John McEnroe wird 50 Das griesgrämigste Großmaul des Tennis

Er kocht vor Wut, sprüht vor Zorn - und hat ein Ballgefühl wie ein Gott. Tennis-Ass John McEnroe benimmt sich auf dem Platz wie zu seinen besten Zeiten.

"Der Ball war aus", schreit John McEnroe mit hochrotem Kopf und angespannter Körperhaltung. "Ganz klar im Aus." Doch er kann schimpfen und schreien, so laut er will, die Entscheidung der Linienrichterin steht. Und McEnroe reagiert so, wie er es seine ganze Tenniskarriere über getan hat: beleidigt. Dabei ist der Champions Cup in Boston eine Spaßveranstaltung. Alte Stars stehen sich gegenüber, doch McEnroe erreicht das Finale. Sein Gegner ist der wohl beste Tennisspieler aller Zeiten, Pete Sampras. Er ist zwölf Jahre jünger als McEnroe, klarer Favorit und gewinnt letztlich mit 7:6 und 6:4. Alle in der Halle der Boston University hatten ein deutlicheres Ergebnis erwartet. Doch McEnroe spielt stark, hat nichts von seinem außergewöhnlichen Ballgefühl verloren – allerdings auch nichts von seinem Rüpel-Image.

Er will noch immer nur gewinnen. Dafür tut er alles: rennen, rackern, raunzen. "John hat an sich selbst hohe Ansprüche und kann nur schlecht verlieren. Er schießt von der Hüfte durch seinen Mund", hat sein Vater John Senior gesagt. Als Hallensprecher Wayne Bryan während des Warmspielens in Boston seine Vita verliest, wird er vom Applaus des Publikums unterbrochen. McEnroe hingegen hebt bei seiner Vorstellung nur kurz seine Hand. In seinem Kapuzenshirt sieht er aus wie ein Dreißigjähriger, viele Zwanzigjährige haben nicht so einen durchtrainierten Körper wie er, und sein Engagement wirkt wie das eines Teenagers, der sein erstes Turnier gewinnen will.

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Als McEnroe zum Aufschlag antritt, erklingt Rockmusik. Sie passt zu ihm, McEnroe ist der Rockstar der Tennisgeschichte. Zugleich ist er ihr Rüpel. Der mittlerweile leicht ergraute Lockenkopf hat in seiner Laufbahn mindestens so viele Rackets zertrümmert wie Trophäen gewonnen. Der amerikanische Sportsender ESPN nennt ihn "Winner and Whiner" (Sieger und Quengler). Seinen Zenit hat der Linkshänder mit dem starken "Serve and Volley"-Spiel von 1979 bis 1984. Da gewinnt er drei Mal Wimbledon, vier Mal die US Open und ist zwischendurch für drei Jahre die Nummer eins der Weltrangliste. Er hat insgesamt 77 Einzel- und 78-Doppeltitel gewonnen, nur Jimmy Connors und Ivan Lendl sind erfolgreicher gewesen. Sein Davis-Cup-Duell 1987 gegen Boris Becker gilt in den USA und Deutschland als Highlight. Beide begeistern mit ihrem Marathon-Match über sechs Stunden. Becker gewinnt und spricht vom "größten Spiel seiner Karriere". McEnroe verliert, flucht und faucht.

Schieds- und Linienrichter sind seine natürlichen Feinde. "Ich weiß, dass ich die Bälle besser sehe als sie", sagt er. Er könne fühlen, wenn ein Ball die Linie überschritten habe. "Aber das Frustrierende ist, dass du weißt, dass du Recht hast und es trotzdem nicht ändern kannst." Beleidigungen und Beschimpfungen bringen ihm von britischen Medien bereits im Alter von 20 Jahren den Spitznamen "Super-Rotzlöffel" ein. "Er war das eingebildetste und griesgrämigste Großmaul, das der Tennissport je gesehen hat", schreibt The Sun.

Als er 1981 das Wimbledon-Finale gegen Björn Borg gewinnt und die fünfjährige Siegesserie des Schweden bei dem traditionsreichen Turnier beendet, verzichtet er auf das Gala-Dinner. Die traditionsbewussten englischen Gastgeber sind darüber natürlich "not amused" – und regelrecht geschockt, als sie McEnroes Begründung hören: "Ich wollte den Abend mit meiner Familie, Freunden und Leuten, die mich unterstützt haben verbringen, und nicht mit einer Reihe von stocksteifen 70- und 80-Jährigen, die mir sagen, dass ich mich auf dem Platz wie ein Dummkopf benehme." Bereits vorher ist der Wuschelkopf mit dem markanten roten Stirnband im Royal Tennis-Club unangenehm aufgefallen, als er die dort berühmten Erdbeeren und Sahne mit der Hand und nicht mit dem dafür vorgesehenen Silberlöffeln ist.

John McEnroe in seiner "Prime Time": als Nummer Eins in Wimbledon Anfang der 80er Jahre

John McEnroe in seiner "Prime Time": als Nummer Eins in Wimbledon Anfang der 80er Jahre

McEnroe spaltet die Tenniswelt. Fans lieben seinen Ehrgeiz und Kampfeswillen. Dieselben Fans rümpfen jedoch oft genug die Nase, wenn sich "BigMac" mit den Offiziellen anlegt (siehe das Youtube-Potpourri von McEnroes Tiraden). "Du bist erbärmlich, dies ist das letzte Mal, dass ich ein Match spiele, wenn du da oben sitzt", schreit er einem Referee entgegen. "Das kann nicht dein Ernst sein. Der Ball war ganz klar auf der Linie. Das ganze Stadion hat's gesehen, nur du nicht", bekommt ein anderer zu hören.

Bei den US Open 1987 kosten ihn diese Pöbeleien 17.500 Dollar Strafe und eine zweimonatige Sperre. 1990 wird er bei den Australien Open sogar disqualifiziert. "Als Kind war ich ein großer McEnroe-Fan, aber meine Eltern haben mir verboten, ihn als Vorbild zu nehmen", erzählt der ehemalige Weltranglisten-Erste Jim Courier.

"Er gibt sich nur auf dem Platz so grimmig, privat kann er sehr freundlich sein", sagt Pete Axthelm von Newsweek. Der Privatmann McEnroe spielt gerne Gitarre, hat in New York eine Kunstgalerie, fünf Kinder und lebt in zweiter Ehe mit der Musikerin Patty Smyth. Auf seinen heutigen 50. Geburtstag möchte er nicht angesprochen werden. "Erinnern Sie mich bloß nicht daran. 50, das hört sich doch so viel älter an als 49", sagt er nach der Siegerehrung in Boston. Als McEnroe die Halle verlässt, erheben sich die Zuschauer von ihren Sitzen und applaudieren. Sie haben genau das bekommen, was sie von ihm erwartet haben: starkes Tennis und starke Wortwechsel.

 
Leser-Kommentare
  1. Nur eine kleine Anmerkung:

    McEnroe ist mit Patti Smyth verheiratet, nicht mit Patti Smith.

    Viele Grüße

  2. Ich habe John McEnroe immer bewundert wegen seines Angriffstennis. In seinem Spiel war wirklich Power. Allerdings fand ich sein Benehmen auf dem Platz ebenso abstoßend, wie mir seine Spielanlage gefiel. Wodurch bleibt er nun mehr in Erinnerung, mit seiner Spielweise oder mit seinen Wutausbrüchen?

  3. Redaktion
    3. yy

    Danke, freeze01. Es ist aber weder Patti Smith noch Patti Smyth, sondern Patty Smyth, oder?

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