Berlinale Tag 4 Schöne und böse Überraschungen
Sally Potter stellt in ihrem Wettbewerbsbeitrag "Rage" die Frage nach Wahrheit und Lüge. Lukas Moodysson enttäuscht mit "Mammut"
Das Schlimme an einem Filmfestival wie der Berlinale ist, dass man sich auf nichts verlassen kann. Es ist gleichzeitig auch das Schöne daran. Ehemals verhasste Regisseure begeistern einen plötzlich, während frühere Lieblingsregisseure furchtbare Filme vorstellen. Das Wiedersehen mit einem Klassiker im Begleitprogramm kann einen zutiefst verstören, weil es so gar nicht mit der Erinnerung übereinstimmen mag. In jedem Moment gilt es, die Augen offen zu halten, um diesen einen besonderen Film nicht zu verpassen, der einem eine neue Perspektive, einen Anknüpfungspunkt liefert, um alles zu hinterfragen.
Sally Potters Film Rage ist so ein Fall. In seiner Radikalität erinnert er an Derek Jarmans Vermächtnis Blue . Während Blue 90 Minuten lang eine blaue Leinwand zeigt und den an Aids erkrankten britischen Regisseur aus dem Off über den Tod reflektieren lässt, arbeitet Potter in Rage mit dem Bluescreen-Verfahren und kehrt es um.
Der blaue Hintergrund, der normalerweise dazu genutzt wird, um aufwendige Tricksequenzen oder auch nur die Wetterkarte bei den Abendnachrichten nachträglich einzublenden, wird bei Potter zurückgeführt, auf das was er ist: eine gut ausgeleuchtete farbige Leinwand. Und nichts weiter. Davor: Rund ein Dutzend Akteure – von Jude Law über Steve Buscemi bis Judi Dench, die der Kamera Intimes berichten. Das eigentliche Geschehen findet im Off statt, außerhalb des Bildausschnitts. Nur der Ton erzählt davon.
Rage ist im Mode-Milieu angesiedelt. Ein Unfall und ein Mord lösen eine Krise in der New Yorker Modebranche aus, während parallel dazu die nächste Kollektion vorbereitet wird.
Nach Orlando (1992), Tango Lesson (1997) und Yes (2004) hat sich Sally Potter einer experimentellen Komödie zugewandt, die schrill und überdreht Geschlechterrollen und die Macht der Bilder hinterfragt. Einer der Stars in Potters Film, Jude Law, ist als solcher gar nicht zu erkennen. Erst im Abspann wird er durch seinen Namen in jenem Transvestiten sichtbar, der unter Tonnen von Schminke und grellbuntem Fummel zuvor in eine Handykamera gesprochen hat. Dass diese Handykamera in Wirklichkeit etwas größer ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Es ist die Illusion, die das Kino nährt.
Und auch der eigentliche Hauptprotagonist, ein etwas beleibter Junge, wird den ganzen Film über nicht zu sehen sein. Mit seinem Handy filmt er das Geschehen und führt Hintergrundsinterviews mit allen Beteiligten. Anschließend stellt er die Ergebnisse ins Netz. Michelangelo hat Sally Potter diesen jugendlichen Blogger genannt.
- Datum 13.02.2009 - 14:47 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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