Krise in Frankreich
Im Volk wächst der Unmut
In Frankreich rumort es: Die Wirtschaftskrise schlägt voll auf die Stimmung im Land durch. Die Sorge wächst, dass es unregierbar wird. Nicolas Sarkozy muss gegensteuern

© BORIS HORVAT/AFP/Getty Images
29. Januar, Paris: Erster Tag der Massenstreiks in Frankreich
Erst die Wirtschaftskrise, nun die politische Krise? "Ruhig Blut" empfiehlt der Chef seinen Ministern, aber seit den Massenstreiks vom 29. Januar geht die Sorge um, das Land könne unregierbar werden. Nicht umsonst hat Präsident Nicolas Sarkozy in den vergangenen Wochen mehrmals auf die Revolutionsgeschichte des Landes verwiesen.
Für die am höchsten lodernden Konflikte - Schulen, Universitäten, Jugend, Massenproteste in den Überseegebieten - hat er bereits "Moderatoren" eingesetzt. Offenbar packen es die Minister nicht mehr aus eigener Kraft. Moderierend sollen doch bitteschön auch die Gewerkschaften wirken. Mit ihnen wird seit Tagen fieberhaft über soziale Trostpflaster verhandelt, am Mittwoch treffen ihre Bosse den Staatspräsidenten - haben aber bereits einen Generalstreik für Mitte März angekündigt.
Bis dahin wird sich noch ordentlich Druck aufbauen. Am Donnerstag dieser Woche landesweiter Streik an den Universitäten, Aktionen der Schüler, und bald darauf geht’s wieder in den Betrieben rund.
Bedingungen, unter denen Sarkozy nicht mehr den schneidigen Reformer geben kann. Er muss sich neu erfinden.
Eine ganze lange Woche nach den Massenstreiks vom 29. Januar hat er es versucht, im Fernsehen. Sanft wie Softbälle segelten die Fragen der sorgsam ausgesuchten Moderatorenschar heran, und der Präsident retournierte mit sicherer Hand. Keine Tics diesmal, kein aggressives Grinsen, Sarkozy wirkte erwachsen, wie Johnny Halliday, oder wie Peter Maffay. Wurde ganz weich vor Verständnis, versprach Erleichterung für die Bedürftigen sowie Sicherheit für die untere Mittelschicht und war auf einmal nicht mehr Reformer, sondern guter Onkel.
Nur eben, dass es ein armer und nicht mehr ganz seriöser Onkel ist, der ausgibt, was er nicht hat. Der Staat wirkt wie ein Spieler, der sich immer neue Summen leiht. Sie wandern großenteils in die Finanz- und Güterwirtschaft, doch was unten ankommt, sind die schlechten Arbeitsmarktprognosen. Und während bis vor Kurzem noch Schreckstarre statt Aufruhr herrschte, sammelt sich nun der Zorn, und er entlädt sich. Nicht nur auf großen Demonstrationen, sondern auch im hässlichen, scheinbar unpolitischen Klein-Klein der Sozialkonflikte: Unternehmer und Soziologen berichten von zunehmender Sabotage, anonymen Gewaltattacken gegen Vorgesetzte, Bankbeamte, Schaffner, von Drohungen, Rempeleien, vom Mobbing nach oben, nach unten und nach allen Seiten.
Als Anfang November eine TGV-Linie fachgerecht lahmgelegt wurde, war die Furcht im Management der Bahngesellschaft SNCF groß, es habe sich womöglich um Sabotageaktionen der eigenen Mitarbeiter gehandelt. Nun, wer weiß. Seither sitzt ein junger Mann namens Julien Coupat in Haft, dem diese Aktion zur Last gelegt wird; Beweise wurden bisher nicht präsentiert. Wohl aber hat er ein militantes Buch über den "kommenden Aufstand" geschrieben, das reißenden Absatz in Frankreich findet.
