Banken-Enteignung Sündenfall mit Ansage
Die Bundesregierung macht den Weg frei für eine mögliche Enteignung der Hypo Real Estate. Die Union aber hofft weiter, dass es dazu nicht kommt
Peer Steinbrück vermied jedes Triumphgefühl, obwohl die Verstaatlichung des schwer angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate am Mittwoch einen entscheidenden Schritt näher gekommen ist. Entgegen seiner Gewohnheit verzichtete der sozialdemokratische Bundesfinanzminister auch auf Seitenhiebe gegen den Koalitionspartner und hielt sich auch mit Kritik an der Opposition oder Wirtschaftsvertretern zurück.
Dabei ist Steinbrück sehr wohl bewusst, dass er mit seinen Ministerkollegen zuvor Geschichte geschrieben hat. Am Morgen hatte das Bundeskabinett den Entwurf eines Rettungsübernahmegesetzes verabschiedet. Mit dessen Hilfe könnten schon bald erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Aktionäre einer Bank enteignet werden – bis vor Kurzem ein unvorstellbarer Schritt. Wenn der Bundestag das Gesetz verabschiedet und auch der Bundesrat zustimmt, könnte die HRE schon im Frühjahr zwangsweise in Staatsbesitz übergehen.
Sowohl für Steinbrück als auch für die Union ist die Enteignung der HRE-Aktionäre allerdings nur die "Ultima Ratio", das allerletzte Mittel. Man könnte also sagen, die Bundesregierung zeigt damit ihre Folterinstrumente, um die Anteilseigner, allen voran den amerikanischen Finanzinvestor Christopher Flowers, der 25 Prozent der Aktien hält, zu einer gütlichen Einigung zu bewegen. Bislang waren alle diesbezüglichen Versuche gescheitert.
Klar ist, der Bund will eine Kontrollmehrheit an dem Immobilienfinanzier, in den er schon mehr als 100 Milliarden Euro an Hilfen und Bürgschaften gesteckt hat, also mindestens 75 Prozent, besser 95 Prozent der Anteile. Jetzt will er den HRE-Aktionären die Daumenschrauben ansetzen, um sie zur Zustimmung zu einem Kapitalschnitt und einer Kapitalerhöhung zugunsten des Staates zu bewegen. Nur wenn es dazu nicht kommt oder deren schnelle Umsetzung durch Klagen blockiert wird, will der Bund enteignen.
Ausdrücklich heißt es dazu in dem Gesetz, dass die Verstaatlichung "nur zulässig" sei, "wenn andere rechtlich und wirtschaftlich nicht mehr zur Verfügung stehen". Die Möglichkeit zur Enteignung ist bis zum 30. Juni befristet, damit das Gesetz nicht zu einer allgemeinen Ermächtigung wird. Die Entschädigungssumme wird im Gesetz bereits festgeschrieben. Sie soll 270 bis 280 Millionen Euro betragen und entspricht dem durchschnittlichen Aktienkurs der letzten 14 Tage. Für die Aktionäre würde das einen herben Verlust bedeuten. Allein Flowers hatte für seinen Anteil vor einem Dreivierteljahr mehr als eine Milliarde Euro bezahlt.
- Datum 04.05.2009 - 11:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 9
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





hätte ich so auch nicht gedacht. Aber so wie die Dinge hier liegen, muß man dem Artikel und vor allem dem letzten Absatz vollinhaltlich zustimmen.
Wenn die Steuerzahler rund 100 Milliarden direkt oder über Bürgschaften in das Unternehmen HRE reinstecken, dann haben die Steuerzahler auch das Recht, die Geschicke des Unternehmens maßgeblich zu bestimmen und an dem (hoffentlich großen) langfristigen Gewinn aus dieser Hilfe entsprechend teilzuhaben. Und die Bundesregierung hat die Pflicht, die dazu notwendigen Schritte einzuleiten. Aber wie im Artikel schon gesagt - bei solcherart schwerwiegender Schritten wie einer Enteignung kann es nur über eine Einzelfallprüfung gehen.
Die hier aber relativ simpel erscheint: Marktkapitalisierung der HRE aktuell: etwa 250 Mill. EUR, öffenliche Hilfen: rund 100 Milliarden EUR!
