Jazz in den USA Mehr als nur Musik

Die AACM, eine schwarze Künstlergruppe aus Chicago, kämpft seit vier Jahrzehnten für Gleichberechtigung und die Freiheit der Töne. Ein neues Buch erzählt ihre Geschichte

Alles beginnt im Chicago der frühen sechziger Jahre: Vor einem Palmenbild sitzt eine unauffällig gekleidete Frau an einer Orgel, neben ihr zwei schüchtern wirkende junge Musiker in Anzügen und schmalen Krawatten. Sie lächelt in die Kamera, es ist ihr Trio. Das Classic Organ Trio von Amina Claudine Myers.

Später wird sie Rastazöpfe tragen und auffällige Kleidung. Aber zu dieser Zeit, 1964, hat sie nur wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Ihr Interesse, die Techniken und Klangästhetik der zeitgenössischen experimentellen Musik auf den Jazz zu übertragen, bleibt vom Publikum unbeachtet. Nicht akzeptiert. Schwarze Musik als Kunst, dafür gibt es kein Konzept. Schon gar nicht für schwarze Musikerinnen im Bereich der Improvisation.

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Auch der junge Chicagoer Pianist Muhal Richard Abrams sieht die Missstände, gestärkt durch die Vorläufer der Black-Panther-Bewegung, die ein neues schwarzes Selbstbewusstsein fordert. Im Mai 1965 gründet er mit Anthony Braxton, Roscoe Mitchell und Fred Anderson die AACM, die Association of the Advancement of Creative Musicians – die Vereinigung zum Fortschritt Schöpferischer Musiker.

Die Mitglieder möchten ihre Kunst selbstbestimmt und unabhängig von institutionellen Zwängen ausüben. Dabei geht es von Anfang an um mehr als nur Musik. Die AACM transportiert eine Lebenseinstellung, die kulturelle Wurzeln, Spiritualität, Gender, Community-Arbeit und die Ganzheit der Kunst umfasst.

So beginnen die Mitglieder der AACM, Kinder von der Chicagoer South Side kostenlos zu unterrichten. Ein Schüler von Abrams ist 1974 der 19-jährige Posaunist und Philosophiestudent George Lewis. Er tritt der AACM bei. Ende der Neunziger, Lewis ist mittlerweile ein anerkannter Musiker und Professor an der Columbia University, macht ihm sein Mentor den Vorschlag, die Geschichte der AACM aufzuschreiben. Eine riesige Aufgabe, denn es gibt kein vorhandenes Archiv oder bereits existierende Arbeiten dazu.

Lewis macht sich daran, die Mitglieder der AACM nach und nach aufzusuchen, Interviews zu führen, Artikel und Liner Notes, Flyer für Konzerte und private Fotos der Musiker zu sichten. Mehr als 70 Gespräche hat er geführt, Soli transkribiert, Kassettenmitschnitte restauriert und so eine Organisation umrissen, die fest verankert ist in der künstlerischen Entwicklung des Jazz und der Freien Improvisation, wie auch in der sozialen und politischen Entwicklung Chicagos.

Die Geschichte der AACM lässt sich nicht lösen von der Geschichte Chicagos, der Windy City am Lake Michigan. Sie ist eng verbunden mit der  Armut und Gewaltbereitschaft der Jugendlichen in der South Side, die immer wieder zu Rassenunruhen führt.

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