Es lag auf dem Büchertisch zum Eingang der Kongresshalle, in der kürzlich die "Neue Antikapitalistische Partei" (NPA) gegründet wurde. Sie ist ein Bündnis von ergrauten Kadern der trotzkistischen LCR und jungen Linksradikalen, vorwiegend aus dem akademischen Prekariat. Ihre Gallionsfigur, der halbtags als Briefträger arbeitende Olivier Besançenot, genießt mehr Sympathie als jeder andere Oppositionspolitiker, auch weil man ihm einfach nichts Böses zutrauen mag. Doch als die meisten Journalisten nach seiner Rede den Saal verlassen hatten, zeigten die Antragsdiskussionen, dass mit den Problemen von Gewalt und Recht ein eher instrumenteller Umgang bevorzugt wird; überdies existiert in der NPA eine starke bolschewistische Fraktion, die explizit den Staat "zerschlagen" will.
Neben dem Buch des rebellischen Coupat lag übrigens auch eines von Jean-Marc Rouillan, einst Kopf der terroristischen "action directe" und wegen Mordes im Gefängnis. Rouillan hat Kontakt zur NPA, und diese weigert sich, zu ihm auf Distanz zu gehen, obwohl er seine Taten nach wie vor nicht öffentlich bereut.
Nicht, dass diese militante Linke so etwas wie eine Speerspitze der Bewegung wäre. Aber sie ist auch nicht gerade ein befriedendes Moment. Und ihr Maximalismus trifft den Ton derzeit besser, als es der gemäßigten Linke gelingt. Deren Wirtschaftskonzept bewegt nichts und niemanden. Demonstriert wird stattdessen für den " rêve géneral ", den "allgemeinen Traum", was ein Wortspiel mit " grève générale " ist, dem Generalstreik. Ein utopisches Moment, das der Bewegung nicht etwa die Zielgenauigkeit nimmt, sondern ihr vielmehr Kraft gibt.
In Frankreich fehlt es an Angeboten politischer Beteiligung, da nimmt es nicht wunder, dass der Druck der Straße den Ausgleich herstellt. Sarkozy bekommt ihn zu spüren, mag er auch während seiner Reisen durchs Land anordnen, dass sich nur Anhänger und nicht Gegner in seine Nähe bewegen können (kommt es anders, verlieren die obersten Ordnungshüter ihre Posten).
Nein, ihm bleibt nichts anderes übrig, er muss ein neues Bündnis anbieten. Und deutet bereits die groben Umrisse an. Den ideologischen Kern bildet ein "Drittelkonzept": Ein Drittel der Unternehmensgewinne für die Investitionen, eines für die Aktionäre, eines für die Lohnabhängigen; und kommt es für die Wirtschaft zu arg, zahlt der Staat dazu. Dafür muss er sich erstens Geld leihen und zweitens, dennoch, seine Ausgaben schmälern.
Staat, Kapital und Arbeit schlössen damit einen Pakt zulasten anderer ab, nämlich zu Ungunsten der riesigen Beamtenschaft sowie des Frankreichs der Provinzen, namentlich der Landwirtschaft. Ob so ein Frankreich für die kommende Globalisierungswelle gerüstet wäre? Gleichwohl, für einige Zeit kann eine solche Politik die Verhältnisse sichern. Zumindest solange die Jugend nicht merkt, dass sie am Ende die Zeche zahlen muss.
Fragt sich nur, ob Sarkozy für eine solche Wende zum Sozialgaullismus überhaupt der Richtige ist. Womöglich zweifelt er selbst daran. Wie sonst wären seine vom Canard enchaîné hinterbrachten Äußerungen darüber zu verstehen, dass ihm möglicherweise ein Quinqennat - die fünfjährige Amtszeit des Präsidenten - reiche und er die Politik diesenfalls ab 2012 "nur noch durchs Fernrohr" betrachten werde? Manchmal nimmt das "Regieren durch Infragestellen", diese von Sarkozy bevorzugte Methode, geradezu selbstzerstörerische Formen an. Was sich in einer Krise wie dieser übrigens nicht für einen Staatsmann gehört.
- Datum 19.3.2009 - 18:25 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Schon De Gaulle soll sich angeblich über die störrischen Franzosen beschwert haben: "Wie kann man ein Volk regieren, das 365 verschiedene Sorten Käse hat?"
Tatsache ist jedoch, dass in einer weltweiten Krise jedes Volk immer die jeweils gerade im Amt befindliche Regierung dafür verantwortlich hält. Besonders gefährlich dürfte sich dies sich vermutlich für China, das Land mit der weltgrößten Bevölkerung erweisen.
