Stadt der Zukunft Urbane Utopien
Seitdem es Architekten gibt, existiert auch die Vision von der idealen Stadt. Ein Überblick über die fantastischsten Pläne aus dem 15. Jahrhundert bis heute

© MAD Office Ltd. 2008
Ob es die chinesische Planstadt Lingang ist, die derzeit um einen künstlich angelegten kreisrunden See in der Provinz Shanghai entsteht, oder die Insellandschaften in Form mehrerer Palmen, auf der die Scheichs von Dubai trotz Weltwirtschaftskrise weitere Luxusvillen errichten lassen: Architektonische und städteplanerische Großprojekte faszinieren die Menschen.
Das gilt heute wie vor 500 Jahren, als der Urvater der Stadtutopie – der florentiner Bildhauer und Architekt Filarete – seine Ideen entwickelte. Er beschrieb schon im 15. Jahrhundert in seinem 25-bändigen Werk Trattato d'architettura , wie sich in der Idealstadt Architektur und Zusammenleben zu einem harmonischen Organismus zusammenfügen.
Filarete entwarf nicht nur Strukturen, Straßenzüge und Gebäudetypen, sondern einen gesamten Verhaltenskodex für alle Bewohner dazu. Dafür erntete er Bewunderung und Spott gleichermaßen. Umgesetzt wurde von seiner Vision wenig. Der sternförmige Stadtgrundriss von Palmanova in Norditalien spielt formal auf seine Arbeit an. Vor allem legte Filarete jedoch den Grundstein des für Jahrhunderte gültigen Paradigmas des Städtebaus, dass die ideale Gesellschaft in einer idealen Architektur verwirklicht werden könnte.
Auch hypermoderne Stadtvisionen, die ohne sozialen Anspruch einer besseren Welt auskommen, vermitteln mehr als ein bloßes ästhetisches Programm. Bei jeder Vision von Stadt geht es auch immer um eine bestimmte Vision vom Zusammenleben.
Claude-Nicholas Ledoux nahm 1775 die Planung von Salzgewinnungswerken im französischen Arc-et-Senans zum Anlass, den Auftrag zu einer Idealstadt umzuinterpretieren. Auch er setzte auf das didaktische Potenzial bildhafter Baustrukturen – im Zentrum der von ihm entworfenen Arbeiterstadt Chaux stehen die Salinenanlagen, die Wohnhäuser stehen gleichberechtigt im Kreis darum.

Wer einen Neuanfang plant, kann nach Lingang ziehen, der künstlichen Stadt, die an der chinesischen Küste aus dem Nichts entsteht. Der kreisrunde Entwurf erinnert an die Pläne des Italieners Filarete im 15. Jahrhundert genau wie an die Entwürfe von Ebenezer Howard um das Jahr 1902
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beflügelten technischer Fortschritt und politische Utopien die Stadtvisionen. Ebenezer Howards Garden Cities of To-Morrow sah suburbane Satellitenstädte als naturnahe Kommunen noch sehr positiv, die Zeichnungen von kreisförmigen Siedlungen spielten an mittelalterliche Darstellungen von göttlicher und irdischer Welt an.
Bevor Frank Lloyd Wright 1932 mit Broadacre City ein ideales Suburbia entwarf, in dem Hubschrauber und Autos als gänzlich unproblematisch galten, stellte sich schon 1925 der Plan Voisin für Paris von Le Corbusier dem Problem einer hoch verdichteten Innenstadt. Auch wenn weder dieser Plan noch Broadacre City je umgesetzt wurden, prägen beide bis heute städtebauliche Praktiken.
Dass die Umsetzung eines idealen Plans nicht immer die vorausgedachte ideale Stadtgemeinschaft mit sich bringt, zeigt das Großvorhaben von Brasilia. Die Brasilianer Lucio Costa und Oskar Niemeyer schufen in den Fünfzigerjahren den Präzedenzfall einer gebauten Utopie. Brasilia wurde in wenigen Jahren errichtet und zeugt vom Glauben an die Übereinstimmung von Ästhetik und Gesellschaft. Es wird gerne auf das Scheitern der Vision hingewiesen, obwohl Brasilia schlichtweg mit denselben Problemen zu kämpfen hat wie jede andere Millionenstadt.
Nicht mehr ganz so eindeutig waren die Stadtutopien der Sechziger- und Siebzigerjahre zu verstehen. Besonders die Gruppe Archigram war in erster Linie ein Pop-Art-Phänomen und erst danach ein Architekturbüro. Archigrams Plug-In-City und Walking-City kommentierten viel mehr den standardisierten Massenwohnungsbau, als dass sie Lebenswelten schaffen wollten. Die gigantischen stählernen Maschinen ihrer Zukunftsstädte bezogen ihren Reiz aus der poppigen Techno-Ästhetik, später griffen die Architekten Renzo Piano und Richard Rogers diesen Stil in abgemilderter Form auf, für ihren Entwurf des Centre Pompidou in Paris.
Gigantische Raumtragwerke, die Entfaltungsmöglichkeiten für eine freiere Gesellschaft bildeten, wurden zu einem viel diskutierten Thema. Günter Domening und Eilfried Huth aus Graz legten mit der Überbauung Ragnitz einen der radikalsten Entwürfe der Zeit vor. Verwirklicht wurde unter anderem die Überbauung der Berliner Stadtautobahn an der Schlangebader Straße. Der Gebäudekomplex von Georg Heinrichs weist nicht nur formal in Richtung der utopischen Megastructures .

