Schon der französische Filmpionier und Illusionist Georges Méliès wusste, dass der Film "vollständig vorgetäuschten Dingen den Anschein der Wahrheit zu geben" vermag. Als Méliès 1902 mit Le Voyage Dans La Lune den ersten Science-Fiction-Film der Filmgeschichte drehte, war die Reise zum Mond so utopisch wie der eine oder andere Einfall, den uns jetzt François Ozon in seinem Berlinale-Beitrag Ricky zeigt. Und doch: Man möchte jede einzelne fantastische Begebenheit dieser Geschichte glauben. Und sei es nur, um sich dem Gefühl hinzugeben, dass die Utopie "Familie", die Ozon zum Schluss von Ricky zur Musik von Cat Power heraufbeschwört, Realität ist.

Ozon präsentiert mit Ricky den bislang ungewöhnlichsten Beitrag dieser noch jungen Berlinale. Nach Annette K. Olesens bemühter Familiengeschichte Little Soldier und Stephen Daldrys gefühlsseliger Adaption von Bernhard Schlinks Erfolgsroman Der Vorleser (Außer Konkurrenz) ist Ricky der erste wirkliche Kandidat für den Goldenen Bären.

Allen drei Filmen ist gemein, dass sie starke Frauenfiguren in Szene setzen und sich auf die eine oder andere Weise um das Thema Familie drehen. Wo beim dänischen Festivalbeitrag Little Soldier allerdings das Drehbuch bei jeder Wendung ächzt, entfaltet Ozons unwahrscheinliche Geschichte eine Plausibilität, die Raum für viele Interpretationen lässt.

Olesen erzählt von einer traumatisierten Kriegsheimkehrerin (Trine Dyrholm). Ob sie aus Afghanistan oder dem Irak zurückkehrt, ist dabei nicht einmal wichtig: Die Wunden, die ihr Leben als Soldatin in ihr hinterlassen haben, sind in jeder Einstellung sichtbar. Olesen zeigt eine Heldin, der ihr Leben entgleitet. Zwischen Wodka, Einsamkeit und den schmutzigen Geschäften ihres Vaters gibt es keinen Platz für Hoffnung. Aus der Hölle des Krieges kehrt sie heim in die Hölle ihrer Heimatstadt, in einem Sumpf aus Frauenhandel, Prostitution und Gewalt. Im Zentrum: ihr Vater.

All das hätte einen guten Film ergeben können. Little Soldier verspielt diese Chance. Das Ringen um Bedeutung, Tragik und Politik kommt derart bemüht und konstruiert daher, dass jede Emphase im Spiel der Hauptdarstellerin zu bloßem Schattenboxen verkommt.

Auch François Ozons Ricky beginnt als Sozialdrama: Eine Mutter, der die Tränen über die Wangen laufen, möchte ihr Kind in ein Heim geben. Sie sehe sich nicht mehr in der Lage, flüstert sie, sich um das Kind zu kümmern.