Dokumentarfilm Mein Leben im Knast
Michel Vaujour verbrachte 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Immer wieder versuchte er zu fliehen. Nun ist sein Leben verfilmt worden. Ein Gespräch mit dem Ausbrecher-König
ZEIT ONLINE: Ob mithilfe einer Pistole aus Seife oder an Bord eines Hubschraubers, Ihre Ausbrüche sind in Frankreich legendär. Sie haben bereits 2005 ein Buch, Ma plus belle évasion ( Meine schönste Flucht ), veröffentlicht, in dem Sie von Ihrer Kindheit, der jahrelangen Haft, den Ausbrüchen sowie von Ihrer letztlichen Freilassung 2003 schreiben. Was hat Sie noch am Projekt von Fabienne Godet gereizt?
Michel Vaujour: Ich hatte schon mehrere Angebote bekommen, doch jedes Mal sollte ich in eine Schublade gesteckt werden: "Der ist ein Verbrecher“, "das ist was Spektakuläres“, "der ist ein Held“. Doch ich will nicht in der Vergangenheit leben. Das Einzige, was ich weitergeben möchte, ist meine Einstellung zum Leben, die in all diesen Jahren des Verbrechens und des Kampfes in Gefängnissen in mir gewachsen ist. Es war eine tiefgreifende Entwicklung. Das hatte Fabienne verstanden.
ZEIT ONLINE: In der Dokumentation zeigen Sie unglaubliche innere Stärke.
Vaujour : Ich habe mich durch die harte Schule verändert, bin immer tiefer in mich eingedrungen, bis zu etwas, was ich nicht erwartet hatte zu sein. Je härter der Weg ist, desto mehr Kräfte entdeckt man in sich, Kräfte, von denen man nichts wusste und die man vielleicht immer noch nicht kennen würde, wenn man nicht gezwungen worden wäre, weiter zu gehen.
ZEIT ONLINE: 1986 bekamen Sie während eines Banküberfalls in Paris einen Kopfschuss ab. Kaum aus dem Koma erwacht und mit einer halbseitigen Lähmung wurden Sie in Isolationshaft gesteckt. 17 Jahre lang.
Vaujour : Durch diese Erfahrung bin ich geworden, was ich heute bin. Ich hatte Glück und musste weiter gehen als normal. Und durchhalten. Ich glaube, dass man alles erreichen kann, wenn man bereit ist, alles zu opfern - ganz besonders das, was man glaubt zu sein.
ZEIT ONLINE: Sie fesseln die Zuschauer.
Vaujour : Das ist die schöne Überraschung des Films: die Reaktion der Leute! Ich dachte, dass meine Erfahrungen mich weit von den anderen entfernen würden. Aber nein, die Leute sind von dem Film berührt. Sie finden sich in meiner Einstellung zum Leben irgendwie wieder. Das bedeutet, sie tragen etwas Ähnliches in sich.
ZEIT ONLINE: Selbst Gefängnispersonal, das Sie von der "anderen Seite“ kennt, bedankte sich bei Ihnen.
Vaujour : Das ist ein komisches Gefühl. Sie sagen, dass selten jemand von drinnen so offen spricht über sein Bedürfnis, sich gegenüber der Verwaltung und den Gefängnisaufsehern zu schützen. Auch für die Familien der Häftlinge kann der Film hilfreich sein, um besser zu verstehen, was ihre inhaftierten Verwandten erleben, aber vielleicht nicht in Worte fassen können.
- Datum 13.02.2009 - 19:14 Uhr
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