Kokettieren mit Stereotypen hat mich noch nie überzeugt, und den Franzosen eine besondere Vorliebe zum Revoltieren zu unterstellen ist nicht nur kühn sondern falsch, die letzte ist nun schon mehr als ein Menschenleben her und die heutige Generation der Franzosen geht vor allem auf die Straße wenn es um Besitzstandswahrung geht. Das sind keine Bürgerrechtsbewegungen oder so sondern Gewerkschaften die immer den Marsch auf die Hauptstadt organisieren. Und sich damit auch keinen Gefallen tun, dieses Land ist so verkrustet wie kein anderes in Westeuropa - und so unregierbar. Dies geht weit über Politik hinaus, wer das deutsche Bildungswesen für ungerecht und das britische für elitär hält der hat vom französischen Bildungsunwesen keine Ahnung. Das sind Seilschafen die das restliche Leben vorzeichnen, Beamter ist der Wunschberuf Nummer 1 bei Frankreichs Jugend und die "freie Wirtschaft" funktioniert auch in Behördenstrukturen mit Machtpolitik an der Spitze. Alles nur übertroffen von einer furchtbaren Arroganz und Dreistigkeit die aus irgend einem Grund immer wieder wohlwollend hingenommen wird vom großen Nachbar rechts des Rheins.
Ich denke da nur an die undichte Stelle durch die die Medien mitbekommen haben dass Sarkozys größte Sorge im Vorfeld des NATO Gipfels sein soll dass er unbedingt neben dem NATO Chef sitzen will, entgegen der Sitzordnung die sich ganz banal schon immer alphabetisch zusammengesetzt hat damit solche Kindereien erst gar kein Thema sind. Der WIRKLICH mächtigste Mann an diesem Tisch, und auf der Welt, Barack Obama hingegen ist nicht durch derlei Sorgen aufgefallen sondern fällt stattdessen mit rhetorischer Zurückhaltung, klaren Worten und beinahe ruhelosem Handeln auf. Mehr Sein als Schein also, davon könnte sich mancher nicht näher benannte europäische Regierungschef was abschneiden.
Und die französische Revolution wurde maßgeblich von der in Amerika inspiriert, nur dass sich die Amerikaner nach der erlangten Freiheit dann nicht gegenseitig geköpft haben sondern stattdessen eine Verfassung aufsetzten die selbst für heutige Zeiten unverschämt modern und fortschrittlich ist wenn man sie liest und seit über 200 Jahren mit immer mehr Leben erfüllt wurde.
Ja, Amerika du hast es besser. Und die Europäer haben mal wieder nur die größere Klappe, und merken es nicht einmal. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung..
china besonders UNgefährlich
so meine These.
eine Chinesin.
Der vorhergehende Artikel hieß ....
Das Glück der Krise - Nicolas Sarkozy als Retter der Konjunktur
Jetzt heißt es ....
Die Wirtschaftskrise schlägt voll auf die Stimmung im Land durch. Die Sorge wächst, dass es unregierbar wird. Nicolas Sakozy muss gegensteuern.
Was will uns die ZEIT damit sagen?
War der der erste Artikel eine "Ente"?
Was ist denn nun wirklich der Status? Kann es Sarkozy oder kann er es nicht?
Ich habe den Eindruck, dass wir eine Würfelbecher-Berichterstattung haben.
Gruß, Bernd
*** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***
Nein, keine Ente. Die Dinge verändern sich eben. Unmittelbar nach Ausbruch der Krise sammelte Sarkozy als rettender Präsident Punkte. Ein Zwischenhoch wie sich herausstellt.
...am meisten beeindruckt an der Person Sarkozy hat mich das:
"....Sarkozy bekommt ihn zu spüren, mag er auch während seiner Reisen durchs Land anordnen, dass sich nur Anhänger und nicht Gegner in seine Nähe bewegen können (kommt es anders, verlieren die obersten Ordnungshüter ihre Posten)...."
