Neandertaler Genom verschlüsselt
Forscher haben das Erbgut unseres nächsten Verwandten rekonstruiert. Allerdings fehlen 40 Prozent. Viele Rätsel um den Neandertaler sollen dennoch bald gelöst sein
"Es ist eine erste Arbeitsversion", sagte Svante Pääbo. Gestern haben er und sein Team die Entzifferung des Neandertaler-Genoms verkündet. Die Aufmerksamkeit von Journalisten und Forscherkollegen war den Molekulargenetikern aus Leipzig gewiss. Schließlich hatte sich mit der American Association for the Advancement of Science (AAAS) die weltgrößte Wissenschaftsgesellschaft per Videoschaltung eingeklinkt. Die AAAS trifft sich derzeit zu ihrer Jahrestagung in Chicago .
Arbeitsversion nennt Pääbos sein Ergebnis, weil das Erbgut eines Lebewesens erst dann als entschlüsselt gilt, wenn all seine Buchstaben mehrmals auf ihre richtige Reihenfolge geprüft worden sind. Bislang haben die Sequenziermaschinen am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (EVA) die drei Milliarden Genbausteine der Neandertaler-DNA erst einmal gelesen. So kennen die Forscher auch erst 60 Prozent des Genoms, dass sie aus mehr als einer Milliarde Bruchstücken zusammenpuzzeln mussten. Noch doppeln sich viele der Sequenzen. Dennoch hoffen die Forscher, bald viele Geheimnisse des Homo neanderthalensis lüften zu können.
Der Neandertaler starb erst vor etwa 30.000 Jahren aus. Zuvor lebte er rund 300.000 Jahre in Europa und in einigen Teilen Asiens. Für Pääbo und sein Team ist der Steinzeitbewohner schon lange kein Unbekannter mehr. Schon 1997 fanden die Leipziger Molekulargenetiker heraus, dass der Neandertaler keineswegs zu unseren direkten Vorfahren zählt. Doch auch wenn wir nicht direkt von ihm abstammen, so ist der Neandertaler unser nächster Verwandter. "Wir haben auch die meisten Knochen von ihm", sagt Pääbo. Weltweit gebe es Überreste von rund 300 Neandertalern.
Dass es ihnen überhaupt gelang, weite Teile des Erbguts zu rekonstruieren, ist ein großer Erfolg. Vor wenigen Jahren galt es noch als unmöglich, aus Jahrtausenden alten Knochen DNA-Bausteine zu gewinnen. Innerhalb von drei Jahren analysierten die Leipziger Forscher die 38.000 Jahre alten Knochen zweier Neandertalerfrauen. Die Erbgut-Sequenz erhielten sie schließlich aus weniger als einem Gramm zermahlenen Knochenproben. Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler Knochenreste aus Spanien, Russland und aus dem Landesmuseum in Bonn. Hier ist auch das Skelett ausgestellt, das dem Steinzeitmenschen seinen Namen gab. Es wurde 1856 im Neandertal bei Düsseldorf gefunden.
Ein Vergleich des Neandertalergenoms mit den bereits entschlüsselten Erbgutsequenzen des Menschen könnte zeigen, was uns von unserem Verwandten unterscheidet. So konnten die Leipziger Forscher bislang schon die These untermauern, dass sich der Neandertaler und der moderne Mensch vor gut 800.000 Jahren getrennt voneinander entwickelt haben. Je genauer der biologische Hintergrund des modernen Menschen bekannt sei, desto besser könne man auch die genetischen Ursachen von Krankheiten wie zum Beispiel Schizophrenie oder Autismus verstehen.
Ob sich beide Vertreter der Gattung Mensch allerdings jemals über den Weg liefen und gar Kinder zusammen zeugten, ist eher unwahrscheinlich. Genetische Spuren für eine solche Vermischung fanden die Forscher nicht. Auszuschließen sei sie aber nicht, sagt Pääbo. Vermutlich hatten Mensch und Neandertaler, wenn überhaupt, wenig gemeinsamen Nachwuchs. Viel interessanter ist für Molekulargenetiker die Frage, ob das Steinzeit-Erbgut bestimmte Gene enthält, wie etwa FOXP2. Eine Variante dieses Gens soll möglicherweise dazu beigetragen haben, dass wir heute sprechen können.
Was genau Pääbo und sein Team im Genom des Neandertalers lesen konnten, blieb offen. Die Forscher verwiesen darauf, dass die eigentliche Arbeit mit ersten Ergebnissen erst kommenden Sonntag veröffentlicht wird. Allerdings werde es noch mindestens zwei, wenn nicht drei Jahre dauern, bis man ein komplettes und nahezu fehlerfreies Genom erstellen könne.
- Datum 14.02.2009 - 18:17 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 13.2.2009 - 16:00 Uhr
- Kommentare 1
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Nur zu, mit dem "weiteren Forschen und Entschlüsseln"!!
Ich finde, daß inzwischen (naturgemäß) soooo viel Zeit ins Land gegangen ist, daß es jetzt auf ein paar Jahre hin und her auch nicht mehr ankommt. Darüber hinaus finde ich es wichtig, daß die Wissenschaftler eher mit HOHER QUALITÄT arbeiten, als auf Geschwindigkeit: viel zu wertvoll sind (anzunehmende) Ergebnisse, die ja möglicherweise wiederum Grundlage weiterer/neuerer Forschungen (in welcher Richtung auch immer) sein werden.
Sollen sich die Forscher bei kontinuierlicher Arbeit also Zeit lassen.
Übrigens:
DASS der heutige "homo sapiens" seine Wurzeln in der Urzeit hat, ist m.E. unstrittig. Diesem Phänomen bewußter Rechnung zu tragen ist etwas, was mir wünschenswert erscheint.
In diesem Sinn möchte ich meine Überschrift ergänzen: "...unsere Aufgabe der GEGENWART."
Wie mir scheint, ist das Interesse an diesem Thema bei den Menschen nicht sehr ausgeprägt. Mögen sich die Forscher davon nicht entmutigen lassen: WICHTIG ist die Thematik dennoch!
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