Bundesliga "Ein Live-Spiel gegen die Sportschau – widerwärtig"

Der neue Liga-Spielplan kennt viele Verlierer, etwa TV-Sender und Zuschauer. Doch Liga-Chef Christian Seifert gelingt es, den Zorn der Beteiligten zu zügeln

Aus dem ehemaligen ARD-Programmdirektor Günter Struve brach es während der Diskussion heraus: "Die Sportschau gegen ein Live-Spiel antreten zu lassen, ist das Widerwärtigste, was ich mir vorstellen kann." Und ergänzte mit einer Mischung aus Zähneknirschen und Respekterzeugung an den DFL-Chef Christian Seifert: "Sie haben mich zwischenzeitlich in eine Lebenskrise gestürzt. Doch nun würde ich Sie wieder als Schwiegersohn akzeptieren, mit dem Sonntag haben Sie uns besänftigt."

Die beiden trafen sich auf einem Podium des Sportbusiness-Kongress (Spobis) in München Anfang dieser Woche. Anwesend waren die Protagonisten des Fußballfernsehens und blickten zurück auf das Ergebnis aus dem vorigen Dezember: Premiere wird vier weitere Jahre konkurrenzfreier Live-Sender sein und erhält das Top-Spiel am Samstagabend, also zur Sportschau-Zeit. Die ARD bekommt, als Kompensation für die Schwächung der Sportschau, den Sonntag.

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Doch die ARD hat nicht nur das Recht, sie steht auch in der Pflicht. In der Pflicht deswegen, weil Seifert, wie er nun kundtat, Mindestsendezeit verlangt. Kommt die ARD dem nicht nach, fallen die Rechte an die DFL zurück – und müssen dennoch beglichen werden. Seifert muss hart verhandelt haben.

Seifert muss gut verhandelt haben, denn der Bundesliga-Sonntag ist ein Ladenhüter. Die neuen Rechte-Inhaber wissen selbst nicht, was sie damit anfangen sollen. Wie das Fußballprogramm am Sonntag aussehen wird, kann man im Moment nur ahnen. Ab 21.45 Uhr dürfte die ARD, doch dann läuft Anne Will, sie will man nicht antasten. Blieben also die Tagesthemen, eine Nachrichtensendung, oder die Dritten Programme. Es wird wohl eine Mischung aus beidem geben. Auch wurde öffentlich, dass das Sendefenster der ARD um 23 Uhr schließt, mehr als Kurzberichte sind also in den Tagesthemen (22.45) nicht drin.

"Man wird sehen, was wir machen", zuckte WDR-Sportchef Steffen Simon mit den Schultern. "Ich würde 21.45 Uhr mit der Machete durchsetzen", erwiderte Struve – im Wissen darum, dass er, der Emeritus, diese Schlacht im föderalen Dickicht ARD nicht mehr schlagen muss. Gut für den Fußball sei es jedenfalls, dass sich die ARD ihm annimmt. Der Vorstand von EM.Sport und Vertreter des DSF, Rainer Hüther, verlor angesichts der Selbstgefälligkeit der Herren der ARD fast die Fassung. Das DSF ist aktueller Sonntagssender und wird ab der neuen Saison die Rechte verlieren, weil ihm im Kampf gegen die ARD das Geld fehlte.

Auch vertreten war das Bundeskartellamt, das im Sommer 2008 festgelegt hatte, dass samstags eine zeitnahe Höhepunktberichterstattung vor 20 Uhr stattfinden muss. Damit durchkreuzte es der DFL die lukrative Vereinbarung mit dem Kirch-Konsortium Sirius. Seifert bekräftigte, die 20-Uhr-Grenze "juristisch klären" lassen. Eine Kampfansage an die Behörde, von dem sich Seifert nicht das Fernsehprogramm vorschreiben lassen möchte.

Das Kartellamt wird sich künftig zweimal überlegen, ob es sich mit dem Fußball anlegt, hat es doch durch den neuen Spielplan das Gegenteil dessen erreicht, was es beabsichtigt hatte: Statt die Verbraucher zu schützen, hat es (indirekt) zwei Quasi-Monopolisten gestärkt: ARD und vor allem Premiere. Wie die Zuschauer und Fans das neue Modell annehmen, ist sehr fraglich. Ab der kommenden Saison wird der Bundesliga-Spieltag weiter zerteilt: Eins der sechs Samstagsspiele wird von 15.30 auf 18.30 Uhr verschoben, sonntags wird zu unterschiedlichen Zeiten angepfiffen, statt bislang drei wird es pro Spieltag fünf Anstoßzeiten geben. Für Vermarkter eine Wunschvorstellung. Für viele Fans und Traditionalisten ein Grund zum Protest. Doch Seifert kann den schwarzen Peter dem Kartellamt zuschieben: "Das Kartellamt hat uns dazu gezwungen."

