Journalismus-Seminar Faszination Skandal
Hamburger Studenten sprachen mit Udo Röbel, Gabriele Pauli und Natascha Kampusch. Nun erscheint der Interviewband "Skandal!"
"Den Papst haben wir nicht bekommen", sagt Silvia Worm, 29, und lächelt. Sie sitzt in einem Bahnhofscafé in der Nähe eines Zeitschriftenladens. Titelblätter voller Schlagzeilen und Ausrufungszeichen stehen in den Zeitungsständern, sie berichten vom "Nazi-Skandal im Vatikan" und von der "Jewish Outrage". Gerade hat Papst Benedikt XVI den Holocaust-Leugner Richard Williamson zurück in die Kirche geholt. Die Empörung der internationalen Presse bestätigt Silvia Worm und ihre Kommilitonen: Skandale sind eines der spannendsten Felder des Journalismus.
Zwei Semester lang haben sich 28 Journalistik-Studenten an der Uni Hamburg unter der Anleitung von Professor Bernhard Pörksen und Journalist Jens Bergmann mit der Wirkung von Skandalen beschäftigt. Nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch: in Form von Interviews mit Menschen, die durch Skandale berühmt wurden, oder von ihnen zu Fall gebracht wurden. Diese Gespräche wurden jetzt in dem knapp 350 Seiten umfassenden Buch Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung veröffentlicht.
Zu Wort kommen der ehemalige Stasi-Spitzel Sascha Anderson, der RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock und die Politikerin Gabriele Pauli. Und Journalisten, die an den großen Medienskandalen der BRD beteiligt waren: der Barschel-Affäre, dem Gladbecker Geiseldrama und der Veröffentlichung gefälschter Hitler-Tagebücher im Stern.
Silvia Worm traf Natascha Kampusch
Den besten "Scoop" aber landete Silvia Worm zusammen mit der 21-jährigen Friederike Meister. Ihnen gelang, woran selbst die großen deutschen Zeitschriften scheiterten: Sie bekamen einen Interviewtermin mit Natascha Kampusch, die nach ihrem Ausbruch aus einer acht Jahre andauernden Gefangenschaft im Jahr 2006 von den internationalen Medien belagert wurde.
"Wir wollten hauptsächlich wissen, wie sie mit den Boulevardmedien umgeht“, sagt Silvia Worm. Und lernte: Ein wesentlicher Bestandteil von Natascha Kampuschs Medienstrategie ist die rigorose Blockade von Interviewanfragen durch ihre Pressesprecher. Drei Monate lang habe sie teils mehrmals täglich bei ihnen angerufen, sagt Worm. Immer ohne Erfolg.
Meister und Worm vertrösteten sich damit, Kampuschs früheren Pressesprecher und Krisencoach Dietmar Ecker zu interviewen, als sie es auf dem Weg zum Gesprächstermin ein letztes Mal auch bei Kampusch versuchten. "Ich wollte mich nicht damit abfinden", sagt Worm. Sie habe gedacht: "Wenn wir schon auf dem Weg nach Wien sind, könnten wir auch da vorbeigehen." Aus dem Zug rief sie Kampuschs Agentur an. Die Studentinnen hätten echtes Glück, hieß es, Frau Kampusch sei nachmittags in der Agentur und habe Lust auf das Interview.
Die umfassende Vorbereitung in den ersten Semestermonaten machte sich verdient – das Spontaninterview wurde ein Erfolg. Knapp eine Stunde sprach Natascha Kampusch mit den beiden Studentinnen, und berichtete, wie sie über Nacht zur internationalen Berühmtheit wurde – und eigentlich nur in Ruhe gelassen werden wollte.
"Ihre Sprache ist extrem präzise. Sie hat auch großen Wert darauf gelegt, dass wir sie möglichst genau zitieren und wenig interpretieren. Daran haben wir uns gehalten", erinnert sich Worm. "Es gab überhaupt kein Problem mit der Autorisierung. Zwei Tage hat es gedauert, und wir hatten das Interview wieder."
Nicht immer geht es im Medienbetrieb so glatt mit der nachträglichen Freigabe der Interviews durch die Gesprächspartner – einer Praxis, die sich in Deutschland etabliert hat und dazu führen kann, dass die pikantesten und spannendsten Interviewpassagen von Pressesprechern wieder gestrichen werden.
"Mein Interview in England lief ganz anders ab, als ich das aus Deutschland kenne", sagt Dominik Betz, der sich als Chefredakteur des Hamburger Studentenmagazins Injektion engagiert und ebenfalls am Skandal-Seminar teilnahm. Zusammen mit seinem Kommilitonen Cliff Lehnen interviewte er Clarence Mitchell, den PR-Berater, der Kate und Gerry McCann half, das Medieninteresse an ihrer im Portugalurlaub verschollenen Tochter Maddie aufrecht zu halten. "Mitchell teilte nur das mit, was er auch später abgedruckt sehen wollte, statt im Nachhinein alles rauszustreichen und umzuschreiben."
Dominik Betz machte in England neue Erfahrungen mit Interviews
Bei einigen anderen Interviews des Seminars sei hart gerungen worden, berichtet Betz, doch letztlich seien alle Gespräche, die im Buch veröffentlicht wurden, dicht an den tatsächlichen Gesprächssituationen geblieben.
Finanziert wurden die Interviewreisen nach Wien, London und quer durch Deutschland durch die Unterstützung der Forschungs- und Wissenschaftsförderung der Uni Hamburg. Doch zumindest einen Teil der Seminar-Auslagen galt es wieder reinzuholen, als im zweiten Semester der Spieß umgedreht wurde: Aus den Studierenden, die sich eben noch mit PR-Agenturen und Pressesprechern abquälten, wurden nun selbst Öffentlichkeitsarbeiter. Das Buch und seinen Inhalt galt es umfassend zu vermarkten und Vorabdrucke der Interviews an professionelle Medien zu verkaufen.
Die Studenten hätten gezeigt, dass sie als Journalisten arbeiten können, bilanziert Pörksen das Praxisseminar, das sein drittes und letztes dieser Art an der Uni Hamburg war. Und obwohl er von seinen Studierenden mehr forderte, als viele seiner Kollegen, hat er die Lust auf guten Journalismus noch geschürt. "Eins habe ich gemerkt", sagt Silvia Worm, "Interviews zu führen liegt mir.“
- Datum 09.02.2009 - 15:50 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren