Wirtschaftskrise Ein Dorf, auf das Millionen schneienSeite 2/2

Erst der zweite Blick verrät, wie gut es der Gemeinde geht. Wer die Bürgermeisterin besuchen will, muss das ausladende Foyer des neuen Rathauses durchschreiten, vorbei an Kunstwerken an den Wänden, an der Cafeteria und den Fraktionszimmern, die sich der achtzehnköpfige Gemeinderat genehmigt hat. "Wir müssen uns bei niemandem entschuldigen", sagt Kreutel.

Ein Ruf als Protzkommune, das ist alles, was die Gemeinde fürchten muss. Die Bürgermeisterin tut viel dagegen. Sie weist darauf hin, dass die Gemeinde über kein eigenes Hallenbad verfügt, "weil das ein richtiges Sparschwein ist". Im Kindergarten werden Gebühren erhoben, "weil nichts wert ist, was nichts kostet". Und sicher habe man bemerkt, dass sie ohne Pressereferenten auskomme.

Dass die Bürger über die zur Schau gestellte Bescheidenheit der reichen Gemeinde nicht murren, hat damit zu tun, dass ihnen eine Reihe von Privilegien zuteilwird. Wohl nirgendwo sonst im Ländle sind die Grundsteuern, Abfall- oder Abwassergebühren so niedrig wie hier. Familien, die in Weissach bauen, bekommen ein "Baukindergeld" in Höhe von 10.000 Euro pro Kind. Die Regelung soll bald auch auf den Erwerb von Eigentumswohnungen ausgedehnt werden. Zwei topmoderne Pflegeheime sind im Ort gebaut worden. Die Fassade der Feuerwache unweit des Rathauses schimmert in frischem Weiß.

Was die Bürger sonst noch brauchen könnten, wollte der Gemeinderat kürzlich per Befragung herausfinden. Ergebnis: Was den Ort reich macht, ist ihm zugleich eine Last. Der Verkehr im Ortszentrum, die hohe Porschedichte, gilt den Einwohnern als größtes Problem. Die gestiegenen Grundstückspreise drücken außerdem auf manches Gemüt, dazu Entwicklungen, für die der Gemeinderat nichts kann: die schwache Bahnverbindung oder die Schließung der Postfiliale, die durch eine nur stundenweise geöffnete Agentur im örtlichen Textilreinigungsgeschäft ersetzt wurde.

Auch mehr Gastronomie wünschen sich viele im Dorf. Zwei Italiener warten auf Gäste und die "Ratsstuben". Das Lokal mit livrierten Kellnern, feinen Tischdecken und klassischer Musik im Hintergrund ist eine Art Porsche-Casino, in dem Manager und Ingenieure außerhalb ihres Werks Carpaccio vom Schwertfisch oder Lammrücken unter Thymiankruste verzehren. Der Laden sei fast immer voll mit "Porscheleuten", bestätigt die Servicekraft. "Von der Kreissparkasse sind heute auch Herrschaften da", sagt sie und deutet auf einen Tisch am Fenster.

Ja, die örtliche Bank, seufzt Ursula Kreutel, man pflege ein gutes Verhältnis, doch leider habe die Filiale nicht weiterhelfen können, als die Gemeinde wegen der zu tätigenden Millionen-Geldanlage anfragte. "Sie haben gesagt, das würde ihnen die Bilanz verfälschen." Nun werden die 155 Millionen Euro wohl auf mehrere Institute verteilt. Rathausrecherchen haben ergeben, dass die Autobanken im Gegensatz zu den regionalen Genossenschaftsinstituten gerade besonders gute Zinsen gewähren. Sie wolle Anlagerisiken minimieren, versichert die Bürgermeisterin mit sorgenbeladenem Blick. Aber schließlich sei die Gemeinde gegenüber dem Steuerzahler verpflichtet, möglichst gute Kapitalerträge zu erwirtschaften.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 14.02.2009 um 16:24 Uhr

    Mir ist es echt ein Rätsel warum Journalisten derlei Reportagen über besonders reiche oder besonders abgestürzte Regionen so sehr mögen. Man liest dies an dieser Stelle in schöner Regelmäßigkeit. Mein bayrisches Kaff wo ich schon mein ganzes Leben verbringe hat ebenfalls keine Schulden, hohe Steuereinnahmen und dafür eine große Stadtbücherei, Hallen und Schwimmbad, eine Stadthalle und manches mehr bei 20.000 Einwohnern. Da merkt man aber schnell dass es darauf im Leben nicht ankommt. Dass es bei uns keine Straßen mit Schlaglöchern gibt bringt mir auch nichts wenn auf den Straßen dafür nichts los ist. Ich find Berlin toll, gerade weil es nicht saturiert sondern, aus meiner Perspektive, fast wie ein Slum ausschaut. Das pralle, verrückte, obskurse Leben tobt dort.