Eine Frage wird auch sein: Wer spielt am Samstagabend, und was bedeutet das für die TV-Reichweite des Fußballs? Angekündigt ist es als Top-Spiel der Woche. Doch wie das konkret aussieht, wird auch von den TV-Quoten abhängen, der Währung der Sponsoren. Adidas, Teilhaber Bayern Münchens, wird in der Frage sicher ein Wörtchen mitreden. Premiere dürfte seine Wünsche bescheiden formulieren. Denn es wurde auch deutlich, wer in der Beziehung zwischen DFL und Premiere Koch und wer Kellner ist. Premiere hat nach dem Verständnis Seiferts der DFL dankbar zu sein: "Die DFL hat Premiere gestützt."

 
Leser-Kommentare
    • zetti
    • 06.02.2009 um 7:58 Uhr

    Für was die öffentlich Rechtlichen unsere GEZ Gebühren für´s Fußball verbrennen, entzieht sich eh meinem Verständnis. Premiere ist OK und der Rest könnte auf DSF oder RTL laufen. Wo ist das Problem?
    Zetti

  1. Redaktion

    Richtig, Zetti. Sport ist in Deutschland aber auch immer Staatssport. Zum Teil zumindest.

    • eluutz
    • 06.02.2009 um 12:21 Uhr

    Ich gönne es prinzipiell der DFL, gute Geschäfte in ihrer Vermarktung zu machen. Gleichzeitig bin ich aber sehr enttäuscht von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, was die Sportberichterstattung insgesamt betrifft.

    In Deutschland werden sehr viele Sportarten ausgeübt, viele auch in einer sehr großen Breite und auf hohem Niveau. Wir bekommen von den Öffentlich-Rechtlichen seit Jahren Fußball geboten, in der ARD die 1. und teilweise die 2. Liga, in den 3ten oft die Regionalliga. Andere Breitensportarten schaffen es ausserhalb von Events wie z.B. Olympia oder Weltmeisterschaften nicht in das 1te oder 2te Fernsehen. Warum eigentlich?

    Fußball interessiert 'jeden', weil Fußball seit Jahren eine große Öffentlichkeit hat. Ist unsere Handball-Bundesliga so wertlos, dass sie - wenn überhaupt - nur in den 3ten gezeigt wird? Was ist mit Basketball, Volleyball, Hockey, ...? Tennis mit seinem Eventcharakter (große Tuniere) wurde früher übertragen, sind da die Rechte so teuer?

    Oder ist Sport insgesamt einfach zu unwichtig gegenüber TopEvents wie regelmässigen Volksmusik-Übertragungen?

    Ich will nicht ungerecht sein, denn dem Sport wird viel Programm eingeräumt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, leider bleibt es bei Fußball und Ergebnissen, die teilweise mit Kurzfilmen oder Photos aufgefrischt sind. Schade.

  2. Redaktion

    Ja, eluutz, sehe ich genauso. Wobei ich aufpassen muss, denn mein Steckenpferd ist der Fußball. Allerdings bin ich nicht einem Rundfunkstaatsvertrag unterworfen.

  3. Wo wird denn mal die Verantwortlichkeit der DFL besprochen? Die Herren in Frankfurt waren es schließlich, die sich durch jedes Fettnäppchen schreitend in diesen katastrophalen Rechtevertrag gerettet haben. Dabei wurde ungefähr jeder vor den Kopf gestoßen, der auf dem Wege lag und ein Ergebnis erzielt, das ohne Mehrertrag die Fußballkultur in Deutschland völlig - und vor allem zum Negativen - umbaut.

    Um der ARD das gegen die Sportschau zu sendende Livespiel zu versüßen, hat man denen den Sonntag dazu geschenkt und war der Meinung, das "Anne Will" in einem Superwahljahr irgendwo hin in die Nacht verschoben wird? Wie realitätsfern muss man eigentlich sein, um so einen Mist zu bauen? Die DFL gibt das Korsett vor, innerhalb dessen sich die Verwerter bewegen dürfen. Erster Ansprechpartner, wenn was schief läuft, ist also die DFL. Und nicht de ARD, die wollten den Sonntag nämlich eigentlich gar nicht.

  4. Redaktion

    Na ja, Schwatzmann, die Beiträge, die Sie vermissen, sind im Text verlinkt:
    http://www.zeit.de/online...
    http://www.zeit.de/online...

