YouTube-OrchesterDas Netz voller Geigen

Zum ersten Mal gründet sich ein Sinfonieorchester im Internet. Die Musiker haben sich schon per Video beworben, jetzt dürfen YouTube-Zuschauer die Pulte besetzen. von 

Alle durften mitmachen, zumindest in der Bewerbungsphase auf YouTube. Nun werden die besten Orchestermusiker ausgewählt

Alle durften mitmachen, zumindest in der Bewerbungsphase auf YouTube. Nun werden die besten Orchestermusiker ausgewählt  |  © youtube.com

Plong, Plong. Hart lässt der junge Geiger beim Pizzicato die Saiten auf das Griffbrett knallen. Hinter ihm sieht man ein unaufgeräumtes Bücherregal. Vor welchem Publikum er seinen Part in Tan Duns Eroica Symphony spielt, weiß der Musiker nicht. Denn im Moment steht er noch zu Hause vor einer Videokamera. Mit etwas Glück wird er aber am 15. April in der New Yorker Carnegie Hall auftreten.

Junge Leute aus aller Welt sind seit Dezember einem Appell auf der Internet-Plattform YouTube gefolgt, auf der sich das erste virtuelle Orchester zusammenfinden soll. Bis zum 28. Januar konnten Musiker ihre Bewerbungsvideos hochladen. Nun entscheidet erst einmal eine Fachjury, wer in die engere Wahl kommt. Später dürfen die YouTube-Nutzer über die Finalisten abstimmen. Das letzte Wort hat dann der amerikanische Dirigent Michael Tilson Thomas, der das Konzert in New York leiten wird.

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Die Veranstalter wollten potenziellen Kandidaten die Hemmung nehmen, sich zu bewerben. Mitmachen können auch diejenigen, die ungewöhnliche Instrumente spielen. Prinzipiell sei alles erlaubt, erklärt der chinesische Komponist Tan Dun, der mit seiner Musik für den Film Tiger & Dragon vor einigen Jahren einen Oscar und einen Grammy gewann. Bei der Uraufführung seiner Eroica Symphony im vergangenen Oktober ließ er das London Symphony Orchestra sogar auf Radfelgen eintrommeln. Nur fünf Minuten lang ist das Werk, dennoch besteht es aus vier Sätzen. Wilde Straßengeräusche mischen sich mit dem Eingangsmotiv aus Beethovens 3. Sinfonie Eroica und mit Musik, die Tan Dun für die Olympischen Spiele in Peking komponiert hatte.

In seinem Stück will der Komponist, der Crossover-Projekte liebt, klassische Musik und Straßenkultur zusammenführen. Das Internet erscheint ihm als ideale Plattform dafür. Auf YouTube gebe es viele unsichtbare Beethovens, meint er. Nicht nur das Zuhören ist hier gefragt, sondern auch das kreative Mitmachen. Aber geht das überhaupt so einfach? Ein Tummelplatz für Anfänger, die vor allem ihren Spaß haben wollen, ist das Online-Orchester auf keinen Fall. Von den Kandidaten wird nicht gerade wenig erwartet. So mussten sie sich auf ihre Bewerbungen mit speziell auf ihr Instrument abgestimmten Dirigentenvideos vorbereiten und sich präzise an Tempo- und Dynamikvorgaben halten.

Gabriel Heun, einer der deutschen Teilnehmer, lernte schon als Fünfjähriger Geige und stieg später auf Bratsche um. Ohne seine Erfahrung in mehreren Orchestern könnte er wohl kaum den zweiten Satz von Beethovens 5. Sinfonie bewältigen. Chancen auf einen Auftritt in der Carnegie Hall haben nur diejenigen, die außer Tan Duns Sinfonie noch ein zweites Stück vorführen. Das Repertoire ist anspruchsvoll, zur Auswahl stehen etwa Werke von Bach, Mozart, Brahms, Tschaikowsky oder Dvořák.

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