    Ich zumindest verstehe die latente Sehnsucht der meisten Deutschen nach spießbürgerlicher Sicherheit (Arbeitsplatz auf Lebenszeit, eigenes Haus) nicht. Ich will NICHT wissen was ich in 5 Jahren tun werde, und will es auch nicht planen. Unsere Gesellschaft und unsere Politik dreht sich inzwischen ausschließlich um alles Materielle, es ist zum kotzen.

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    • self22
    • 14.02.2009 um 16:39 Uhr

    entweder haben Sie keine Verpflichtungen oder es ist Ihnen egal, ob sie Ihren Kindern eine bestmögliche Ausbildung gönnen können. Wenn sie jetzt nicht studieren können, dann studieren sie eben in 5 oder 10 Jahren. Ist ja völlig wurscht.
    Oder sie haben ein Luxusproblem wie Ihre Gemeinde, und es reicht mit Sicherheit auch mal 5 bis 10 Jahre ohne nennenswertes Einkommen.

    • self22
    • 14.02.2009 um 16:39 Uhr

    entweder haben Sie keine Verpflichtungen oder es ist Ihnen egal, ob sie Ihren Kindern eine bestmögliche Ausbildung gönnen können. Wenn sie jetzt nicht studieren können, dann studieren sie eben in 5 oder 10 Jahren. Ist ja völlig wurscht.
    Oder sie haben ein Luxusproblem wie Ihre Gemeinde, und es reicht mit Sicherheit auch mal 5 bis 10 Jahre ohne nennenswertes Einkommen.

    • self22
    • 14.02.2009 um 16:39 Uhr

    entweder haben Sie keine Verpflichtungen oder es ist Ihnen egal, ob sie Ihren Kindern eine bestmögliche Ausbildung gönnen können. Wenn sie jetzt nicht studieren können, dann studieren sie eben in 5 oder 10 Jahren. Ist ja völlig wurscht.
    Oder sie haben ein Luxusproblem wie Ihre Gemeinde, und es reicht mit Sicherheit auch mal 5 bis 10 Jahre ohne nennenswertes Einkommen.

    Antwort auf "Und jetz?"
  1. schicken sie ihre (wohl noch nicht vorhandenen) Kinder mal auf eine öffentliche Schule in diesem "Slum"....

    Sein sie mir nicht böse, aber sie sind vermutlich ein Student der ein paar Jahre "Abenteuerurlaub" in Berlin macht und sich deswegen besonders weltoffen vorkommt.

    Meiner Erfahrung nach leben solche Leute, gewöhnlich eh nur in ihrer studentischen Gesellschaft...von der Großstadt und ihren schrecklichen Seiten kriegt man da nicht viel mit.

    Ich bin in der Stadt geboren und wohn ganz gerne dort, vl. würde ich dort auch Kinder großziehen. Gerade um ihnen zu lernen, dass das leben nicht nur einfach ist.

    Aber das Ziel ist natürlich das Leben irgendwo am Land. Weil nur das den Menschen auf Dauer glücklich machen kann...

  2. Zivilisation ist ein urbaner Prozess. Haben die Ziegenhirten am Euphrat eine Schrift erfunden, oder waren das die Pöhsen Städter in Babylon? Die Hure Babylon,sagte man, denn die Stadt macht dem Provinzler sei je her Angst.
    Auf dem Land leben Landwirte, und die völlig zu recht. Alle anderen leben dort, weil sie - warum auch immer - Stadt nicht können.

    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

    • hamkon
    • 14.02.2009 um 22:16 Uhr

    und das Problem mit der Revolution, die ihre Kinder zu fressen pflegt, ist das Problem der Weissacher insgesamt.

    Dass diese Gemeinde finanziell so gut dasteht, sei ihr von Herzen gegönnt.

    Was das Problem ausmacht ist etwas ganz anderes.

    Es sind die verlorenen Kinder in den Straßen von Berlin. Von Berlin und allen anderen Städten unseres Landes.

    Ein Land, in dem es keine Würde mehr für die von sich mit geschorenen Kahlköpfen zierenden Exzellenzelitaristen, wie man die neuen deutschen (...) in den von Fremdkapital beherrschsten Unternehmen nennt, drangsalierten Erwerbstätigen.

    Keine Wahrnehmung und keine Würde mehr für die vielen Kinder in den sogenannten bildungsfernen Schichten. Kindern, die sozialisiert werden von der Selbstverachtung, die ihre meist Arbeit suchenden Eltern so sehr verinnerlicht haben, dass sie dadurch depressiv und paralysiert sind.

    Es ist einige Jahre her, aber es erinnert auf äußerst erschreckende Weise an die Zeilen, in denen von der Reise durch die Luft gesprochen wird; an die Zeit, in der "jeder das seine" bekam, in der "Arbeit frei machte".

