Regierungshandeln. Sie bestimmt als Schattenmacht die Bildungspolitik der meisten Bundesländer und hat über ihr Centrum für Hochschulentwicklung, CHE, die Einführung der Studiengebühren beeinflusst. Auch die Agenda 2010 entstand unter ihrem maßgeblichen Vorgaben. Sie war ein bestimmender Faktor der Politik des letzten Jahrzehnts, also mitverantwortlich für das Desaster. Ihr jetzt noch die geringste Kompetenz für Lösungen der anstehenden Probleme zutrauen zu wollen, hieße den sprichwörtlichen Bock zum Gärtner zu machen.
http://www.bertelsmannkri...
Da ist es besser, auf eine neutrale Geistesgröße der deutschen Geschichte zu hören:
Demetrius - Fragment (entstanden 1805)
"Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, // Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen."
"Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen; // Der Staat muß untergehn, früh oder spät, // Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet."
http://de.wikiquote.org/w...
Dem ist nichts hinzuzufuegen. Vielen Dank.
Da ist es besser, auf eine neutrale Geistesgröße der deutschen Geschichte zu hören:
Demetrius - Fragment (entstanden 1805)
"Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, // Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen."
"Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen; // Der Staat muß untergehn, früh oder spät, // Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet."
http://de.wikiquote.org/w...
Dem ist nichts hinzuzufuegen. Vielen Dank.
Da ist es besser, auf eine neutrale Geistesgröße der deutschen Geschichte zu hören:
Demetrius - Fragment (entstanden 1805)
"Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, // Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen."
"Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen; // Der Staat muß untergehn, früh oder spät, // Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet."
http://de.wikiquote.org/w...
dass Sie mir zustimmen, zumal Sie in dem Zitat die wichtige Mitte weggelassen haben.
Also mal ganz:
Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.
Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
um Brot und Stiefel seine Stimm' verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. (Sapieha)
Demetrius I
Friedrich von Schiller
* 1759 in Marbach/Neckar
† 1805 in Weimar
"Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, // Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen."
Richtig, nur blöd, dass die nie an die Macht kommen.
"Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen; // Der Staat muß untergehn, früh oder spät, // Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet."
Du hälst nicht viel von Demokratie, nicht? sonst hättest du dir vielleicht ein anderes Zitat gesucht?
dass Sie mir zustimmen, zumal Sie in dem Zitat die wichtige Mitte weggelassen haben.
Also mal ganz:
Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.
Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
um Brot und Stiefel seine Stimm' verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. (Sapieha)
Demetrius I
Friedrich von Schiller
* 1759 in Marbach/Neckar
† 1805 in Weimar
"Die Mehrheit? Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, // Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen."
Richtig, nur blöd, dass die nie an die Macht kommen.
"Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen; // Der Staat muß untergehn, früh oder spät, // Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet."
Du hälst nicht viel von Demokratie, nicht? sonst hättest du dir vielleicht ein anderes Zitat gesucht?
Die Leute in der Politik sind schon kompetenter in Sachfragen und Detailwissen. Nur die MOTIVE, welche sie antreiben sinds, die Politik zu dem machen was es ist: "Talkshow-Zirkus, mütterliches Minenspiel aus Berlin, auftrumpfendes Gepolter aus München".
Der erste der aufhört das Marktschreierische Ego-Geplärre mit unbedingtem Willen zur Macht (allen voran CSU und Westerwelle) mitzumachen wird gewählt. Es ist mittlerweile unerträglich. Ich möchte wissen wer die Polittalkshows noch guckt...
Merkel ist hier ausgenommen ;-)
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