"Was die Europäische Zentralbank im Moment tut, ist komplett nutzlos", sagt Patrick Artus. Um die Rezession zu bekämpfen, hat die EZB den Leitzins für Euroland seit vergangenem Herbst mehrere Male gesenkt – zuletzt im Januar auf 2,0 Prozent. Weitere Senkungen werden nichts nutzen, findet Artus, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. Deshalb schlägt er ein ungewöhnliches Mittel vor: Die EZB soll künftig den Unternehmen direkt Kredit geben, wie es die US-Notenbank Fed seit vergangenem Oktober bereits tut.

Dass der EZB-Rat am Donnerstag den Leitzins nicht erneut ändern würde, galt schon vor seinem Treffen als sicher. "Die nächste wichtige Sitzung ist im März", hatte ihr Präsident Jean-Claude Trichet schon im Januar gesagt.

Artus ist nicht der einzige Ökonom, der die EZB auffordert, das Kreditgeschäft der Banken zum Teil zu übernehmen. Auch José Alzola, früher Europa-Chefvolkswirt der Citigroup und jetzt bei The Observatory Group, plädiert dafür. "Der Bankensektor funktioniert nicht." Soll heißen: Eigentlich stünde der Wirtschaft durch die bisherigen Zinssenkungen im Euroraum genügend Geld zur Verfügung, um nötige Investitionen zu finanzieren – wenn die Banken es nur an die Unternehmen weitergäben.

Doch aus Angst vor der unsicheren Zukunft horten die Finanzhäuser die Mittel lieber oder deponieren sie wieder bei der Zentralbank. So bleiben die Institute liquide. Den Firmen aber fehlt Fremdkapital, und die Zinspolitik der EZB verpufft.

Zwar scheint in Deutschland derzeit noch keine Kreditklemme zu herrschen. Die Bundesbank berichtet allenfalls von strengeren Bedingungen, denen sich Schuldner unterwerfen müssen. "In Deutschland steigt die Summe der Neuausleihungen moderat", bestätigt auch Thomas Mayer, Euro-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Aber in anderen Ländern ist sie rückläufig. Über ganz Euroland gerechnet sinkt die Summe der neuen Kredite." Das kann die Wirtschaftskrise verstärken.

Viele Euro-Experten fürchten deshalb, dass bloße Zinssenkungen bald nicht mehr ausreichen werden, um die Konjunktur zu stabilisieren. Die Mitglieder des vom Handelsblatt einberufenen "EZB-Schattenrats", 15 Euro-Ökonomen aus verschiedenen Banken und Ratingagenturen, forderten die Zentralbank vor wenigen Tagen auf, endlich einen "Plan B" vorzulegen. Sie müsse "dringend darlegen, wie eine koordinierte Antwort des Euro-Gebiets (auf die Krise)  aussehen sollte", sagte Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland.