ZEIT ONLINE: Frau Uchida, als Zwölfjährige zogen Sie mit Ihrer Familie von Japan nach Wien und gingen dort sofort auf die Musikhochschule. Wie kamen Sie in dieser völlig fremden Welt zurecht?

Mitsuko Uchida: Mein Vater wurde damals als Botschafter nach Österreich berufen. Den Umzug empfand ich als großen Schock, mein ganzes Leben hatte sich plötzlich verändert. Ich traf auf eine andere Sprache, eine andere Kultur, ein anderes Klima und andere Menschen. Als ich in Wien ankam, verstand ich kein Wort Deutsch. Die Musik bekam für mich dort eine ganz neue Bedeutung. Bis dahin war ich eine normale Schülerin, die nebenbei Klavier spielte. Nun war ich plötzlich Studentin an der Musikhochschule, das ging sehr schnell. In Japan hatte ich ein Mal Aida gesehen, als die italienische Oper ihr erstes Gastspiel gab. In Wien war das Musikleben vielfältiger. Schon ein paar Tage nach meiner Ankunft besuchte ich eine Aufführung von Carmen, die Herbert von Karajan dirigierte.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig war Ihnen vorher das Musizieren?

Uchida: Seit ich drei war, bekam ich Klavierunterricht. Besonders gefallen hat mir das allerdings nicht, weil ich hauptsächlich üben und nicht spielen sollte. Hanon-Übungen, bitteschön! Damals habe ich meine Zeit ziemlich vergeudet. Ich setzte mich höchstens für eine Stunde am Tag ans Klavier. In Wien änderte sich das dann völlig.

ZEIT ONLINE: Wie stark hat die Stadt Ihre Vorstellungen von Musik geprägt?

Uchida: Mit Wien verbinde ich vor allem den Dreierrhythmus der Ländler und Walzer, dieses etwas schlamperte Schleppen. Bei Wiener Walzern von Schubert kommt der zweite Schlag immer viel zu früh und der dritte zu spät. All dies steckt auch in mir, das ist mein Wiener Blut. Gestört hat mich aber immer, dass die Leute in Wien meinen, sie wüssten alles über Kultur. In London ist man da viel offener und toleranter.

ZEIT ONLINE: Von Wien sind Sie in den siebziger Jahren nach England gezogen. Wie sehr sind Sie noch mit der japanischen Kultur verwurzelt?

Uchida: Schwierig zu sagen, das könnten Außenstehende vielleicht besser beurteilen als ich. Auf jeden Fall ist mir die Sprache immer noch sehr nah. Ich kann Japanisch sprechen und lesen, obwohl ich nie wieder richtig in dem Land gelebt habe. Von meinem Denken her bin ich aber Europäerin. Neben Englisch ist mir Deutsch sehr wichtig. Um Johann Sebastian Bach zu verstehen, muss ich seine Sprache können. Das merke ich auch, wenn ich Beethoven und Schumann spiele. Wenn man deutsche Lieder ohne Wörterbuch verstehen kann, macht das einen riesigen Unterschied. Deutsch habe ich nicht erlernt, sondern erlebt – darüber bin ich sehr dankbar.

ZEIT ONLINE: Sie haben Mozarts gesamte Klaviersonaten und -konzerte auf CD eingespielt, ebenso alle Konzerte Beethovens und fast alle Sonaten von Schubert. Reizt es Sie, bestimmte Komponisten vollständig zu ergründen?

Uchida: Je mehr ich über sie erfahre, desto besser ist es. Die sinfonischen Werke und vor allem die Streichquartette von Beethoven bedeuten mir sehr viel. Auch Mozarts Opern wollte ich unbedingt kennenlernen. Seine Werke interpretiere ich inzwischen anders als vor 25 Jahren, als ich die Sonaten aufnahm. Das liegt allerdings weniger an mir als an Mozart selbst. Seine Musik verändert sich von Tag zu Tag.

ZEIT ONLINE: Sie sammeln altes englisches Porzellan und besitzen auch eine Tasse, die aus Mozarts Geburtsjahr 1756 stammt.

Uchida: Ich war einmal ziemlich verzweifelt darüber, wie schlecht mein Mozart-Spiel klang. Das ist jetzt etwa 30 Jahre her. In einem Geschäft in London entdeckte ich dann diese große Tasse und wusste sofort, dass ich sie haben wollte.

ZEIT ONLINE: Hat das Ihr Klavierspiel beeinflusst?

Uchida: Nein, überhaupt nicht! (lacht) Man versucht halt alles, um der Welt solcher Komponisten näherzukommen. Auf Originalinstrumenten zu musizieren, hilft mir bei dieser Suche dagegen sehr. Im Kunsthistorischen Museum in Wien steht ein historischer Walter-Flügel aus der Mozart'schen Zeit. Ich liebe dieses Instrument und habe darauf sogar ein Konzert gespielt.

ZEIT ONLINE: In Ihren Programmen kombinieren Sie gern Mozart, Schubert oder Schumann mit Werken der Zweiten Wiener Schule …

Uchida: … oder mit noch späteren Kompositionen. Kürzlich habe ich in Salzburg ein Programm mit Stücken von Mozart, Boulez und Kurtág aufgeführt. Das Publikum kam sicherlich in erster Linie wegen Mozart, aber ich möchte auch interessante zeitgenössische Musik spielen. Man kann nicht nur in der Vergangenheit leben, die Welt bewegt sich weiter. Zu Mozarts Zeiten gingen die Leute in Konzerte, um neue Musik kennenzulernen. Heute will das Publikum dagegen fast immer nur Werke hören, die längst bekannt sind. Das finde ich sehr schade. Es ist wichtig, verschiedene Epochen miteinander zu mischen und große Musik zu würdigen, gleich ob sie alt ist oder neu.

ZEIT ONLINE: In den USA spielen Sie regelmäßig mit jungen Musikern. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Uchida: Gemeinsam mit Richard Goode leite ich das Marlboro Festival in Vermont, wo jeden Sommer Nachwuchsmusiker mit erfahrenen Kollegen hauptsächlich Kammermusik aufführen. Unsere Idee ist, dass die Älteren die Jüngeren nicht unterrichten, sondern gemeinsam mit ihnen musizieren. Die jungen Leute haben noch nicht so viel erlebt, aber sie sind offen und voller Träume. Mich mit ihnen zu beschäftigen, gibt mir persönlich sehr viel.

Das Gespräch führte Corina Kolbe.

Mitsuko Uchida
ist in dieser Saison "Pianist in Residence" bei den Berliner Philharmonikern. Am 11., 12. und 13. Februar führt sie mit dem Orchester unter Leitung von Sir Simon Rattle das "Klavierkonzert a-Moll op. 54" von Robert Schumann auf. Alle drei Konzerte sind ausverkauft.


Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik "

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.