    Eine Gesellschaft, die sich schon wieder in den Personen ihrer "Führungskräfte" pathologischen Allmachtsfantasien und dem typisch deutschen Herrenmenschendenken und -fühlen hingibt.

    Eine Gesellschaft, der inzwischen jeglicher Zusammenhalt abhanden gekommen ist. Eine Gesellschaft, die langsam in immer kleiner Gruppen und Grüppchen aufgespalten wird, damit der Einzelne leichter zu manipulieren, zu drangsalieren, zu erpressen und wirtschaftlich auszuschlachten ist.

    Die Neue Soziale Marktwirtschaft in Reinkultur. Konstruiert von den "neuen staatsfeinden", die in der Person von Schröder, Henkel, Westerwelle und Co. diese neue deutsche Gesellschaft geformt haben, in der wir bald wieder die Exzesse von Pogromen gegen soziale Unterschichten und Unterprivilegierte erleben werden.

    Deutschland, ist das Land, in dem der Tod ein Meister ist.

    Das schrieb Paul Cellan nach dem Untergang der letzten deutschen Herrenmenschengesellschaft.

    Wir sollten darauf achten, dass wir nicht dabei mithelfen, diese sich entwickelnde neue Herrenmenschengesellschaft zu befördern und zu tolerieren, die sich da unter der Herrschaft der Porsche-, BMW X5-, Audi Q7-, Phaeton-, und, und, und Fahrer in unserem Land zu etablieren bemüht.
    (...oben entfernt. Bitte verzichten Sie auf NS-Vokabular und -Vergleiche. Die Redaktion/jk)

    Dieses neue Herrenmenschensystem wird an Niedertracht, Menchenfeindlichkeit und Erbarmungslosigkeit das Naziregime und die russische Terrordiktatur Stalins in den Schatten stellen, denn in diesem System wird der Mensch nicht einmal mehr als Begriff vorkommen.

    Und schon gar nicht die ganze Masse der für das Gewinnschöpfungssystem nicht mehr erforderlichen Unterschichtenmitglieder. Gesucht wird für das Problem der zu hohen Kosten des Hartz-Systems bereits heute nach einer Endlösung.

    All dies ist das Problem der Weissacher, so wie es Ihre Problem ist und das meinige.

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    Menschenverstand zu solchen grotesken Aussagen versteigen kann, ist mir langsam nicht mehr anders erklärlich als durch ein gerüttelt' Maß an morbider Phantasie.

    Der BMW- und Audi-Fahrer also ein Prätendent der Wiederkehr des himmelschreiendsten Menschheitsverbrechens? Sie sollten sich schämen.

    Bei so einem Fall von Stuss hilft eigentlich nur eines: Gehirn absaugen.

    [Anmerkung: Bitte diskutieren Sie sachlich und vermeiden Sie Provokationen. Danke. Die Redaktion/ew]

    Menschenverstand zu solchen grotesken Aussagen versteigen kann, ist mir langsam nicht mehr anders erklärlich als durch ein gerüttelt' Maß an morbider Phantasie.

    Der BMW- und Audi-Fahrer also ein Prätendent der Wiederkehr des himmelschreiendsten Menschheitsverbrechens? Sie sollten sich schämen.

    Bei so einem Fall von Stuss hilft eigentlich nur eines: Gehirn absaugen.

    [Anmerkung: Bitte diskutieren Sie sachlich und vermeiden Sie Provokationen. Danke. Die Redaktion/ew]

  3. Menschenverstand zu solchen grotesken Aussagen versteigen kann, ist mir langsam nicht mehr anders erklärlich als durch ein gerüttelt' Maß an morbider Phantasie.

    Der BMW- und Audi-Fahrer also ein Prätendent der Wiederkehr des himmelschreiendsten Menschheitsverbrechens? Sie sollten sich schämen.

  4. oder was soll uns dieser Artikel jetzt sagen? Plauen im Vogtland galt irgendwann als die Stadt mit der höchsten Millionärsdichte in Deutschland (Spitze!). Und heute? Wie viele Städte und Kaffs haben den Auf- und Abstieg im Gleichschritt mit den Wandlungen der Bedürfnisse von Wirtschaft und Menschen schon vollzogen? Kohle, Stahl, Textil, Optik, IT oder Chemie - jegliches hat seine Zeit und seinen Ort ... und seine Porsche-Fahrer.
    Und morgen ....?

  5. Bei so einem Fall von Stuss hilft eigentlich nur eines: Gehirn absaugen.

    [Anmerkung: Bitte diskutieren Sie sachlich und vermeiden Sie Provokationen. Danke. Die Redaktion/ew]

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    Intelligenzsteigerung durch Absaugen des Gehirns?
    Hmm... Würde vieles erklären...

    Intelligenzsteigerung durch Absaugen des Gehirns?
    Hmm... Würde vieles erklären...

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