Zu Beginn des zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrags fühlt man sich kurz in eine jener schlimmen Beziehungskomödien zurückversetzt, die über Jahre hinweg das deutsche Filmschaffen prägten. Ein Paar in den Dreißigern kommt am Urlaubsort auf Sardinien an. Man sieht schon all die kleinen und größeren Verwicklungen voraus, die einen schlechten Film ergeben könnten. Regisseurin Maren Ade ( Der Wald vor lauter Bäumen ) umschifft in Alle anderen diese Gefahr. Das liegt zum einen an der Konsequenz, mit der sie ihr Drehbuch umsetzt, zum anderen an den beiden großartigen Hauptdarstellern Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger).

Ades zweiter Langfilm ist ein berührender Beziehungs-Striptease. In seinem Minimalismus wirkt Alle Anderen auf eine angenehme Art zeitlos. In der Vorbereitung habe man sich einschlägige Filme über Beziehungskrisen angesehen, sagt Ade: Bergmans Szenen einer Ehe , Godards Die Verachtung und Antonionis La notte .

Im warmen Mittelmeerlicht seziert Ade den Verfall einer Beziehung. Gitti, die PR-Beraterin, und Chris, der idealistische Architekt, das sind zwei Personen, die eigentlich nicht zusammenpassen, aber sich vielleicht genau deswegen lieben.

Im Urlaub treten ihre Gegensätze unbarmherzig ans Licht. Was mit kleinen Neckereien beginnt, weitet sich zur handfesten Krise aus. Vor allem, als ein zweites, befreundetes Paar auf der Insel Station macht, das so unanständig "normal" und einträchtig und erfolgreich ist, dass die Probleme zwischen Gitti und Chris nur noch deutlicher hervortreten.

Gitti und Chris sind nicht wie diese beiden, sie sind nicht wie "alle anderen". Aber wollen sie das überhaupt? Vorerst suchen sie noch, und die Kamera sieht ihnen unbarmherzig dabei zu, registriert, wie sie sich verletzen, gegeneinander aufbringen, begehren, lieben, alleine lassen, zurückkehren. Das warme Sommerlicht wirkt irgendwann fahl, der Abend dämmert herauf. Schicht um Schicht wird eine Liebesbeziehung demontiert.

Das Gegenmodell, das befreundete Paar, wirkt dabei keineswegs anziehender. Während er sich als selbstsicheres Ekel aufspielt, darf seine Frau ihn anhimmeln. Gitti dagegen sehnt sich nach Nähe. Chris, der beruflich durch eine schwierige Phase geht, hofft auf Bestätigung. Während sie impulsiv und selbstsicher auftritt, und ihm pausenlos ihre Liebe beteuert, verweigert er sich komplett. Sein Selbstbewusstsein ist angekratzt. Zum Macho fehlt ihm der Mut.

Beide verstellen sich für den anderen und verlieren damit zugleich den Ausgangspunkt ihrer Liebe aus den Augen. Maren Ade erzählt von den Hoffnungen und Erwartungen, die jeder Beziehung innewohnen, und um das Austarieren von Machtverhältnissen. Wenn Gitti am Ende wie tot vor Chris liegt und ihm die Tränen über die Wangen laufen, dann ist dieses Ende auch ein Anfang.