>Ausdrücklich heißt es dazu in dem Gesetz, dass die Verstaatlichung "nur zulässig" sei, "wenn andere Mittel rechtlich und wirtschaftlich nicht mehr zur Verfügung stehen".<
Das ist natürlich der berühmte Gummi-Paragraph par Excellelance, egal, darf es für ´nen € mehr sein?
Interessant ist etwas ganz anderes dabei.
Die schelmisch angedrohte Verstaatlichung wird nun landauf landab als - je nach sozialem Status, Parteizugehörigkeit oder sonstigen Interessen - Bedrohung der Weltordnung oder als Silberstreif am Horizont begriffen.
Wie auch immer bewertet, ein scheinbar verdammt dicker, revolutionärer Hund.
Man weiß auch gar nicht, wie sich so eine revolutionäre Situation eigentlich ergeben konnte. Die Medien predigten nicht im ideologischen Salto rückwärts plötzlich die Vergesellschaftung der Gesellschaften, es gab auch keine Demonstrationen gegen die Finanzkrise, keine Panikaktionen - weil sie ja alle der Angie so vertrauen -, die Gewerkschaften handzahm wie eh und je, und nicht ein einziger proletarischer Suizid-Bomber jagte sich im Adlon in´s Nirwana.
Von Generalstreik will ich gar nicht reden, sonst fällt unmittelbar der Wikipedia-Server wegen Überlastung aus.
Und dann dieser Apokalyptische Reiter. Enteignung, Verstaatlichung, Systembruch.
Man kann sagen, daß ist eine Frage - je nachdem wie man sie löst - von erheblicher Reichweite. Es ist absolut undemokratisch, die Entscheidung ganz lapidar wie zitiert zu regeln:
>Ausdrücklich heißt es dazu in dem Gesetz, dass die Verstaatlichung "nur zulässig" sei, "wenn andere Mittel rechtlich und wirtschaftlich nicht mehr zur Verfügung stehen".<
Die Wirtschaft also entscheidet, ob andere Mittel - sprich Steuergelder - nicht doch verfügbar wären. Eine komfortable Situation angesichts des Absturzes.
Und die Justiz ist halt des Herren Knecht.
Mal im Ernst, Millionen und Abermillionen von Deutschen (wahlweise andere Menschen in anderen Ländern) haben sich zusammengetan und beratschlagt, was denn nun Gesetz sein solle?
Kennen Sie den Begriff Siegerjustiz?
Vergessen Sie ihn sofort wieder, das ist ein Pleonasmus, ein weißer Schimmel oder ein braver Deutscher.
Der Sieger setzt die Regeln. So einfach ist das. Recht ist immer Siegerjustiz. Was denn sonst?
Zurück zum Thema:
Also wirtschaftliche Interessen und die Regeln der Justiz entscheiden so Hand in Hand über unser aller Zukunft. Auch wenn uns, demokratiegemäß, niemand fragt, haben wir da nix zu sagen?
Demokratie muß mehr sein, als Wirtschaftsprüfer, Spekulanten und Juristen uns zu bieten haben.
Der Laden ist insolvent. Das heißt: Wert gleich Null.
Was also soll da enteignet werden?
Hier handelt es sich nur um eine weitere Belastung des Steuerzahlers, verpackt in eine wohlklingende Politikerfloskel....
Immer klarer wird sich das Bild:
Nicht die Krise ist die Krise, sondern die "Bewältigung" ist die Krise.
Die Fortsetzung der Feudalisierung - nur mit anderen Mitteln. Den Mitteln der Normalbürger nämlich, die den Zockern 250 Mios rüberschieben dürfen, damit man "das System" retten darf.
Man fasst es nicht ...
Marktfundamentalismus ist hier verfehlt. Wenn man dem Markt freie Hand gelassen hätte, und der Staat nicht interveniert hätte, wäre die HRE und viele andere Banken schon längst insolvent.
Das Ausmaß in dem der Staat zur Intervention gezwungen ist rechtfertigt die Enteignung. In der Insolvenz wären die HRE Anteile noch wenige Cent wert. Die Aktien sind also aktuell durch die Staatshilfe überbewertet!
Ich bin ein Freund des freien Marktes. Wenn der Staat zum Eingreifen gezwungen ist hat das eben auch Konsequenzen.
