Es gab schon strittigere Berlinale-Entscheidungen als in diesem Jahr. Mit Claudia Llosas La Teta Asustada ( Milk Of Sorrow ) gewinnt wenn nicht der beste, dann doch einer der eindrücklichsten Filme des Festivals den Goldenen Bären. Ein Film, der ein Gefühl hinterlässt und einen hineinzieht in eine klaustrophobische, von Angst geprägte Innenwelt. Hauptdarstellerin Magaly Solier hat nicht unwesentlich Anteil am Gelingen dieses Films.

Die Intensität mit der sie Fausta, ein traumatisierte junge Frau spielt, reiht sich ein in eine ganze Reihe herausragender Frauendarstellungen auf diesem Festival: von Birgit Minichmayr (Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung) in Maren Ades prämiertem Beziehungsdrama Alle Anderen (Großer Preis der Jury) über Kerry Fox in Hans-Christian Schmids leer ausgegangenem Kriegstribunalsfilm Sturm bis hin zu Brenda Blethyns Darstellung einer verzweifelten Mutter in London River (Silberner Bär für Blethyns Kollegen Sotigui Kouyté).

Es war, rückblickend betrachtet, die Berlinale der Schauspieler. Selten zuvor waren so viele Filme im Festival vertreten, die das Spiel ihrer Hauptdarsteller über jedes formale Experiment stellten. Anders als in den Jahren zuvor gab es auch nicht den einen Film, der alle anderen überstrahlte. Stattdessen gab es viele kleine Filme, mit eigenen Visionen und Zugängen.

La Teta Asustada ist hierfür das beste Beispiel. Die 32-jährige Regisseurin Claudia Llosa hat einen rätselhaften, verschlossenen Film gedreht, der von ihrer Heimat Peru erzählt. Die dunklen Jahre, die Jahre des Terrors, bilden den historischen Hintergrund. Zehntausende Frauen wurden in jener Zeit vergewaltigt und verschleppt. Die maoistische Guerillaorganisation "Leuchtender Pfad" kämpfte gegen die Staatsmacht, mit furchtbaren Auswirkungen für die Bevölkerung. Auch für die Mutter der von Magaly Solier verkörperten Heldin Fausta. Ihre Tochter hat diese dunklen Erfahrungen aufgesogen.

Der deutsche Synchrontitel Die Milch des Leids bezieht sich darauf, wenngleich die wörtliche Übersetzung von La Teta Asustada - "Die verschreckte Brust" - noch deutlicher macht, was in Fausta vor sich geht. Ihr Leben ist von Angst geprägt. Angst vor Nähe, vor Berührung, vor allem aber Angst vor Männern. Zum Schutz vor Eindringlingen trägt sie eine Kartoffel in ihrer Vagina, es ist eines der vielen seltsamen poetischen Bilder, die die Regisseurin für ihren Film findet. Magaly Solier verkörpert diese Heldin mit einem Seelenflattern, das sich von der Leinwand direkt auf den Zuschauer überträgt.

Ganz ähnlich wie in Maren Ades gleich zweimal ausgezeichneten, großartigen Beziehungsdrama Alle Anderen (Großer Preis der Jury, Silberne Bär für die Beste Schauspielerin).

Der Deutsche Film, der in diesem Jahr mit mehreren hochkarätigen Filmen im Wettbewerb vertreten war ( Sturm , The International , Deutschland 09 ), hat zu sich selbst gefunden. Wie selbstverständlich kann er heute neben internationalen Produktionen bestehen und sich doch seine Eigenheiten bewahren. Filme wie Alle Anderen machen zuversichtlich, was die Zukunft des deutschen Kinos angeht.