Taliban Pakistan führt Scharia in Provinz ein

Im Nordwesten des Landes soll das islamische das weltliche Rechtssystem ersetzen. Die betroffenen Regionen werden dominiert von aufständischen, extremistischen Taliban

Als Zugeständnis an die radikal-islamischen Taliban haben die pakistanischen Behörden die Einrichtung von Scharia-Gerichten im nordwestlichen Swat-Tal und angrenzenden Gebieten beschlossen. Ein entsprechendes Abkommen sei am Montag zwischen der Regierung der Nordwest-Grenzprovinz und dem Geistlichen Maulana Sufi Mohammad unterzeichnet worden, sagte Provinz-Informationsminister Mian Iftikhar Hussain in Peshawar. Damit seien alle Gesetze, die im Gegensatz zum Koran und der Lehre des Propheten Mohammed stünden, null und nichtig.

Die Scharia ist berüchtigt für ihre drakonische Strafen wie das Abhacken von Händen bei Diebstahl und Steinigungen bei Ehebruch. Insbesondere die Taliban-Gerichte etwa in Afghanistan wendeten diese drastischen Urteile an. Die pakistanischen Behörden erwarten allerdings im aktuellen Fall nichts dergleichen. Darüber hinaus soll es die Möglichkeit geben, gegen Urteile eine Berufungsinstanz anzurufen. Die Verfahren sollen außerdem eher in den Händen normaler Richter mit Islamkenntnissen liegen als bei den islamischen Gelehrten, den Qazi.

Anzeige

Die Provinzregierung kündigte außerdem an, Operationen der Sicherheitskräfte gegen den Taliban-Chef im Swat-Tal, Maulana Fazlullah, und seine Kämpfer würden nunmehr gestoppt. Im Gegenzug hofft der Ministerpräsident der Provinz, Amir Haider Khan Hoti, dass die Aufständischen jetzt ihrerseits die Angriffe beenden, nachdem die Regierung ihre Forderung nach Einführung der Scharia erfüllt habe: "Diejenigen, die für dieses Ziel den Pfad der Gewalt gewählt haben, sollten der Gewalt nach der heutigen historischen Entscheidung abschwören."

Die Taliban äußerten sich nach Bekanntwerden des Abkommens zunächst nicht. Bereits am Sonntag aber hatte Fazlullahs Sprecher Muslim Khan als "Geste des guten Willens" einen einseitigen, zehntägigen Waffenstillstand verkündet.

Pakistans Präsident Asif Ali Zardari hat der Entscheidung grundsätzlich zugestimmt. Seine Regierung erhofft sich von diesem Schritt, den Extremisten der Taliban und Al-Qaida das Wasser abzugraben und ihren Einfluss zurückzudrängen. Dennoch dürfte die Entscheidung der Atommacht Pakistan auf massive Kritik der USA und anderer Länder des Westens stoßen. Sie befürchten, dass damit den Taliban-Extremisten erst recht in die Hände gespielt wird.

Pakistans Regierung hat über weite Teile der halbautonomen Stammesgebiete an der afghanischen Grenze, zu denen auch das Swat-Tal gehört, keine Kontrolle mehr. Im Tal, das nur rund 160 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Islamabad liegt, liefern sich Extremisten und Regierungstruppen seit Langem heftige Gefechte, in den vergangenen 14 Monaten starben dabei hunderte Zivilisten, Aufständische, Beamte und Angehörige der Sicherheitskräfte.

Die Wiedereinführung eines islamischen Rechtssystems war den Bewohnern von der Regierung mehrfach versprochen, aber lange Zeit nicht durchgesetzt worden. In der Folge gewannen die Anhänger von Taliban und Al-Qaida Zulauf und wandten sich gegen die Regierung. Zuletzt begannen die Extremisten Ende 2007 einen Aufstand. Dabei haben sie bisher 200 Schulen für Mädchen zerstört und Zehntausende Bewohner in die Flucht getrieben.

 
Leser-Kommentare
  1. mal eine gute Nachricht.Da wird die Verantwortung für Recht und Kultur wieder in bewährte Hände gelegt. So wird Harmonie in der Gesellschaft garantiert. Vielleicht wäre das auch eine Idee für kulturellen Austausch in Europa z.B. Großbritannien, dann würde Lord Achmed nicht dauernd in der Ausübung seiner friedlichen religion belästigt.

  2. "Anders als bei den Taliban-Gerichten etwa in Afghanistan, die durch drakonische Strafen wie das Abhacken von Händen bei Diebstahl und Hinrichtungen durch Steinigung bei Ehebruch berüchtigt sind, erwarten die Behörden in diesem Fall keine so drastischen Urteile."

    Warten wir es ab; immerhin wurden die Taliban in Afghanistan, welche derart drakonische Strafen aussprechen, in pakistanischen Koranschulen ausgebildet.

    "Seine Regierung erhofft sich von diesem Schritt, den Extremisten der Taliban und Al-Kaida das Wasser abzugraben und ihren Einfluss zurückzudrängen."

    Ich fürchte, das Gegenteil ist der Fall; ist die Einführung der Scharia doch die Manifestierung des Einflusses der Taliban. Der Artikel selber weist darauf hin, dass dieses Zugeständnis aus einer Position der Schwäche gemacht wurde. Das werden natürlich auch die Taliban wissen und wahrscheinlich haben sie viel weitergehende Ziele. Einen Teilerfolg konnten sie soeben verbuchen.

  3. Es ist nicht zu erwarten, daß sich die Taliban-Milizen mit diesem Zugeständnis zufrieden geben werden. Ihr Ziel ist die Errichtung eines Gottesstaates im gesamten Pakistan. Das wurde offen und immer wieder propagiert.

  4. Unter westlichen Vordenkern gibt es die Idee, man könne Muslime, für welche per se die Scharia verbindlich ist, in Rechtssysteme westlichen Zuschnitts integrieren. Stattdessen sieht es so aus, als sollten Elemente islamischer Rechtsprechung in die westlichen Rechtssysteme integriert werden.

    Was Scharia ist und letztlich überall, wo sie angewendet wird auch sein muss, sieht man am besten in den durch Säure zerfressenen Gesichtern afghanischer Schülerinnen.

    http://www.n24.de/media/_...
    http://static.rp-online.d...

    Wann wird man endlich den Mut aufbringen, den Fundamentalisten aller Couleur (auch denen christlichen oder mosaischen Glaubens) zuzurufen: "Bis hierher und nicht weiter!"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service