Studienanfänger Demografisches Chaos

Doppelte Abiturjahrgänge, sinkende Geburtenraten, Abwanderung: Die demografische Entwicklung stellt die Unis in Ost und West vor sehr unterschiedliche Herausforderungen

Manchmal vergeht Axel Freimuth ganz plötzlich der Appetit. Dann, wenn er mittags von seinem Büro zur Mensa geht und er auf dem Weg dorthin in den Fluren Studenten sieht, die mit ihren Laptops auf den Knien auf dem Boden sitzen, weil nicht genügend PC-Arbeitsplätze vorhanden sind. "Da denke ich immer, das muss doch nicht sein", sagt der Rektor der Universität Köln.

Seine Universität gehört zu den beliebtesten in ganz Deutschland, lange machte sich das auch in den Studentenzahlen bemerkbar. Die Hochschule war chronisch überlastet, Hörsäle platzten aus allen Nähten, und statt hochklassiger Lehre war Mängelverwaltung angesagt. Die Uni Köln hat inzwischen in fast allen Studiengängen einen Numerus clausus eingeführt und so die Überlast abgebaut.

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Freimuth könnte damit zufrieden sein, wäre da nicht der Hochschulpakt 2020. Diese Abmachung zwischen Bund und Ländern verpflichtet den Kölner Rektor, 900 Studenten mehr pro Jahr aufzunehmen und vorher die Überlast des Jahres 2005 wiederherzustellen. Seine Universität, die sich gerade erst auf eine annehmbare Größe geschrumpft hatte, muss nun wieder wachsen.

Der Grund: die demografische Entwicklung und die doppelten Abiturjahrgänge durch die Einführung des G-8-Abiturs, die den alten Bundesländern bis 2020 steigende Studienanfängerzahlen bereitet. In den neuen Bundesländern dagegen sinkt die Zahl der Studienanfänger, weil weniger Kinder geboren werden und viele Studierwillige in den Westen abwandern. Den einen Hochschulen droht die Überfüllung, den anderen das langsame Ausbluten.

2014 könnten die deutschen Hochschulen 2,7 Millionen Studenten haben, so eine Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK). Das ist deutlich mehr als heute, wo knapp zwei Millionen eingeschrieben sind. Die Zahlen der KMK gelten jedoch als zu hoch angesetzt, um mehrere Hunderttausend Studenten variieren die Prognosen, wie viele Studenten denn nun in den kommenden Jahren an die Hochschulen strömen werden. Doch auch wenn sich die Kultusminister verrechnet haben, so steht doch fest, dass es in einigen Ländern deutlich mehr Studenten als heute geben wird.

Der 2007 verabschiedete Hochschulpakt soll 91.000 zusätzliche Studienplätze schaffen und gleichzeitig verhindern, dass die Hochschulen in den neuen Bundesländern Kapazitäten abbauen. Sie sollen, so die Idee, die Überhänge aus den alten Bundesländern auffangen.  "Volkswirtschaftlich völliger Quatsch"  sei es, Kapazitäten im Osten abzubauen und im Westen gleichzeitig aufzustocken, findet Thimo von Stuckrad vom CHE Consult, einer Tochterfirma des Centrum für Hochschulentwicklung. Er hat die demografischen Perspektiven für Sachsen untersucht, wo die Bevölkerung bis 2020 je nach Prognose um sechs bis neun Prozent schrumpfen wird. "Es wäre ja vernünftig, wenn die Hochschulen schrumpfen", sagt von Stuckrad. Gerade in Ostsachsen macht sich die Mischung aus geringen Geburtenraten und Abwanderung statistisch bemerkbar: So wird die Gruppe der 17-bis 19-Jährigen in den Kreisen Görlitz und Zittau innerhalb der kommenden drei Jahre um knapp 60 Prozent zurückgehen, verglichen mit dem Durchschnittswert der Jahre 2000 bis 2004.

