Film Der unerschrockene Schwulen-AktivistSeite 2/2

Der Unterschied liegt im Maß des Freiheitsempfindens. Van Sants 70er-Jahre Panorama – das auch auf Archivmaterial aus Robert Epsteins 1985 Oscar-prämiertem Dokumentarfilm "The Times of Harvey Milk“ zurückgreift – ist geprägt vom Aufbruchsgeist und der Libertinage der Jahre vor Aids. Für eine sehr kurze Zeitspanne konnten Homosexuelle sich ins Offene träumen. Harvey Milk war der Held dieser Hoffnung.

Gus Van Sant schart im Fotoladen, bei den Wahlkampagnen und Parties ein Ensemble um Sean Penn, das die überbordende Vitalität jener Ära reanimiert, die Furchtlosigkeit, den Übermut. Manche Weggefährten Milks treten in Nebenrollen auf oder gehörten zum Berater-Team, Kameramann Harris Savides fügt eine kräftige Portion Vintage hinzu, laszive Boy-Posen vor der nächsten Lagebesprechung. Man möchte mitfeiern, wenn Harvey eine seiner legendären Tortenschlachten anzettelt. So ist "Milk" mehr als rekonstruierte Geschichte à la "Baader-Meinhof-Komplex", mehr als die Ergänzung der öffentlichen Bilder um private Momente.

In "Milk" findet etwas statt, was heute seltener ist denn je: die Liaison von Politik und Spaß, Intelligenz und Erotik, Sinn und Sinnlichkeit. Nicht nur Milk hat Charisma, sondern alle um ihn herum, sein Lover Scottie, sein blitzgescheiter Berater Cleve (Emile Hirsch) oder die schlagfertige Wahlkampfmanagerin Alison (Anne Kronenberg). In seinem Zurückzucken vor jeder Machtgeste deutet Sean Penn auch das an: Er weiß, es ist eine kurze Liaison, ein prekäres Glück. Man kann sich nicht sicher sein. Obama steht hinter Panzerglas, wenn er auftritt.

Pathos? Aber ja. Schließlich liebte Harvey Milk wie so viele Schwule die Oper. Und dass er mit Blick auf die "Tosca"-Plakate am Opernhaus stirbt, dass er am Vorabend seines Todes in der Loge weint, gehorcht weniger der Logik des Melodrams als der Chronistenpflicht: Es war so. Übrigens hat kein Schwulenhasser Harvey Milk und den demokratischen Bürgermeister George Moscone am 27. November 1978 erschossen, sondern ein politischer Rivale im Stadtrat. Josh Brolin spielt diesen Dan White als frustrierten Ehemann, und der Film deutet sehr zart an, dass Dan vielleicht selbst homosexuelle Neigungen hegte, die er mit Gewalt unterdrückt. Harvey Milk hat für solche Leute wie seinen Mörder sein Leben riskiert.

"Milk" 10.2., 21.30 Uhr (Zoo-Palast), Kinostart am 19.2. – Epsteins Dokumentarfilm "The Times of Harvey Milk": 11.2., 20 Uhr, 15.2., 14.30 Uhr (beide Cinestar 7)

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service