Bundesliga-Presseschau Jürgen Klinsmanns hochnäsige Zuversicht

Die Zweifel an Klinsmanns Eignung als Trainer wachsen. Das Hertha-Kollektiv fährt Lob ein. Schalke ist so beliebt wie Hartmut Mehdorn, nur erfolgloser. Eine Presseschau

Hertha BSC ist nach dem 2:1 gegen Bayern München Tabellenführer, und Markus Völker (taz) kann sich keinen Reim darauf machen: "Was läuft da in Charlottenburg für ein merkwürdiges Experiment? Wie kommt es, dass Berlin aus zwei Torschüssen zwei Tore macht und zum x-ten Mal mit einem Tor Unterschied als Sieger vom Platz geht? Wie, verdammt noch mal, ist das möglich, obwohl wichtige Leute fehlen? Und wieso ist die Abwehr so stabil, obgleich ein Spieler von Beginn an aufläuft, Rodnei, der noch keine einzige Minute gespielt hat? Kruzifix, es ist ein Rätsel."

Herthas nüchternen, effektiven Stil erforscht Katrin Weber-Klüver (Financial Times Deutschland): "Hertha BSC ist das Phänomen einer Mannschaft, die selten Aufsehen erregend, oft glanzlos spielt – und meistens gewinnt. Bei neun von zwölf Siegen machte nur ein Tor den Unterschied. Sie ist nach wie vor keine Schönheit auf den ersten Blick, kein berauschendes Ereignis, sie spielt nie drückend überlegen. Aber Hertha, die alte Dame, hat die Ruhe weg. Und imponiert auf den zweiten Blick. Sie ist eine Funktionseinheit, ihr Baumeister heißt Lucien Favre. Der Trainer bastelt an einem sich unaufgeregt entfaltenden, möglichst starfreien Gruppenwerk."

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Michael Horeni (FAZ) schlägt "das unscheinbare Hertha-Ensemble für den Goldenen Bären der Fußball-Berlinale (vor). Die Kategorie versteht sich von selbst: die besten Nebendarsteller der Liga."

Matti Lieske (Berliner Zeitung) weist den Bayern-Trainer in die Schranken, der ankündigt, es sei bloß eine Frage der Zeit, auf Platz 1 vorzurücken: "Woher Jürgen Klinsmann seine hochnäsige Zuversicht bezieht, war nicht zu sehen. Ein einfallsloses Mittelfeld, ein harmloser Angriff und eine Viererkette, für die sich San Marino schämen würde – so stellt man sich gewiss keine Mannschaft vor, deren Anspruch normalerweise absolute Dominanz ist."

Klinsmann-Spuren auf dem Spielfeld vermisst auch Stefan Hermanns (Tagesspiegel): "Schafft Klinsmann die Bayern? Oder schaffen die Bayern Klinsmann, der angetreten ist, um den Verein in die fußballerische Moderne zu führen? Dem Spiel des Meisters liegt kein System zugrunde, noch immer verlässt sich die Mannschaft viel zu sehr auf ihre individuellen Fähigkeiten." Auch Klaus Hoeltzenbeins (SZ) Analyse liest sich wie eine Kritik am Trainer: "Zweifelsfrei haben die Bayern die höchste individuelle Klasse in der Liga, aber auch in Berlin sah man, dass andere in der Gruppe kompakter arbeiten."

Nach der 1:2-Niederlage in Bochum zählt Jan Christian Müller (FR) die Tage der sportlichen Führung Schalkes: "Beim HSV sind sie inzwischen gottfroh, lieber Martin Jol als Fred Rutten verpflichtet zu haben. Der geschwächte Trainer Rutten bräuchte in diesen schweren Tagen einen starken Manager an seiner Seite, einen, der mit breitem Kreuz hilft. So, wie es der auch in der Krise souveräne Klaus Allofs in Bremen tut. Stattdessen wechselt Andreas Müller seine Handynummer und verlässt die Stätte des Misserfolgs fluchtartig. Souverän sieht anders aus. Völlig anders. Schwer vorstellbar, dass der rechtschaffene Müller und der überforderte Rutten eine Zukunft in Gelsenkirchen haben."

Daniel Theweleit (taz) glaubt, dass Schalke so bald nicht mehr nach oben kommen wird: "Die Gier, schnell weiter aufzusteigen, hat die Schalker Klubführung von einer Fehlentscheidung in die nächste getrieben. Wobei diese Kopflosigkeit von vielen Fans, den Beratern, die den Klub umgeben, und vielen Journalisten vor Ort forciert wurde. Wie einst Ikarus sind die Schalker ohne Flügel aufgeschlagen. Schalke wird länger kein Schwergewicht mehr sein. Der Klub, er ist richtig tief gestürzt."

