Die europäischen Rechtspopulisten können einem nach ihren gruseligen Aufstieg seit der Jahrhundertwende fast leidtun. Also: nicht wirklich, nicht im Sinne von Mitleid. Die Holzhammer-Demagogen zwischen Wien und Kopenhagen, Budapest und Den Haag, Antwerpen und Mailand sind mit ihrer verlogenen Bürgernähe ja eins der größten Hindernisse für jeden Versuch, Demokratie als Projekt der Aufklärung populär zu machen. Was ihnen schadet, kann der Demokratie nur nützen. Daher kein falsches Mitgefühl für die Allesversprecher, Neid- und Hassprediger!

Andererseits: Was die Ursachen für deren mögliche Probleme angeht, können einem schon zweite Gedanken kommen. Das Populismus-Monopol der nationalen Rundumverteidiger ist angeknackst.

Es wankt und erinnert an das Schicksal der Grünen (ohne dass ich sonst noch eine Analogie zu dieser Partei sehe): Am Anfang waren sie die Partei mit dem ungewöhnlichen Auftritt und dem neuen Thema. Heute sind alle Parteien "grün".

Ähnlich geht’s den Populisten. Die Alleinstellung geht verloren. Populisten wollen heute auch die Demokraten sein. Manche sagen das ganz unverhohlen. Ein bisschen feiner vielleicht als das Original, aber doch deutlich.

"Britische Arbeitsplätze für Briten", hat der Premierminister Gordon Brown gleich nach seinem Amtsantritt verheißen. Seine Partei ist darüber zwar ein bisschen erschrocken, inzwischen wissen deren Abgeordnete aber, dass sie ohne eine gehörige Portion Arbeitsmarkt-Chauvinismus gegen die Konservativen keine Chance mehr haben. Der wütende Aufstand britischer Bauarbeiter gegen die italienische Billiglohnkonkurrenz lehrt Labour, ob Old oder New , das Fürchten.

Auch in den Niederlanden, wo gleich zwei chauvinistische Parteien um Sympathie und Stimmen der multikulturmüden Bürger werben, ringt inzwischen die sozialdemokratische Arbeitspartei (PvdA) um eine zeitgemäße und zugleich demokratische Haltung zum Problem von Einwanderung und kultureller Toleranz. Von einer bitteren Wahlniederlage gezeichnet sucht sie eine neue Balance zwischen demokratischer Würde und vernünftigem Sicherheitsbedürfnis.

Der Parteiführer, Finanzminister und Vizeministerpräsident Wouter Bos, weiß, dass er allein mit der Deckelung der Einkommen von Topmanagern und mit seinem Werben für strengere internationale Regeln für die Finanzmärkte keine Wahl gewinnen wird. Die PvdA soll eine Partei des Anstands sein, zugleich aber mehr Populismus wagen. Aber wie viel Populismus ist anständig?

Ob der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer darauf eine Antwort hat? Er gelte als "einer der talentiertesten Populisten der deutschen Politik", hielten ihm zwei Spiegel -Journalisten vor und fragten, ob ihn das ehre oder kränke. Einer wie Seehofer hat dafür natürlich die passende Allerweltsformel parat, wasserdicht und abwaschbar: "Für mich ist Populist kein Schimpfwort, sondern ein Kompliment."

Man müsse den Leuten Politik so vermitteln, dass sie die Dinge verstehen. Gut gebrüllt. Aber die Kollegen fragten weiter: Ob man den Leuten "so schamlos nach dem Mund reden" dürfe wie er. Seehofer darauf, ungerührt: "Wenn ich mich bemühe zu erfahren, was das Volk will, was es denkt, dann ist es nicht schamlos, sondern aller Ehren wert." Denn merke: "Wir haben es mit der realen Welt zu tun."

In dieser realen Welt flüchtet der bayerische Ministerpräsident zum Allzweck-Placebo aller Populisten, dem Instrument der Volksabstimmung, und fordert wie die österreichischen Sozialdemokraten, wichtige Europabeschlüsse künftig einem Referendum zu unterziehen. Das erleichtert die Verantwortung und gaukelt dem Volk eine Macht vor, die letztlich nur im Nein-Sagen besteht. Aber es rettet vielleicht der CSU die Vertretung im Europäischen Parlament.