Berlinale Tag 7 Zehn Minuten mit ... Effi Briest
Harald Martenstein sieht mit Schrecken, wie ein Klassiker zum seichten Fernsehspiel mutiert.
Ist es zulässig, einen Film leidenschaftlich abzulehnen, den man nur aus Ausschnitten und einem halben Dutzend Kritiken kennt? In diesem Fall schon.
Wenn, nur mal angenommen, "Romeo und Julia“ nicht tragisch endet – das ist viel zeitgemäßer, oder? Liebeskummer, mein Gott, wer nimmt das heute noch so schwer. Julia schickt Romeo einfach eine E-Mail – du, Romeo, es war eine schöne Zeit. Sie trennen sich und fangen jeweils neue Beziehungen an. Wie wäre das? Es wäre genauso wie das, was Hermine Huntgeburth mit "Effi Briest“ angestellt hat. In "Effi Briest“ geht es um eine Frau, die in einer frauenfeindlichen Gesellschaft tragisch scheitert, sie stirbt an dem Versuch, ihr eigenes Leben zu leben. In der Verfilmung kriegt das nun ein optimistisches Ende. Effi fängt als Großstadtsingle ein neues Leben an. Die Filmemacher sagen, dies sei zeitgemäßer. In Wirklichkeit wird so aus einem gesellschaftskritischen Drama eine läppische Selbstverwirklichungsgeschichte.
Ich dachte, mich haut nichts mehr um. Aber darüber, "Effi Briest“ in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ zu verwandeln, kann ich mich wirklich aufregen. Wenn Frau Huntgeburth der, selbstverständlich legitimen, Ansicht ist, dass "Effi Briest“ keine zeitgemäße Geschichte mehr sei, weil moderne Frauen andere Probleme haben, dann soll sie ein anderes Buch verfilmen. Als Nächstes nimmt sie sich womöglich Kafkas "Prozess“ vor und lässt Josef K. den Prozess in der zweiten Instanz gewinnen. Wir leben doch heute in einem modernen Rechtsstaat, da ist der "Prozess“ kein zeitgemäßes Buch mehr. Oder wie wäre es, wenn Faust am Ende das Gretchen kriegt, sie heiraten am Wörthersee, Mephisto geht geläutert ins Kloster, und Gretchen, eine starke, moderne Frau, wird Tierärztin in Südafrika?
Manche Leute haben, statt Hirn, Seife im Kopf. Klassiker werden Klassiker, wie etwa "Effi Briest“ oder "Der Prozess“, weil ihre Geschichte auch etwas Zeitloses hat, eine Kraft, wie sie kein einziges dämliches Fernsehspiel besitzt. Ist das so schwer zu kapieren? Offenbar ja.
- Datum 19.02.2009 - 13:47 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 5
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Ich habe heute morgen eine (sehr positive) Filmkritik gehört, in der es hieß, die Regisseurin habe sich an Fontanes realer Vorlage für Effi Briest orientiert: der Baronin Elisabeth von Plotho (http://de.wikipedia.org/w...), die nach ihrer Scheidung zunächst aus der Familie verbannt wurde und erst 1952 fast 99-jährig starb. "Fontane veränderte allerdings viele Details, nicht nur um die Privatsphäre der Beteiligten zu wahren, sondern auch um den Effekt dramaturgisch zu verstärken" (Wikipedia).
Herr Martenstein bemängelt - ohne den Film selbst überhaupt schon gesehen zu haben (!!!): "In Wirklichkeit wird so aus einem gesellschaftskritischen Drama eine läppische Selbstverwirklichungsgeschichte."
Das "läppisch" übersehe ich jetzt einfach mal, zum Rest sage ich: ja und nein. Ja, wenn man sich allein auf die literarische Vorlage bezieht. Nein, wenn man auch die realen Geschehnisse berücksichtigt, die ja wiederum die Vorlage für das literarische Werk waren und von Fontane selbst "dramaturgisch verstärkt" wurden. Denn die tatsächlichen Geschehnisse - Scheidung der Baronin 1887 und ihre anschließende "Selbstverwirklichung" - fanden ja noch zu Fontanes Lebzeiten statt. Vor diesem Hintergrund wäre die aktuelle Verfilmung vielleicht eher dem Genre "Doku-History" zuzuordnen.
Ich schau mir den Film einfach mal an, danach bin ich sicher schlauer.
...denn die Regisseurin bezieht sich schon durch die Wahl des Titels nicht auf Fontanes vermutliche Vorlage, sondern auf dessen Roman Effi Briest und damit auch auf Fontanes Botschaft und Deutung. Durch diese ist das Buch erst zum Erfolg und dann zum Klassiker geworden - nicht durch die vermutliche Vorlage, die eine andere Geschichte erzählt. Fontanes Willen war es offenbar, ein für die Zeit und ihre gesellschaftlichen Probleme typisches Bild zu zeichnen - von Plothos Geschichte ist wohl eher eine Ausnahme von den Schicksalen Ihrer Zeit gewesen (die für Frauen typischen Umstände der Zeit sind jedenfalls eher in den Darstellungen von Fontane, Tolstoi o.ä. nachzulesen, was auch deren zeitgenössischen Erfolg erklären mag). Ich finde es grundsätzlich legitim, einen "aktualisierten" Fim auf Basis einer "alten" Geschichte zu drehen - dafür gibt es viele gelungene Beispiele. Allerdings frage ich mich dann, wofür dann der Aufwand der historisierenden Requisite getrieben wird? Eine auch äußerliche Transkription der geschichte in die Zeit, in der "das Schicksal von Effi Briest so nicht mehr aktuell ist", scheint mir eher angemessen. Mein Vorschlag für einen adäquaten Titel: "Die neuen Leiden der Effi Briest".
Martenstein wird immer selbstgefälliger!
Kunst darf sich erweitern. Sie muss nicht einen Nicht-Film-Kucker fragen.
Feuilletonisten sollten ein selbstkritisches Etwas haben.
Ob Zufall oder gemartet:
Marten oder Märten ist die volksmäßige Form von Martin. Die Grimmschen belegen z. B. "... in der Formel Sanct Märten loben, schmausen, zechen, weil der Tag des heil. Martin, 11. November, die Zeit festlicher Schmäuse war." (DWb)
Bei Martenstein sprachschmaust es mir nicht mehr so wie vor zwei Jahren!
[entfernt wegen Doppelposting/ wenn auch unter anderem Titel/ Redaktion; svb]
Wenn schon die Ursteinlegung für ein filmisches Unwesen selbst ein kulturelles Solches ist, wie kann man hier von Hirnosigkeit bzw. Seiffigkeit sprechen. Ja, ich begehe den Frevel zu behaupten, dass Fontanes leiderheischendes Sittengemälde zur Langeweile und dem Gedanken anregt, solcherlei Bücher in die verstaubteste Ecke des tiefsten Kellers zu verbannen. Aus einem schlechten Korn kommt keine satte Saat.
Effi Briest, so bin ich mir mit einigen guten Freunden einig, ist für Mitteleuropäer der finale Seniorenstammtisch der Literatur, wobei ich mich natürlich direkt bei unseren älteren Mitbürgern entschuldigen muss. Eine solche, dem Werk immanente Müdigkeit
habe ich lange nicht mehr gelesen. Also sollte der denkende Mensch auch seine Finger von der filmischen Umsetzung seien lassen. Die kann man sich dabei nur ordentlich verbrennen.
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