Japan Wirtschaftskrise gefährdet politische Stabilität

Der Abschwung der Weltwirtschaft trifft Japan härter als die USA und Europa - und belastet das politische Klima im Land. Ein Gespräch mit dem Ökonomen Klaus-Jürgen Gern

Obdachloser in Japans Hauptstadt Tokio. Das Land steht vor der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg

Obdachloser in Japans Hauptstadt Tokio. Das Land steht vor der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg

ZEIT ONLINE: Herr Gern, die japanische Wirtschaft ist im vierten Quartal überraschend stark eingebrochen, stärker noch als die USA und Europa. Im Land spricht man von der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Was ist der Grund?

Gern: Die japanische Situation ist der Deutschen nicht ganz unähnlich: Der Aufschwung der vergangenen Jahre wurde wesentlich von der starken Exportwirtschaft getragen, vor allem von der Auto- und Elektroindustrie. Nun bricht der weltweite Handel ein und reißt auch Japan hinab. Die Exporte sanken im vierten Quartal um 13,9 Prozent. Die Binnenkonjunktur des Landes ist zu schwach, um den Abschwung aufzufangen.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Warum?

Gern: Die japanische Wirtschaft kämpft nach wie vor mit Strukturproblemen, die Phase der Deflation ist immer noch nicht überwunden. Die Löhne sind in den vergangenen Jahren in Japan kaum gestiegen. Zeitgleich hat die japanische Regierung den Arbeitsmarkt flexibilisiert. Viele Beschäftigte haben heute nur noch Zeitverträge oder arbeiten Teilzeit. Japan ist deshalb auf den Export angewiesen und abhängig von seinen Handelspartnern in Asien: von China, Taiwan, Korea. Gerät der Handel zwischen diesen Staaten ins Stocken, trifft das die ganze Region, auch Japan.

ZEIT ONLINE: Wie krisenanfällig ist der japanische Arbeitsmarkt?

Gern: Weniger als der amerikanische. Aber auch in Japan wird die Arbeitslosigkeit deutlich ansteigen. Von der offiziellen Statistik darf man sich dabei nicht täuschen lassen. Wer in Japan arbeitslos wird, scheut sich oft, dies offiziell zu melden. Die verdeckte Arbeitslosigkeit ist besonders in Zeiten der Rezession außergewöhnlich hoch.

ZEIT ONLINE: Sind die Sozialsysteme in Japan stabil genug, um diese Entwicklung aufzufangen?

Gern: Sie sind weitaus schlechter als in Europa. Was das heißt, konnte man während der schweren Rezessionen in den Neunziger Jahren beobachten: Viele Menschen rutschten in die Armut, andere wurden obdachlos. Dauert die Krise lange, rechne ich deshalb mit erheblichen Auswirkungen für die japanische Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Wie könnten diese aussehen?

Gern: Das politische System dürfte weiter geschwächt werden. Die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) verliert derzeit an Unterstützung, der Streit um die richtige Krisenpolitik hat die Partei zuletzt gespalten. Die Regierung steht in der Krise schwach da. Mit Unruhen, wie wir sie bereits in einigen Schwellenländern beobachten können, rechne ich hingegen nicht.

ZEIT ONLINE: Die japanische Wirtschaft gilt noch immer als hochbürokratisiert und überreguliert. Wird sich das durch die Krise ändern?

Gern: Japan hat seine Wirtschaft in den vergangenen Jahren geöffnet und strukturelle Reformen angepackt, der Reformeifer ließ aber zuletzt nach. Das ist ein typisches Verhaltensmuster in Japan: In der Krise werden Reformen angestoßen und große Pläne geschmiedet. Läuft die Wirtschaft wieder, kommt der Reformelan allerdings wieder zum Erliegen.

ZEIT ONLINE: Welche Chancen hat Japan, die Krise halbwegs glimpflich zu überstehen?

Gern: Das Land ist in einer wenig komfortablen Situation. Der Spielraum für eine expansive Finanzpolitik, wie sie andere Länder betreiben, ist gering. Die öffentlichen Finanzen sind desaströs, die Schuldenquote liegt bei nahezu 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Japan leidet noch immer unter den Folgen der schweren Rezessionen in den Jahren 1993 und 1998, als man die Staatsschulden massiv erhöhte, um die Folgen einer platzenden Immobilienblase zu lindern. Langfristig wird dieser Schuldenberg Japan noch zu schaffen machen. Spätestens dann, wenn die Zinsen und damit die Lasten des Schuldendienstes steigen werden. Kurzfristig besteht gleichwohl die Hoffnung, dass der freie Fall ab dem Frühjahr zum Ende kommt, wenn sich die Lage der Handelspartner stabilisiert.

Klaus-Jürgen Gern ist Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Japans wirtschaftlicher Entwicklung.

Die Fragen stellte Philip Faigle.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service