Das ist für Friedrich Albrecht ein riesiges Problem. Er ist Prorektor für Lehre an der FH Zittau-Görlitz. "Wir sind noch stärker betroffen als der Rest des Landes", sagt er. Bislang konnte er seine Studienanfängerzahl halten, knapp 800 fangen jedes Jahr in Zittau-Görlitz an. Um das langfristig zu sichern, hat Albrecht neue Studiengänge aufgelegt, die es nur selten in Deutschland gibt, darunter Kommunikationspsychologie oder Heil- und Behindertenstudien. "Wir können nicht das Standardprogramm anbieten. Da sind Unis wie Dresden und Leipzig immer attraktiver", sagt er. Daneben will seine Hochschule verstärkt Studenten aus dem nahen Tschechien oder Polen gewinnen, und auch in den alten Bundesländern wirbt man in den Schulen.

Diese Strategie verfolgt auch Gabriele Beibst, Rektorin der FH Jena. Vor Kurzem hatte sie Lehrer aus Bayern zu Besuch, denen sie die Hochschule zeigte. Davon verspricht sich Beibst langfristige Multiplikatoreffekte. Daneben wirbt auch sie in den Schulen und versucht, Alleinstellungsmerkmale zu erarbeiten.

"Wir wollen eine Studentenwanderungsbewegung erzeugen", sagt Beibst. Das wird auch dringend nötig sein, denn trotz der Erhöhung der Studienplätze können vermutlich nicht alle Interessenten in den alten Bundesländern bedient werden. "Es wird nicht ausreichen", sagt Ralf-Michael Weimar, Sprecher des Wissenschaftsministeriums in NRW. Das Bundesland gründet neue Fachhochschulen und baut die bestehenden aus.

Auch Baden-Württemberg und Bayern investieren stark in ihre Hochschullandschaft. So stellte der Freistaat Bayern knapp eine Milliarde Euro, die sogenannte "Forschungsmilliarde", bereit, um die Hochschulen zu erweitern und bis 2012 38.000 zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Im Nachbarbundesland Baden-Württemberg sind 16.000 weitere Studienplätze angepeilt, in erster Linie in solchen Studienfächern, in denen für die Absolventen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt bestehen. Während Bayern seine Campi auch baulich vergrößert, versucht Baden-Württemberg in erster Linie über Anmietungen mehr Raum zu schaffen. An der FH Deggendorf in Niederbayern werden zum Beispiel 7500 Quadratmeter geschaffen, indem man anbaut.

Auch Köln baut: „Wir haben einen riesigen Baubedarf. Die Gebäude sind für 25.000 Studenten ausgelegt, wir haben aber 44.000“, sagt Rektor Freimuth. 6000 Quadratmeter hat er angemietet, um die Bauphase zu überbrücken, denn ein neues Lehrgebäude, ein Bio- und ein Altersforschungszentrum baut man nicht von heute auf morgen. Andere Hochschulen scheuen Neubauten, weil sie wissen, dass ab 2020 die Zahl der Studienanfänger wieder sinken könnte. Diese Sorgen macht sich Axel Freimuth nicht: „Die Uni Köln wird immer überproportional nachgefragt werden“, sagt er. Ob seine Vorbereitungen reichen, um dem "Studentenberg" zu begegnen, kann er jetzt noch nicht abschätzen, sondern vielleicht erst 2013, wenn der doppelte Abiturjahrgang in NRW an die Hochschulen strömt.

 

 
Leser-Kommentare
  1. Ich kann diese Debatte nur mit Kopfschütteln kommentieren.

    Meine Kritik möchte ich mit dem zentralen Begriff "Vorlesung" an der Universität beginnen: Das stammt aus einer Zeit als Bücher teuer waren und der Professor seine Texte zentral vor den Studenten vorgelesen hat.

