Der Fall Morsal Familie als Gefahr
Im Prozess um die 16-jährige Morsal ist ihr Bruder heute wegen heimtückischen Mordes verurteilt worden. Ein Interview zum Thema Ehrenmord, Zwangsheirat und Gewalt

© photocase
Zwangsheiraten kommen auch in christlichen Familien vor
Das Hilfsprojekt Lale in Hamburg berät Migranten, die von Gewalt und Zwangsheirat bedroht sind.
ZEIT ONLINE : Vor dem Landgericht Hamburg ging heute der Prozess gegen Ahmad O., der seine Schwester Morsal getötet hat, zu Ende. Morsal erlitt immer wieder Gewalt durch ihre Angehörigen, schaffte es aber nicht, aus der Familie auszubrechen. Wie schwierig ist es für ein junges Mädchen, gegen eigene Familienmitglieder auszusagen und sich eventuell ganz von ihnen zu lösen?
Dilara Aydin* : Auch wenn Gewalt erlebt wird, geben Familien gleichzeitig viel, wie etwa Verantwortung, Geborgenheit, Schutz. Menschen aus anderen Kulturkreisen hängen oft sehr stark an ihren Familien. Es ist nicht einfach, sich aus solch einer Bindung zu lösen, aber für ein junges deutsches Mädchen wäre es das auch nicht.
Mariana Pineda* : Besonders schwierig ist es, wenn die Familie aus einem Kriegsgebiet geflüchtet ist. Häufig mussten sie mit ansehen, wie Familienmitglieder getötet wurden, sie sind mit vielen Traumata behaftet. Die gemeinsame Flucht bindet sehr stark. Wenn eine junge Frau aussagt, muss sie damit leben, aus ihrer Sicht den Ruf der Familie ruiniert zu haben. Viele können das nicht.
Aydin : Diese Familien haben oft eine kollektive Aufenthaltsgenehmigung. Wird einer straffällig, verliert die gesamte Familie ihren Aufenthaltsstatus. Auch das kann eine junge Frau natürlich davon abhalten, gegen ein Familienmitglied auszusagen.
ZEIT ONLINE : Wer kommt zu Ihnen in die Beratung?
Pineda : Hauptsächlich jüngere Frauen, die unter Gewalt in der Familie leiden, bereits gegen ihren Willen verheiratet wurden oder von Zwangsheirat bedroht sind. Es kommen auch Freunde, die wissen wollen, wie sie helfen können. Wir beraten auch junge Männer, von denen die Familie verlangt, dass sie ihre Schwestern schlagen, die das aber nicht wollen. Standardfälle gibt es nicht.
ZEIT ONLINE : Wie gehen Sie vor, wenn eine junge Frau Gewalt in der Familie ausgesetzt ist oder zwangsverheiratet werden soll?
Dilara Aydin : Wir schauen genau hin, welchen Hintergrund die Person hat. Sehr wichtig ist, ob sie hier aufgewachsen oder gerade erst zugewandert ist, aus welchem Land sie stammt, welchen sozialen und kulturellen Hintergrund sie hat. Der Aufenthaltsstatus spielt eine große Rolle, ebenso finanzielle Fragen. Und wir müssen immer abschätzen, wie gefährlich die Familie ist.
- Datum 13.02.2009 - 10:53 Uhr
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