Belletristik Kein Sex vor der LesungSeite 2/2
Einen langen, aber in Geistesabwesenheit gegebenen Kuss erhält er von ihr erst später. Beide fahren zu ihm nach Hause. Nein, kein Sex. Sie machen sich frisch. Am Abend fährt er mit ihr zum Treffen des Literaturzirkels "Wunderhorn e.V.", in eine Baracke direkt in den Wald. Dort will er seine Gedichte vorlesen. Das Treffen ist bereits in vollem Gang und – wegen starker Presseberichterstattung und des bevorstehenden Obotritenfestes – ungewöhnlich gut besucht.
Sodux macht daraus keine Szene berstenden Humors, sondern eine dezent belustigende Bemerkung zum Literaturbetrieb – nicht nur dem der Provinz. Zum Vortrag seiner Gedichte kommt der Erzähler nicht mehr. Auf dem Rückweg bleiben Lotte und er mit dem Auto stehen: kein Benzin! Am "Bushaltekabäuschen" endet die Geschichte mit Lotte im Arm, einer liegen gebliebenen Zeitung und der Seite "Neues aus aller Welt".
Es sind wunderbare, nichtig scheinende Beobachtungen, die zu Szenen werden und fast wie surreale Momente dastehen. Etwa, wenn ein fliegender Händler in der Fußgängerzone ein Gerät vorführt. Viel mehr als ein verschmitzter Heimatroman ist Neues aus aller Welt ein sehr sorgfältig gebautes Buch über Zeit und ihre Löcher, über die Vergangenheit in der Gegenwart, über die Existenz (in) der Natur, die Gelassenheit und die unausgesprochene Sehnsucht nach Liebe.
Sodux gelingen viele unaufdringliche Landschafts- und Himmelsbeschreibungen. Diese Naturerlebnisse könnten auch in den fünfziger Jahren spielen. Eine Arno-Schmidt-Atmosphäre – allerdings ohne dessen Ego und Sprachexperimente. Dann klingelt ein Handy, fährt Fiedler einen verranzten Passat, wird Elektronik verladen, bricht die Gegenwart wieder hinein. Der Roman ist ein ironischer Seitenhieb auf die Großstadtwichtigtuereien dieser Welt. So ein schönes, kleines Buch – eine zarte Ode an die Freundschaft, ans Leben. Als solches. Und so herrlich unaufgeregt.
- Datum 16.02.2009 - 09:36 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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