Rem Koolhaas' Entwurf für ein kreisrundes Hochhaus in Dubais "Waterfront City" wurde von der mondgroßen Raumfähre "Death Star" aus der Science-Fiction-Serie "Star Wars" inspiriert
Stadtutopien besitzen selbst dann einen leicht totalitären Beigeschmack, wenn sie so fröhlich wirken wie Archigrams Entwurfscollagen. Darauf wollte der Italiener Adolfo Natalini mit seinem Team namens Superstudio hinweisen. Superstudio zeichnete sinnentleerte und brutal wirkende Stadtvisionen, deren Ausdruckskraft allerdings eher fasziniert, als dass sie schockiert.
Was bei Superstudio noch als bissige Satire galt, wurde von dem niederländischen Architekten Rem Koolhaas bereits in dessen The Voluntary Prisoners ins Positive verkehrt. Inspiriert von der Berliner Mauer war seine Abschlussarbeit an der Architecture Academy London eine Stadtvision, bei der sich Zynismus und Optimismus die Waage hielten.

Die Satellitenaufnahme der "Waterfront" zeigt den Umriss der Jebel-Ali-Insel – einer von drei künstlich angelegten Insellandschaften in Palmenform vor Dubai. Das 1,9 Milliarden Quadratkilometer große Areal umfasst mehrere Stadtteile und soll Lebensraum für 1,5 Millionen Menschen werden. Das Zentrum Waterfront City wird von dem "Office for Metropolitan Architecture" (OMA) des Niederländers Rem Koolhaas gestaltet
Ein aktueller Plan für die Waterfont City Dubai bedient sich ähnlicher theoretischer Konzepte. Ein mit dem Skalpell ausgeschnittenes und transplantiertes Stück Manhattan soll dieses Viertel darstellen. Dabei werden "das Eigenschaftslose und das Fantastische" die Eckpfeiler der Stadt werden, Marketing hat einen festen Platz in der Stadtplanung bekommen.
Ähnlich optimistisch sehen die Architekten Gerkan Marg und Partner die Zukunft von
Lingang New City
nahe Shanghai. Diese Stadtneugründung erweckt durch ihre Kreisform ähnlich religiöse Assoziationen wie die Gartenstädte von Ebenezer Howards. Da auch in China wirtschaftliche Pragmatik Vorrang vor Sozialutopien hat, dürften alle Ähnlichkeiten mit früheren Idealstädten rein ästhetischer Natur sein.
Aus China selbst von den Architekten MAD stammt der
Entwurf
Super Star
– ein riesiger dreidimensionaler Stern als Lebensraum für 1,5 Millionen Menschen, die darin Energie- und CO
2
-neutral leben können. Auch wenn die Realisierung eines solchen Projektes unmöglich ist, zeigt der Entwurf doch, wie lebendig Stadtutopien sind. Und er zeigt, dass sich die Stadt der Zukunft immer ein Glücksversprechen bereithält – in diesem Falle das der Freiheit.
- Datum 19.05.2009 - 13:13 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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So utopisch sin die gebäse auch wieder nicht. Bis 2020 ist das ganze Design sowieso schon genauso selbstverständlich, wie heute ein Touchscreen-Handy. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das Zukunftsprognosen die Menschheit immer unterschätzen. :-)
Die erwähnten Konzepte und Projekte können noch um ein Beispiel erweitert werden.
In Curitiba wurden von Anfang an der öffentliche Verkehr sowie Wohn-und Arbeitsräume aus städtebaulicher Sicht organisch verbunden. Urbanisten pilgern dorthin um das praktische Resultat zu beurteilen.
http://www.curitiba-paran...
Die zu beobachtende weltweite Städtewucherung ist das Resultat von verfehlter globaler Wirtschaftsplanung, welche zu massiver Landflucht in Richtung Städte geführt hat. Dadurch werden die ökonomischen Kraftfelder aufgezeigt, welche sowohl auf dem Land wie in den Städten immensen Schaden anrichten. Nicht geplantes harmonisches Wachstum, sondern ökologische Ueberbeanspruchung, Verschmutzung, soziales und wirtschaftliches Elend werden dadurch produziert.
Stadtutopien werden der gesamtgesellschaftlichen Dimension der Stadt insofern nicht gerecht, als sie oft auf einer architektonischen und technischen Ebene angesiedelt sind, im narzistischen Elfenbeinturm von elitären Geistern. Die Stadt ist aber ein gesellschaftliches Phänomen, das mit politischen und wirtschaftlichen Massnahmen zu steuern ist. Architekten und Urbanisten sind die Ausführenden, sofern vorher ein übergreifendes Konzept geschaffen wurde. Das ist meines Wissens nirgends der Fall.
Es existieren bereits wunderbare städtebauliche Konzepte, nur das Denken Vieler ist dafür nicht bereit, zu unflexibel. Architektur bedeutet weit mehr, als hier umschrieben. Architektur kann man schwer wissen oder vermitteln. Man muss Architektur leben; den Wesenszug erkennen. In diesem Bereich steckt ein gigantisches Potenzial, und wenn ich ein hoher Entscheidungsträger eines Staates wäre, würde ich als erstes ein Ministerium für Architektur starten, aber nicht nach dem Muster des 20. Jahrhunderts, sondern weiser, allumfassend.
Ich fände es toll, derlei Themen ausgeprägter zu beleuchten, zumal uns unsere `gebaute´ Welt mehr beeinflusst, als wir zuzugeben bereit sind.
Ob Architektur nun erstarrte Musik ist, oder Musik hervorruft, bleibt dahingestellt.
Man könnte die Frage mit einem Atemzug beantworten.
Aber die richtige Frage ist oft wichtiger, als die richtige Antwort.
Schlussendlich bleibt ein klägliches `Hm´ übrig.
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