    Seit diesen Tagen hat sich die Technik weiterentwickelt - man staune - an einigen Universitäten werden Vorlesungen auf DVD angeboten. Diese Vorlesungen haben den Vorteil, dass man Sie wiederholen, vorspulene, zurückspulen, anhalten, und überall auf der Welt anschauen kann. Zwischenfragen sind dabei genau so unmöglich wie in einem Vorlesungssaal mit 1000 Menschen, der für 500 ausgelegt wurde. Aber das ist auch nicht tragisch, eine Vorlesung ist auch kein Seminar, Tutorium oder Übung.

    Auch eine stoffbezogene Diskussion ist heute nicht mehr geographisch Raumgebunden. Man kann in Foren diskutieren, online per Konferenz, oder sich in einer Kneipe treffen usw. Wichtig ist hierbei die Disziplin der Teilnehmer und wünschenswert wäre pro Übungsgruppe ein erfahrener Doktorant oder vielleicht Masterstudent in einer Bacheloregruppe usw.

    D.h. das alte Denken - für 45.000 Studenten brauchen wir auch die Räumlichkeiten ist eben veraltet. Natürlich wären riesige Vorlesungssäle auf Topniveau wünschenswert, aber es geht auch ohne - die klassische "Vorlesung" ist doch zunehmend überholt, es gibt andere Möglichkeiten effektiver und bequemer zu kommunizieren. Man muss nur beginnen neue Wege zu denken.

    Die Zukunft liegt in kleineren, betreuten Übungs und Tutoriengruppen. Hier muss die Größe diskussionsfreundlich festgelegt werden. Übungsgruppen mit 100 Leuten sind nichts weiter als Abschreibeveranstaltungen. Das geht auch mit STR-C heute, bzw. mit einem Kopierer.

    Die Uni sollte viel mehr auf die psychologischen Aspekte des Lernens eingehen. Das Studium sollte mehr wie ein sportliches Gehirntraining mit Coach und Trainingsplan angesehen werden, die Trainingsmethoden sind egal - solange der Erfolg stimmt. Es geht also um die Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Einerseits durch reinen Konsum - Vorlesung. Und andererseits durch Kommunikation - Übung, Tutorium.

    Wenn man sich mit dem Lernen auseinandersetzt, so fällt auf, dass es unterschiedliche Lernstrategien gibt, die auch bei jedem Menschen abweichen. In meinem Studium suche ich solches Fachwissen meist vergeblich.

    Man kann die Hochschullandschaft heute massiv umorganisieren und sogar die Ergebnisse verbessern - man muss es nur wollen. Die Sanierung der Gebäude und eine zweckdienliche Architektur nach neuesten (auch gebäudeenergetischen) Standarts ist sicherlich wichtig und wünschenswert - aber einfache Änderungen in der Strategie und ein Wille zur Verbesserung sind in meinen Augen viel Entscheidender für das System.

    Egal in welchem Fach wir uns bewegen - das Lernen am Computer und auch da s Prüfen von Wissen per Computertest, ermöglichen vollkommen neue Möglichkeiten in einem nicht bekannten Außmas. Jeder kennt die bliebten "Onlinequize" - z.B. "kennen Sie Knigge?" usw. Wieso prüft man nicht auch so das Wissen der Studenten ab - unabhängig von genauen Daten und Uhrzeiten, zu geringen Kosten?

    Es geht in vielen Fächern erst einmal um das Aneignen von Basiswissen - Egal ob Medizin, BWL oder Maschinenbau - ohne geht es nicht. Die Prüfung zielt genau auf diese Qualitätskontrolle ab - bisher musste der Aufbau so starr sein, stellt jede Prüfung doch ein organisatorisches Problem dar - das muss nicht so sein - und ganz nebenbei kann man die Möglichkeiten zu betrügen reduzieren.

