Musikpresse Grammy nur geborgt

Coldplay haben einen der begehrten Musikpreise erhalten, obwohl sie unter Plagiatsverdacht stehen. Muss man sich nun an geistigen Diebstahl im Popgeschäft gewöhnen? Unsere Musikpresseschau

Jede Woche spiegelt das Echolot, worüber die Fanzines und Feuilletons schreiben

Jede Woche spiegelt das Echolot, worüber die Fanzines und Feuilletons schreiben

Die Große Nacht der Musikindustrie liegt hinter uns, in Los Angeles wurden mal wieder die Grammys verliehen. Die meisten Preise gewannen Robert Plant und Alison Krauss, darunter den Grammy für das beste Album. Die HipHop-Kategorie beherrschte Lil Wayne,  und der Preis für den besten Song ging an Coldplays Viva La Vida. Moment – war da nicht etwas?

Das Lied ist nicht unumstritten, worauf Kai Müller im Vorwege zur Veranstaltung im Tagesspiegel hingewiesen hat. Gerade streitet sich die Band um das Urheberrecht mit dem Stunt-Gitarristen Joe Satriani: "Fällt die Popwelt auf einen Akt geistiger Enteignung herein? Darüber wird nun heftig gestritten. Dass der Coldplay- Hit 'substanzielle Teile' seines eigenen Songs enthalte, wie Satriani behauptet, legen die ins Netz gestellten Parallelmontagen beider Kompositionen nahe. Bei If I Could Fly – veröffentlicht 2004 – handelt es sich allerdings um ein Instrumentalstück, während Viva la Vida von Chris Martins Gesang geprägt ist. Trotzdem: Das Tempo ist identisch, die Akkordfolge nahezu dieselbe und auch melodisch bedient es sich ähnlicher Wendungen."

Schon lange kursiert ein Spruch in Musikerkreisen: Genius steals – talent borrows. Denn eingängige Melodien zu finden, die ungehört sind, ist kaum noch möglich. Vor Gericht ist die Frage entscheidend, ob es sich um unbewussten Klau, kalkulierten Diebstahl oder gar um Zufall handelt. Ausgerechnet Coldplay den Grammy für den besten Song zuzusprechen, ist in jedem Fall eine Ansage.

Anzeige

Müller beschließt seinen Artikel poetisch: "Die aktuellen Prozesse gegen Bushido, Prince, Lou Bega oder Coldplay deuten auf ein wachsendes Dilemma hin. Einerseits ist Popmusik als Sprache weitgehend ausformuliert und kommt um den Rückgriff auf historische Genres und Stile nicht herum. Andererseits ist sie das Ewig-Neue. Niemand kann genau sagen, aus welchen Quellen sich Popsongs speisen. Mitunter schwappen sie wie Flüsse in ein Urstromtal. Im Fall von If I Could Fly und Viva La Vida hat das Flussbett schon ein anderer gegraben."

Die New York Times sieht in den Ehrungen eine fortlaufende Struktur, in der weiche und ehrfürchtige Elemente den aggressiveren jugendlichen Tönen vorgezogen werden. Bereits im vergangenen Jahr siegte Herbie Hancock über Amy Winehouse und Kanye West. Im Jahr 2002 war der Soundtrack zum Film O Brother Where Art Thou? großer Gewinner. Die Musik wurde von T Bone Burnett produziert, der auch  die Musik von Robert Plant und Alison Krauss mitgestaltet hatte, die in diesem Jahr so großzügig geehrt wurde.

Leser-Kommentare
  1. kümmert euch um wichtigeres . ... .
    Es hört sich jedesmal nach Geldgier an . Überlegt euch andere Grundsätze und nicht einen neuen Juristenüberlebensfond .
    Und noch etwas : weg mit den Grammys . das ist Umsonstwerbung für die ohnehin schon reichsten Musiker ---

    Und ausgerechnet ICH bin auch in in der Musikbranche tätig

  2. Musikgeschäft. Entscheidend ist aber, so denke ich, was musikalisch dabei rauskommt. Damit möchte ich keiner Form des geistigen Diebstahls das Wort reden. Aber ich glaube Musiker bewegen sich Würmern gleich im großen Komposthaufen der Musik und manche produzieren, hier hinkt der Wurmvergleich, wunderbare Blüten, die aber, wenn ihre Zeit vorbei ist, wieder kompostiert werden. Es ist ein ewiges Geben und Nehmen.
    Ich denke die Geldgier einzelner aus der Musikindustrie und einer von Sensationen lebenden Presse bläst einen an sich "normalen Vorgang" unnötig auf.

  3. Natürlich gibt es Ähnlichkeiten zwischen den Melodien.

    Der Stein des Anstoßes jedoch, nämlich der charakteristische Vorhalt der Melodie über den kreisenden Harmonien, ist dermaßen üblich und fast schon banal, dass man sich an den Kopf fasst. Im 17. Jahrhundert gab es hunderte von "Songs", die sich über den gleichen Harmonien abspielten, damals hat es niemanden gestört.
    Blues und Rock'n'Roll sind Stile, die Jahrzehnte mit drei Akkorden füllen. Auch hier kein Aufschrei - weil die Qualität der guten Sachen nämlich auf anderen Ebenen erkennbar wird.

    Nur weil ein Großteil der heutigen populären Musik aus Rudimenten der schlicht-tonalen Musik besteht und oft Leute, denen nichts einfällt, zum Erfolg gelangen, muss man nicht gleich Plagiat schreien. Es ist dies nichts weniger als die Krise der Popmusik an sich und Zeichen der Verdinglichung kultureller Werte, wie Adorno treffend analysiert hat.
    Hierzu passt sehr schön der Essay "Musikalische Diebe, unmusikalische Richter".

    Letztlich ist der Drang der Masse nach Musik, die sie im Grunde schon zu kennen scheint, die nur den Schein des Neuen wahrt, der Grund dafür, dass solche Dinge passieren. Wirklich charakteristische Musik wird heute nur noch von Nerds gehört.

    Und hier: http://www.youtube.com/wa...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service