Die entscheidende Frage NACH der Krise wird es sein, ob eine Bankinsolvenz großer Institute dann möglich sein wird, ohne die gesamte Wirtschaft mitzureißen. Bei allen aktuellen Gesetzesvorhaben sehe ich dieser Richtung leider wenig Bewegung. Es steht zu befürchten, dass auch in Zukunft einige wenige Banken die restliche Wirtschaft als Geisel nehmen können, um einen Verlustausgleich ihrer Fehlspekulationen zu erpressen.
... ist vor der Krise.
Crisis? Which Crisis?
Warum ist denn "NACH der Krise" eigentlich nicht "NACH der Krise der IKB"?
Da hat man doch schon einmal die Pfründe vieler abgesichert? Prächtig die Verluste sozialisiert - so von wegen soziale Marktwirtschaft.
Warum sollte die herrschende Kaste dieses schöne Spiel jemals aufgeben?
Verantwortung tragen - gewiss, gewiss. Solange es nur nicht mit Konsequenzen verbunden ist!
... ist vor der Krise.
Crisis? Which Crisis?
Warum ist denn "NACH der Krise" eigentlich nicht "NACH der Krise der IKB"?
Da hat man doch schon einmal die Pfründe vieler abgesichert? Prächtig die Verluste sozialisiert - so von wegen soziale Marktwirtschaft.
Warum sollte die herrschende Kaste dieses schöne Spiel jemals aufgeben?
Verantwortung tragen - gewiss, gewiss. Solange es nur nicht mit Konsequenzen verbunden ist!
... ist vor der Krise.
Crisis? Which Crisis?
Warum ist denn "NACH der Krise" eigentlich nicht "NACH der Krise der IKB"?
Da hat man doch schon einmal die Pfründe vieler abgesichert? Prächtig die Verluste sozialisiert - so von wegen soziale Marktwirtschaft.
Warum sollte die herrschende Kaste dieses schöne Spiel jemals aufgeben?
Verantwortung tragen - gewiss, gewiss. Solange es nur nicht mit Konsequenzen verbunden ist!
wie schreibt Karl Droemen heute in der Frankfurter Rundschau:
"Aber auffällig ist schon, wie viel Abstand die Regierungschefin zu der dramatischsten Rettungsaktion ihrer Ägide hält. Die populäre Garantie für die Spareinlagen hatte sie den Bürgern noch gemeinsam mit Steinbrück gegeben. Das Gesetz zur umstrittenen HRE Enteignung lässt sie den SPD mann allein verkünden. "Alternativlos" sei die Sache, kommentiert sie knapp und und leitet so den Unmut ihrer Klientel auf den vermeintlichen Salonkommunisten im Finanzministerium um."
Propaganda kann sie unsere Kanzlerin. Während Steinbrück die Banken-Verstaatlichung verteidigt, tritt auch Angela Merkel vor die Kamera. Ein paar Dutzend Karnevalisten hängten ihr schunkelnd einen Orden um und ließen das Tanzmariechen seine Beine schwingen.
Für den Bürger aber auch für Merkel wird es erst schwierig, wenn die SPD nicht mehr mit in der Regierung ist.
Als Systembruch kann man das jetzige Vorgehen nur wahrnehmen, wenn man den Ausdruck "soziale Marktwirtschaft" nur für einen pfiffigen Euphemismus hält und sie in Wahrheit mit der "freien Marktwirtschaft" angloamerikanischer Prägung gleichsetzt. Wobei die marktradikalen Umdeutungsversuche der letzten Jahre und die Proklamierung einer "Neuen Sozialen Marktwirtschaft" auch nicht gerade zur allgemeinen Erhellung beigetragen haben.
Aber ganz so windelweich war es nicht, was die Vordenker der sozialen Marktwirtschaft Walten Eucken (Credo:"Zerschlagung der Wirtschaftsmacht"), Alexander Rüstow (Credo:"Der Wirtschaftsliberalismus hat versagt") oder Wilhelm Röpke (Credo:"Mass und Mitte") dereist postuliert haben, denn bei ihnen waren staatliche Interventionen inkl. Zerschlagungen / Enteignungen privater Unternehmen gegebenenfalls durchaus vorgesehen - daher gab u. gibt es bekanntlich zahlreiche Staatsbetriebe in der Bundesrepublik.
So gilt im klassischen Ordoliberalismus: Wenn ein geordneter Wettbewerb nicht (mehr) organisiert werden kann, dann muss der Staat eingreifen und dieses Handlungsfeld übernehmen - entweder reaktiv oder sogar präventiv (siehe Versorgungswirtschaft)
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren