Berlinale Tag 7 Vom Umgang mit Dementen und Brutalen
In "Happy Tears" pflegen zwei Schwestern ihren altersverwirrten Vater, die Bäuerin Katalin Varga sucht im gleichnamigen Film ihren Vergewaltiger - am 7. Tag der Filmfestspiele konnte man zusehen, wie Frauen Probleme angehen
And the winner is : Happy Tears von Mitchell Lichtenstein. Zumindest was die bislang peinlichste Pressekonferenz dieser Berlinale angeht. Eine Trauerveranstaltung der besonderen Art. Was nicht an den Darstellern und dem Regisseur lag, sondern an den Fragen der Boulevard-Presse: Demi, was ist Ihnen wichtiger, die Familie oder Ihre Arbeit? Spielen Sie gerne mit Ihren Kindern? Könnten Sie sich vorstellen, einen Film in China zu drehen? Demi, das ist Demi Moore, die nach Michelle Pfeiffer und Kate Winslet noch einmal für ein bisschen Hollywood-Glamour auf der Berlinale sorgt. Allerdings nicht unbedingt mit ihrer schauspielerischen Leistung.
In der Tragikomödie Happy Tears fällt ihr hölzernes Spiel kaum ins Gewicht. Der Fokus liegt auf ihren beiden Kollegen Parker Posey und Rip Torn.
Torn spielt einen demenzkranken alten Mann. Die beiden Schauspielerinnen verkörpern seine Töchter. Während Jayne (Posey) sich hartnäckig weigert, den Tatsachen ins Auge zu blicken, möchte Laura (Moore) ihren Vater lieber heute als morgen im Pflegeheim wissen. Die Rückkehr nach Hause ist für beide eine Rückkehr in die Vergangenheit; dorthin, wo "Wasserfarbenwolken aus Erinnerungen" ihr Unwesen treiben, wie es in einer Schnulze zu Beginn des Filmes heißt.
Einige Minuten lang ist das nett anzusehen. Ellen Barkin als crackrauchende Geliebte, die Träume und Visionen der neurotischen Jayne, die schlechten Witze des Familienoberhauptes. Regisseur Mitchell Lichtenstein hat ein Faible für solch grelle Überzeichnungen. Seine Charaktere wirken wie Comicfiguren. Das gilt für sein Spielfilmdebüt Teeth , in dem eine Frau mit Zähnen in der Vagina Liebhaber und Ärzte um Geschlechtsteile und Finger bringt, und das gilt für seinen diesjährigen Wettbewerbsbeitrag Happy Tears , der vor lauter Knalleffekten irgendwann die Geschichte vergisst.
Das passiert Peter Stricklands Rachedrama Katalin Varga zu keiner Sekunde, zu schwer trägt seine Heldin (Hilda Péter), ein Vergewaltigungsopfer, an ihrem Schicksal. Die Frage, die unausgesprochen über dem ganzen Film schwebt, lautet: Kann man Hass in Liebe verwandeln? Kann man ein Kind lieben, dessen Antlitz jeden Tag, jede Sekunde an den Peiniger erinnert, an die Schmerzen, die Erniedrigung?
Katalin Varga (Hilda Péter) versucht es zumindest. Die junge Frau lebt mit ihrem Mann und dem neunjährigen Sohn in einem kleinen Dorf in Transsilvanien (Siebenbürgen). Als ihr Ehemann eines Tages erfährt, dass er nicht der Vater des kleinen Orbán ist, verstößt er Mutter und Sohn. Mit nichts als einem alten Koffer und einem Pferdewagen zieht Katalin in Richtung Karpaten und man weiß, ohne dass es ausgesprochen werden muss, dass sie nun eine Rechnung begleichen wird.
Sein erstes filmisches Vorbild sei David Lynchs Eraserhead gewesen, sagt der 35-jährige britische Regisseur, der mit Katalin Varga sein Spielfilmdebüt gibt. Tatsächlich erinnert der langsam vor sich hin ruckelnde Pferdekarren an Lynchs Straight Story , in dem sich ein alter Mann mit einem Rasenmäher auf den Weg macht, um seine Vergangenheit zu bewältigen.
- Datum 12.02.2009 - 12:57 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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