ZEIT ONLINE: Herr Anonymus, Sie haben den Wikipedia-Eintrag zum neuen Wirtschaftsminister Guttenberg gefälscht , indem sie den Namen "Wilhelm" zu der ohnehin langen Liste der Vornamen hinzufügten. Warum haben Sie das getan?

Anonymus: Für mich war das ein Experiment. Ich wollte sehen, was passiert, wenn man so eine kleine Änderung macht, wo die sich ausbreitet, wer sie übernimmt, wer den Fehler bemerkt.

ZEIT ONLINE: Doch ist das nicht ein Experiment, das nicht mehr durchgeführt werden muss? Gibt es nicht genug Belege für das Phänomen, dass Medien ungeprüft voneinander abschreiben?

Anonymus: Ja. Aber es ist ein anschauliches Beispiel für eine Eskalation dessen. Dafür nämlich, dass eine Quelle die anderen als Bezug nimmt und umgekehrt und dass sich so eine Unwahrheit selbst bestätigen kann. Insofern finde ich es nicht verfehlt, erneut darauf hinzuweisen, dass Journalisten ihre Informationen überprüfen sollten.

ZEIT ONLINE: Hat Sie die Macht dieses selbstreferenziellen Kreislaufs überrascht?

Anonymus: Ich hatte keine großen Erwartungen daran. Mich hat daher sehr überrascht, wie viele Medien den Fehler übernahmen. Mich überraschte auch die Tatsache, dass die Wikipedia im Gegensatz zu den Journalisten den Fehler bemerkte und löschte. Und er erst dadurch, dass der falsche Name zu dieser Zeit schon in der Welt war, er wieder in die Wikipedia zurückkam.

ZEIT ONLINE: Sind Sie selbst Journalist?

Anonymus: Ich habe gerade eine Journalistenschule abgeschlossen und studiere derzeit noch. Ich habe auch schon über Wikipedia geschrieben und fand es daher sehr interessant, die Wirkung und den Einfluss dieser Enzyklopädie zu beobachten.

ZEIT ONLINE: Aber noch einmal: Wir Journalisten haben schon immer voneinander abgeschrieben und so Fehler fortgetragen, nun geschieht dies via Wikipedia. Was ist jetzt anders?

Anonymus: Ich stimme Ihnen zu, dass es schon immer solche Fälle gab und nun nicht auf einmal alles schlechter geworden ist. Das Neue an unserer Zeit ist, dass die Möglichkeit existiert, auf solche Fehler hinzuweisen, wie es beispielsweise das Bildblog immer wieder macht. Dadurch verbessert sich vielleicht der Umgang mit den Medien, weil auch die Konsumenten einschätzen können, wie Fehler entstehen und mit ihnen umgehen können.