Die "Spin Doctors" finden wohl auch noch in den moralisch verwerflichsten Positionen Ihre Posten... währe schön über solche Machenschaften noch mehr lesen zu können. Berichte darüber aus nah und fern (nicht nur aus Nord Korea oder China) würden der Demokratie/Volksrechten nur gutes tun...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Die Franzosen haben während der Französischen Revolution große Teile ihre "Elite" öffentlich guillotiniert. Das ist den Regierenden und den Regierten gleichermaßen bewußt.
war auch gut so, um eine heutige dumm-dämliche Phrase zu zitieren.
Ansonsten, war schon immer so: Paris brennt - Berlin pennt.
Und dann, dieses "Drittelprojekt", so dreist und unverschämt es auch ist, überstrahlt die deutschen Entwürfe mit geradezu visionärer Kraft.
bonnes chances,mes amis
Und wenn die Franzosen in den Orkus springen, müssen wir es noch lange nicht tun.
Nun ja, die Guillotine sollte es nicht sein ;-) In Deutschland hätte Hartz IV als Strafandrohung bestimmt einen Effekt. Jedenfalls wäre der Aufenthalt im
Hartz IV-KZ für die sog. Leistungsträger, die uns den ganzen Rezessionsärger eingebracht haben, letztendlich heilsamer als Kopf_ab. Aber dann wirklich Hartz IV - ohne Hintertüren. Gute Idee, oder?
transit
Vive la France!
Vielleicht erwacht der deutsche Michel ja.
Doch wogegen soll man als privater "Michel" streiken? Und was noch viel wichtiger ist, wie soll "Michel" seinen Unmut kundtun? Die Alternativen in der Politik sind stark eingeschränkt, gar "unwählbar" geworden.
Bevor die breite Bevölkerung nicht anfängt zu "krepieren", weil sie kein Geld für Nahrungsmittel hat und das soziale Auffangsystem nicht total kollabiert, wird sich niemand nur annähernd rühren.
Was tun? Prävention betreiben? Sollte die Antwort "ja" heißen, bitte den Text nochmals lesen.
war auch gut so, um eine heutige dumm-dämliche Phrase zu zitieren.
Ansonsten, war schon immer so: Paris brennt - Berlin pennt.
Und dann, dieses "Drittelprojekt", so dreist und unverschämt es auch ist, überstrahlt die deutschen Entwürfe mit geradezu visionärer Kraft.
bonnes chances,mes amis
Was am Anfang als französisches Projekt à la grandeur gestartet ist, ist schon des öfteren als bürokratisiertes Monster gelandet oder sogar nach weiterer Prüfung für ungeeignet befunden worden. Nächste Woche hat Sarkozy schon wieder ganz andere Gedanken...
Nein, keine Ente. Die Dinge verändern sich eben. Unmittelbar nach Ausbruch der Krise sammelte Sarkozy als rettender Präsident Punkte. Ein Zwischenhoch wie sich herausstellt.
Dann muss es wohl ein Laubfrosch sein. Das schreibt mir die Logik so vor.
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Keep the Lasagna Flying!
Herr von Randow. Die Franzosen neigen in ihrer kritischen Haltung der Staatsführung gegenüber nicht zu kurzfristigem Hüh- und Hott.
Wir haben zunehmend Unruhen (auch- und gerade in Paris). Das wissen Sie doch auch.
Bezüglich der Strategie des Berichtens könnte man vielleicht auf "börsianisch" von einem Spread sprechen. Man setzt auf beide Richtungen und realisiert jeweils die Position, die gerade faktisch im Gewinn liegt.
Doch wogegen soll man als privater "Michel" streiken? Und was noch viel wichtiger ist, wie soll "Michel" seinen Unmut kundtun? Die Alternativen in der Politik sind stark eingeschränkt, gar "unwählbar" geworden.
Bevor die breite Bevölkerung nicht anfängt zu "krepieren", weil sie kein Geld für Nahrungsmittel hat und das soziale Auffangsystem nicht total kollabiert, wird sich niemand nur annähernd rühren.
Was tun? Prävention betreiben? Sollte die Antwort "ja" heißen, bitte den Text nochmals lesen.
Auch wenn man(n) nur zu Hause sitzt, kann man schon mal Guillotinen basteln.
Vive la France!
Zetti
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