    Mündliche und schriftliche Tests können so vielleicht nicht vollständig ersetzt, aber deutlich reduziert werden. Das Lernen und Studieren kann, wenn die Universitäten endlich beginnen Strukturen zu schaffen, in den nächsten Jahren revolutioniert werden. Wissen ist zu immer kleineren Grenzkosten über Internet und in elektronischer Form abrufbar.

    Hier sollte man Ansetzen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich hoffe, wenn meine Tochter dann so etwa um 2025/26 rum mit dem studieren anfängt sind Ihre Vorstellungen endlich Realität! Aber meiner Cousine, die dieses Jahr im WS anfangen will, rate ich in den Osten der Republik zu gehen. Nicht nur Platz und Betreuung an der Uni, dazu noch keine Studiengebühren, viel Wohnraum, günstige Mieten, schön-sanierte Städte und - für einen NRW-ler unvorstellbar - richtig viel Platz!

    Meine primäre Sorge ist dagegen erstmal, ob unser Kindergarten länger auf haben wird als 12:30 Uhr und ob meine Tochter später mal bis nachmittags fasten muss.

    In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!

    Ich hoffe, wenn meine Tochter dann so etwa um 2025/26 rum mit dem studieren anfängt sind Ihre Vorstellungen endlich Realität! Aber meiner Cousine, die dieses Jahr im WS anfangen will, rate ich in den Osten der Republik zu gehen. Nicht nur Platz und Betreuung an der Uni, dazu noch keine Studiengebühren, viel Wohnraum, günstige Mieten, schön-sanierte Städte und - für einen NRW-ler unvorstellbar - richtig viel Platz!

    Meine primäre Sorge ist dagegen erstmal, ob unser Kindergarten länger auf haben wird als 12:30 Uhr und ob meine Tochter später mal bis nachmittags fasten muss.

    In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!

  2. Ich hoffe, wenn meine Tochter dann so etwa um 2025/26 rum mit dem studieren anfängt sind Ihre Vorstellungen endlich Realität! Aber meiner Cousine, die dieses Jahr im WS anfangen will, rate ich in den Osten der Republik zu gehen. Nicht nur Platz und Betreuung an der Uni, dazu noch keine Studiengebühren, viel Wohnraum, günstige Mieten, schön-sanierte Städte und - für einen NRW-ler unvorstellbar - richtig viel Platz!

    Meine primäre Sorge ist dagegen erstmal, ob unser Kindergarten länger auf haben wird als 12:30 Uhr und ob meine Tochter später mal bis nachmittags fasten muss.

    In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!

    Antwort auf "Veraltetes Denken"
    • Isel
    • 11.02.2009 um 21:51 Uhr

    Es scheint mir doch sehr paradox, in den neuen Bundesländern in Studiengänge zu investieren, die besonders "rentabel" für den Areitsmarkt sind, dafür aber die Kapazität für "unbeliebtere" Studiengänge zu verkleinern. Werden wir dann alle nur Wirtschaftspädagogen oder Manager? Dort steckt doch das Potenzial unsere Gesellschaft, wenn man den Medien glaubt. Ich denke, dass dann Kreativität und Individualität verloren gehen. An einer guten Universität geht es doch um die Diversität!
    Und dann das Kommentar von dem Professor von der Uni Köln! Es ist für mich unfassbar, solche Aussagen gegenüber den Medien zu tätigen. Das zeigt, dass dieser Mensch keine Ahnung von Bevölkerungdynamik hat. Es ist doch klar, dass es immer Unis geben wird, die besonders beliebt sind und es utopisch wäre, allen, die studieren wollen, auch einen Platz an ihrer Wunschuni zu geben. Die Universitäten in den NBL sind größtenteils sehr gut, manchmal sogar besser als die in den ABL. Deshalb ist es auch unklug, die Kapazitäten in den ABL zu vergrößern, weil diese doch eh schon überlaufen sind. Stattdessen sollten die Unis in den NBL attraktiver in den Medien dargestellt werden.

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