Die Erziehungsmethoden in deutschen Kinderheimen waren bis in die siebziger Jahre hinein rau und demütigend. Bettnässer mussten beispielsweise mit dem nassen Laken auf dem Kopf an den anderen Kindern vorbeilaufen. Manche der Kinder und Jugendliche waren "nur" einsam und ohne Zuspruch. Andere Jugendliche jedoch mussten schwer arbeiten, konnten kaum zur Schule gehen, wurden regelmäßig misshandelt oder sogar sexuell missbraucht.

Antje Vollmer von den Grünen wird den Runden Tisch ab heute moderieren; teilnehmen sollen 20 Personen, darunter Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe, des Vereins ehemaliger Heimkinder  und Vertreter der großen Kirchen sowie von Caritas und Diakonie, die Träger vieler der Heime waren. 

Ein Interview mit demErziehungswissenschaftler Wolfram Schäfer.

ZEIT ONLINE: Herr Schäfer, was versprechen Sie sich von dem Runden Tisch? Was kann dabei herauskommen?

Wolfram Schäfer: Ich hoffe auf eine weitgehend lückenlose Aufklärung der Vorgänge in den einzelnen Einrichtungen. Die zu kritisierenden Praktiken sollten als Menschenrechtsverletzungen, als Ausdruck einer "schwarzen",  menschenverachtenden Pädagogik deutlich werden.

ZEIT ONLINE: Wie konnte es passieren, dass so viele Kinder systematisch misshandelt, ausgebeutet und gedemütigt wurden? Schließlich müssen nicht nur die Erzieher oder Geistlichen in den Heimen, sondern auch Jugendämter und Vormünder involviert gewesen sein.

Schäfer: In der Tat haben Jugendämter und Vormünder ebenfalls versagt. Offensichtlich gab es keine Fachaufsicht, die die Misstände in den einzelnen Erziehungsanstalten aufdeckte und verhinderte. Naheliegend ist darüber hinaus, dass auch in den Jugendämtern ein Menschenbild vorherrschte, das diese Kinder und  Jugendlichen als "minderwertig" ansah. Bis in die sechziger Jahre waren wissenschaftliche Positionen und Meinungen vertreten und einflussreich, die Heimkinder als "sozialbiologisch unterwertiges Menschenmaterial" bezeichneten.

ZEIT ONLINE: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Schäfer: In Marburg gab es zwei Kinder und Jugendpsychiater - Villinger und Stutte. Die haben mit einem Aufsatz von 1948 lange die Erziehungsmethoden in den Kinderheimen mitgeprägt. Ihr Aufsatz war der meistzitierte in der Pädagogik, obwohl er in der Zeitschrift  Nervenarzt abgedruckt wurde, also nicht in einer pädagogischen Publikation. Die Heimerziehung war geradezu dankbar, dass die Psychiatrie ihr Erklärungsmodelle für das eigene Versagen lieferte. Die Schwierigkeiten der Erzieherinnen und Erzieher mit den Jugendlichen und die Lebensbedingungen in den Anstalten wurden zu  klinischen Erziehbarkeitsproblemen der Jugendlichen umgedeutet. Alles das, was schief lief, sollte damit im Zögling selbst begründet sein und nicht im Versagen der Pädagogik. Die Kinder sollten gar nicht mehr erzogen, sondern nur noch 'verwahrt' werden. Diese Überzeugung begann Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts und wurde in der NS-Zeit noch durch eugenisches Gedankengut weiterentwickelt. Nach '45 waren dieselben Erzieher noch in verantwortlichen Positionen und haben wiederum ihre Nachfolger ausgebildet, sodass sich ihre Haltung fortsetzte.

ZEIT ONLINE: Wann hat sich die Situation geändert?

Schäfer: Dass sich die Situation änderte, hing ganz wesentlich mit der Studentenbewegung und der kritischen Aufarbeitung der Geschichte der  Bundesrepublik zusammen. Es gab Aktionen wie die "Staffelberg-Kampagne", die die Freilassung von Fürsorgezöglingen aus geschlossenen Heimen forderte, woraufhin 30 Zöglinge aus dem Heim Staffelberg in Hessen nach Frankfurt flohen. Oder Bambule , eine Sendung von Ulrike Meinhoff über ein Berliner Kinderheim. Sie machten öffentlich, welche Zustände in den Heimen herrschten.

ZEIT ONLINE: Gibt es heute noch vergleichbare Missstände in Kinderheimen?