    Gegen die Intervention des Kartellamts muss ich die DFL ein wenig in Schutz nehmen. Ich bin keiner, der freie Bahn für den kommerziellen Sport fordert. Aber das war schon ein wenig kurios.

    Das Argument mit dem Superwahljahr kenne ich, finde es aber nicht sehr stark. Die Bundestagswahl ist Ende September, der neue TV-Plan beginnt im August. Das ist keine große Überschneidung, da hätte man eine Lösung finden können. Will man aber nicht, denn Anne Will ist eine erfolgreiche Sendung. Wahljahr hin, Wahljahr her.

    Aber es stimmt natürlich: Der Bundesliga-Sonntag ist ein faules Ei. Da muss sich die DFL was einfallen lassen. Aber deren Phantasie ist beschränkt. Andererseits kommt sie um den Sonntag wegen der Europapokalterminierung nicht herum.

  5. das Zustandekommen der Kartellamtsentscheidung, da bin ich ehrlich, bewerte ich rein subjektiv als Fußballfan. Und unter diesen Gesichtspunkten kann ich den Einspruch der Kartellwächter natürlich nur unterstützen. Eine andere Frage wäre doch, ob das Kartellamt mit seiner Entscheidung nicht genau denjenigen einen Gefallen getan hat, die das alles am heftigsten kritisieren.

    Ursprünglich wollte die DFL ja die samstäglichen Free-TV-Zusammenfassungen auf 22 Uhr legen. DAS Massenmedium zur Verbreitung des Bundesligafußballs wäre so massiv entwertet worden. Im Übrigen vor allem für die Sponsoren. Herr Hufnagel von S20 kritisiert ja jetzt schon das Livespiel am Samstagabend und die drohende Verdrängung der Sonntagszusammenfassungen in die Dritten. Was wäre erst passiert, wenn die Quoten der Samstags-Sportschau wegen eines Sendetermins um 22 Uhr auf einmal massiv eingebrochen wären? Die Sponsoreneinnahmen, immerhin die höchsten in der ganzen Welt, wären massiv zurückgegangen. Und dies ja mit Recht, da weniger Erreichbarkeit auch weniger Geld wert ist. Für die Vereine ein Nullsummengeschäft. Mehr Fernseheinnahmen wären durch weniger Sponsoreneinnahmen halbwegs aufgefressen worden. Das hat das Kartellamt der Liga einen Dienst erwiesen, den die Liga bis heute nicht kapiert. Ein weiterer Ausweis für die strategische Inkompetenz der Verantwortlichen an der DFL-Spitze.

    Zum Sonntag: Gegen Bundesligaspiele am Sonntag habe ich grundsätzlich nichts. Denn da liegt ja auch gar nicht das Problem. Das Problem ist das Livespiel am Samstag, dass die DFL Premiere zuliebe unbedingt durchdrücken wollte. Erst deswegen ist es nötig geworden, der ARD die Sonntagsspiele zu geben, so wurde das DSF verärgert und so kommt es jetzt zum Hickhack um den Übertragungstermin. Die Sonntagsspiele sind als Posten viel mehr wert als ein Livespiel am Samstag. Ausschließlich dem Unvermögen der DFL, in 15 Jahren den heimischen Pay-TV-Markt nicht kultiviert zu haben, ist es zu verdanken, dass es nun zu dieser Entwicklung gekommen ist. Mit Premiere haben wir nur einen Player im Pay-TV, der zudem höchst marode ist. Das kostet die Vereine Geld und die Fans dürfen die Zeche zahlen durch unmögliche Anstoßzeiten und Zersplitterung der Spieltage. Für mich ist und bleibt die DFL das Grundproblem in dieser Auseinandersetzung.

  6. Redaktion

    Ich bin mit vielem einverstanden, was Sie sagen (und habe es in einigen Texten bereits geschrieben). Die Entscheidung des Kartellamts mag sogar wirklich der Liga geholfen haben - wenn auch als zufällige Folge und nicht aus Absicht. Dennoch finde ich es fraglich, wenn eine Behörde das Fernsehprogramm bestimmt.

    Das Problem ist, dass die DFL die Aufgabe hat, so viel Fernsehgeld wie möglich rauszuholen. Und dabei orientiert man sich an England. Aber der deutsche Markt funktioniert anders. Man kann da wohl nicht viel mehr rausholen.

    Der DFL fehlen Phantasie und Ideen.

