Jimi Hendrix Leben im Überschall

Ein Buch wie Acid: In einer neuen Biografie erkunden Klaus Theweleit und Rainer Höltschl die Geisterwelt des legendären Gitarrenmagiers

In einen Meermann will er sich verwandeln, im Ozean neu aufleben. Die Wellen dafür gibt es schon, Schallwellen. Er reitet sie mit seiner E-Gitarre. Es spritzt, gurgelt, schäumt und stürmt. "Noise of the sea", schreit Jimi Hendrix, darin will er untergehen, "nicht um zu sterben", wie er versichert, "sondern um wiedergeboren zu werden". Die Erde hat er abgeschrieben, zu viele Kriege: "Every inch of earth is a fighting nest."

Wie diese Jenseitswelt klingen könnte, davon hat Hendrix eine klare Vorstellung. Er arbeitet 1968 im Studio wie besessen an seiner psychedelischen Vision. Heraus kommt unter anderem die zwölfminütige Meditation 1983 ... (A Merman I Should Turn To Be), mit der sich Hendrix in andere Gefilde verabschiedet. Einsame, verwehte Tonsignale wabern durch einen konturlosen Hallraum und bilden den Höhepunkt der elektrisch-spirituellen Séance, aus der Electric Ladyland hervorgeht, Hendrix' drittes und bedeutendstes Album.

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Seit vierzig Jahren taucht diese schwarze Version des Sgt. Pepper-Erbes in sämtlichen Bestenlisten auf. LSD trifft auf Blues, so lautet die Formel für das Doppelalbum, das jetzt anlässlich des Jubiläums in einer überarbeiteten CD-Fassung neu erscheint. Erweitert auch um eine sehenswerte Making-Of-DVD mit Archivmaterial, in dem Zeitzeugen wie die beiden verstorbenen Mitglieder von Hendrix' Experience-Band Auskunft geben über die Entstehung von All Along The Watchtower, Gypsy Eyes, Voodoo Chile und anderen Songs. Man erfährt, dass 1983 eingespielt wird, als Hendrix' Manager, Ex-Animals-Bassist Chas Chandler, gerade nicht zugegen ist. Nur so konnte es gehen. Denn Chandler favorisiert dreiminütige Popsongs, schon aus Kostengründen.

Was Hendrix mit seiner Rock-Utopie bezweckte, die er selbst als Personal Diary verstand, ist einerseits so klar wie nur irgendwas, andererseits immer ein Rätsel geblieben. Was soll man davon halten, wenn es im Auftaktsong heißt, man möge mit dem Sänger über einen Liebesozean fliegen zu einem fernen Loveland? Muss man experienced sein? Also zugedröhnt oder anderweitig erleuchtet? "The angels will spread their wings, spread their wings/ Good and evil lay side by side while electric love penetrates the sky." Poesie im Drogendelirium? Wahn oder doch Wirklichkeit?

Ein Buch, das sich als Hendrix-Biografie ausgibt, hilft da jetzt womöglich weiter. Klaus Theweleit und Rainer Höltschl haben es geschrieben. Beide profunde Kenner der Medientheorien McLuhans, Lloyd deMause' und Vilém Flussers, gehen sie der Beziehung von Bewusstseinserweiterung, elektrischem Strom und himmlischen Sehnsüchten nach. Im Raum steht die Frage: Warum Hendrix hinbekam, wovon andere nur träumten. Wie konnte sein "unerhörtes Spiel" die irdischen Kategorien übersteigen?

Leser-Kommentare
    • fönix
    • 18.02.2009 um 15:53 Uhr

    Auch wenn's dem Image widerspricht, dass Industrie und Zeitgeist überstülpen wollen: Herr Hendrix hat tatsächlich sehr viel Gitarre geübt!
    Sex and Drugs and Rock'n Roll haben übrigens die Jazzmusiker erfunden. Siehe Charlie Parker, Billie Holliday, John Coltrane...
    Das Gitarre anzünden und auf der Bühne zertrümmern haben die Musik-Manager gefördert und auch eingefordert: aus Imagegründen! Und die Drogen hat wahrscheinlich die Musik-Industrie selber frei Haus zur Verfügung gestellt! (Es gilt die Unschuldsvermutung)
    Hendrix hat auch mit Miles Davis gejammt. Hendrix wäre auch ein interessanter Musiker geworden im Alter!
    Warum schreiben nicht einmal ''echte'' Musiker eine Biografie, mit ''echten'' Hintergrundstories? Nicht nur ''Voodo Child'' Exegese!
    Wer das dann lesen soll? Vielleicht Leute die nicht alles glauben, was sie in der Werbung sehen!

  1. weiter. Herr Trampert ist nicht nur Musikwissenschaftler und -journalist, sondern auch Musiker -"echt"!
    Im Übrigen teile ich einen Großteil Ihrer Einschätzungen. Die Idee eines in Ehren ergrauten Hendrix finde ich interessant, seine Musik war und ist für mich zeitlos, rein und schön, da hätte das Alter sicher nichts geändert, auch wenn die ein oder andere schwache Scheibe dazwischen gewesen wäre. Picasso hat ja auch nicht nur tolle Bilder gemalt, aber eben eine ganze Menge, die über jeden Zweifel erhaben sind.

  2. Groß ist hinter vielen Größen der Popkunst von Hendrix über Lennon zu Morrison die Schar der Interpretierer, Biografen, Anlysten, Erben und Gedenkenträger. Leider nützen sie nur sich selbst indem sie sich an Bedeutendes anhängen. Ich erinnere mich lieber an den Beat-Club 1966(?), in dem ich Jimi Hendrix zum ersten mal sah und ich behaupte, daß die Unterstellung einer ausgeklügelten Marktstrategie die damaligen Plattenbosse unverdient ehrt.
    Warum muß man um solche Leute so viele Worte machen - einfach zuhören, zuschauen, und für sich persönlich bewerten. Damit kommt man ihnen sicher näher als mit dem Studium gewaltiger Abhandlungen.

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