Einen drastischen Schalker Imageverlust stellt Tobias Schall (Stuttgarter Zeitung) fest: "Im Vergleich zu Schalke erreicht Hartmut Mehdorn Sympathiewerte von putzigen Robbenbabys. Nach 2001 kam das Geld in den Pott, und es ging die Sympathie. Das alte Schalke war Geschichte, Schalke 2.0 war geboren. Scampis statt Maloche. Das neue Stadion, der blaue Planet, Gasprom, viele Euro aus dubiosen Quellen, einige Spieler mit schwierigem Charakter, manch unglückliches Auftreten. Der Arbeiterverein ist in kurzer Zeit zu einem Vorreiter des Manchester-Kapitalismus im deutschen Fußball geworden."

Peter Heß (FAZ) ordnet das 1:4 gegen Leverkusen und Tabellenrang 2 der Hoffenheimer ein: "Es gibt viele Bundesligateams, die schon an ihren guten Tagen froh wären, so viel spielerische Klasse abrufen zu können wie die Hoffenheimer an ihrem schwarzen Freitag. Sowenig ein Niedergang zu befürchten ist, wenn die Mannschaft die Nerven behält, so wenig steht ein weiterer Durchmarsch bevor."

 
Leser-Kommentare
  1. Was soll das? Man darf doch drei Punkte in Berlin lassen!

    Für Klinsmann läuft alles nach Plan. Am Ende wird der FC Bayern Meister sein. Hertha wird eine Episode bleiben, ihr fehlt es an Substanz. Hoffenheim fehlt der Schwung aus der Hinrunde. Und: der HSV wird Vize-Meister.

    Ansonsten ist dieser Artikel völlig daneben.

  2. Hochmut kommt vor dem Fall, so der Volksmund. Das Fell des Bären kann erst dann verteilt werden, wenn er erlegt ist. Denkt an Schalke 04, die waren im Vorhinein auch immer schon Deutscher Meister; immerhin waren sie dann aber schon mal im Saisonverlauf Erster gewesen. Jürgen Klinsmann hat mit seiner Mannschaft, deren Einzelspieler qualitativ weit über denen der anderen Vereine stehen, nicht einmal den ersten Platz belegt, und das nach 20. Spieltagen. Redet aber permanent von der Meisterschaft und dass sie nicht aufzuhalten wären. Er kommt mir vor wie ein kleiner Junge der im dunklen Keller vor schierer Angst laut zu pfeifen beginnt. Sein Dauerlächeln verkommt immer mehr zu verkniffenem Grinsen. Rummenigge und Hoeness sollten handeln und dem teuersten "Trainerlehrlig der Welt" - Zitat Neururer - den Laufpass geben und ohne Abfindung "in die Wüste" schicken.

  3. Redaktion

    @renibert: Es wird ja immer deutlicher, dass Rummenigge und Hoeneß Klinsmann in die Arbeit reinreden. Rummenigge hat jetzt öffentlich zu verstehen gegeben, dass Podolski gegen Köln gefälligst in den Kader gehöre. Und auch Bommel könnte auf Intervention der Oberen wiederaufgenommen worden sein. Diese Art der Einmischung wird Klinsmann nicht gefallen.

    Es handelt sich um eine Presseschau, nicht um meine Meinung. Daher kann ich zu Ihrer Kritik nichts sagen. Das war kein weiter Satz, Bob Beamon.

  4. Einmal mehr muss ich Robert Lembke (!) recht geben:
    "Diejenigen, die wüssten wie Fußball geht, sitzen leider auf der Pressetribüne."

    Warum schaffen es Sportjournalisten nicht, über ein Sportereignis einfach zu berichten ? Fernsehreporter wollen uns permanent erzählen, was der Spieler gerade denkt und fühlt. Zeitungsreporter sind nur am analysieren und kommentieren. Gemeinsam haben sie, dass sie nach (!) dem Spiel immer wissen, wie man gewonnen hätte.

    Auswechseln bitte ...

    P.S.: Was muss man eigentlich tun, um erfolgloser als Mehdorn zu sein ?

  5. Redaktion

    D e r Robert Lembke?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn meine Zitatensammlung stimmt, dann genau d e r !!! Wurde wohl unterschätzt der Mann !

    Wenn meine Zitatensammlung stimmt, dann genau d e r !!! Wurde wohl unterschätzt der Mann !

  6. 6. D e r

    Wenn meine Zitatensammlung stimmt, dann genau d e r !!! Wurde wohl unterschätzt der Mann !

  7. 7. hehehe

    Alles dazu:
    http://www.youtube.com/wa...

    Und Klinsmann: Der macht den Job nicht mehr lange.

    _________________________
    Keep the Lasagna Flying!

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