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    Her Fritsch, ich sehe die Aufgabe der DFL etwas differenzierter. Es geht nicht allein darum, den größtmöglichen Ertrag an Fernsehgeldern zu generieren. Das ist nur ein Teil des Mosaiks. Es geht darum, eine Waage herzustellen, die den Profifußball so ausgewogen macht, dass er weiterhin das rauschende Fest ist, wie ihn die Fans ja diese Saison zweifellos erleben.

    Fernsehgelder sind eine Komponente, andere Komponeten sind, den öffentlichen Zugang der Fans zum Fußball so frei zu gestalten, dass sich

    a. Sponsoren so reichweitenstark wie möglich präsentieren können.

    b. die Fans weiterhin unsere tollen Stadien vollmachen und zu einem stimmungsvollen Ort machen können

    c. auch der Unterbau des Fußballs - die Amateurligen - weiter überleben können.

    Diese drei von mir genannten Punkte gefährdet die DFL und somit auch den Fortbestand des Fußballs in Deutschland in einer sinnvollen Form. Bereitwillig flankiert vom DFB, dessen Vorsitzender lieber skurrile Rechtsstreitigkeiten gegen einen freien Journalisten führt, anstatt sich um die Befindlichkeiten seiner Klientel zu kümmern. Aber auch hier wird ja zum Glück auf bald Flagge gezeigt, Streikpläne gegen den Spielplan von ersten Amateurvereinen sind mir bekannt und in Planung.

    Einen weiteren entscheidenden Punkt erwähnen sie selber: Die DFL eifert englischen Verhältnissen nach. Also Verhältnissen, in denen die Vereine mit fast 4 Milliarden Euro verschuldet sind und sich nur noch über externe Investoren retten können, die wiederum kein anderes Interesse haben, als die Preisschraube anzuiehen. Und wie sieht es jetzt in England aus? Versitzplatze Stadion zu horrenden Eintrittpreisen nur für die Oberklasse. Das System, dem nachgeeifert wird, ist de facto gescheitert. Was für Leute sind das, die diese Verhältnisse zu ihrem Ziel machen? Es sind Mittelklasse-Manager, die von anderen Posten, wo sie gescheitert sind, an die DFL-Spitze entsorgt wurden und dort nun ungebremst Unsinn machen dürfen auf den Rücken der Fußballfans in Deutschland.

    Her Fritsch, ich sehe die Aufgabe der DFL etwas differenzierter. Es geht nicht allein darum, den größtmöglichen Ertrag an Fernsehgeldern zu generieren. Das ist nur ein Teil des Mosaiks. Es geht darum, eine Waage herzustellen, die den Profifußball so ausgewogen macht, dass er weiterhin das rauschende Fest ist, wie ihn die Fans ja diese Saison zweifellos erleben.

    Fernsehgelder sind eine Komponente, andere Komponeten sind, den öffentlichen Zugang der Fans zum Fußball so frei zu gestalten, dass sich

    a. Sponsoren so reichweitenstark wie möglich präsentieren können.

    b. die Fans weiterhin unsere tollen Stadien vollmachen und zu einem stimmungsvollen Ort machen können

    c. auch der Unterbau des Fußballs - die Amateurligen - weiter überleben können.

    Diese drei von mir genannten Punkte gefährdet die DFL und somit auch den Fortbestand des Fußballs in Deutschland in einer sinnvollen Form. Bereitwillig flankiert vom DFB, dessen Vorsitzender lieber skurrile Rechtsstreitigkeiten gegen einen freien Journalisten führt, anstatt sich um die Befindlichkeiten seiner Klientel zu kümmern. Aber auch hier wird ja zum Glück auf bald Flagge gezeigt, Streikpläne gegen den Spielplan von ersten Amateurvereinen sind mir bekannt und in Planung.

    Einen weiteren entscheidenden Punkt erwähnen sie selber: Die DFL eifert englischen Verhältnissen nach. Also Verhältnissen, in denen die Vereine mit fast 4 Milliarden Euro verschuldet sind und sich nur noch über externe Investoren retten können, die wiederum kein anderes Interesse haben, als die Preisschraube anzuiehen. Und wie sieht es jetzt in England aus? Versitzplatze Stadion zu horrenden Eintrittpreisen nur für die Oberklasse. Das System, dem nachgeeifert wird, ist de facto gescheitert. Was für Leute sind das, die diese Verhältnisse zu ihrem Ziel machen? Es sind Mittelklasse-Manager, die von anderen Posten, wo sie gescheitert sind, an die DFL-Spitze entsorgt wurden und dort nun ungebremst Unsinn machen dürfen auf den Rücken der Fußballfans in Deutschland.

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