Rote Khmer-Prozesse "Selbst ein Freispruch wäre ein Erfolg"
Marcel Lemonde ist Ermittlungsrichter am Völkermord-Tribunal in Kambodscha. Er beschreibt den schweren Weg, nach 30 Jahren den Terror der Roten Khmer aufzuarbeiten. Ein Interview

© NICOLAS ASFOURI/AFP/Getty Images
Das Genozid-Museum in Tuol Sleng, ein Zeugnis des Völkermordes der Roten Khmer
Der Franzose Marcel Lemonde und sein kambodschanischer Kollege You Bun Leng sind die beiden Ermittlungsrichter am Sondergerichtshof ECCC in Phnom Penh. Das Völkermord-Tribunal zur Aufarbeitung der Terrorherrschaft der Roten Khmer wurde mit Unterstützung der Vereinten Nationen eingerichtet. Die Aufgabe der Ermittlungsrichter ist es, Vorlagen der ermittelnden Staatsanwälte Chea Leang und Robert Petit zu prüfen und dem Gericht, dem Trial Chamber, zuzuleiten. Marcel Lemonde ist 62 Jahre alt. Er hat in Lyon Recht studiert und war zuletzt Präsident des Revisionsgerichtshofs in Paris.
ZEIT ONLINE: Vor fast genau drei Jahren zelebrierten buddhistische Mönche vor den Toren Phnom Pens die Einweihung der Gebäude des neuen Sondergerichtshofes für das Khmer Rouge-Tribunal. Was war so schwierig, dass erst heute der erste Angeklagte Duch, der Gefängnisleiter von Tuol Sleng, vor Gericht steht?
Das Genozid-Museum in Tuol Sleng, ein Zeugnis des Völkermordes der Roten Khmer
Marcel Lemonde:
Es hat nicht drei Jahre gedauert. Es brauchte zunächst schon ein Jahr, um das Gesetzeswerk zu entwerfen, nach dem dieses Verfahren durchgeführt wird. Jedes andere Tribunal musste das auch tun, und für dieses Gericht war es eine besonders schwierige Aufgabe, weil wir internationales und nationales Recht zusammenführen mussten und das kambodschanische Recht noch verbesserungsbedürftig ist. Richter zum Beispiel hatten darin noch keinen legalen Status.
Es ist das erste Mal, das ein hybrides Gericht etabliert wurde, in dem eine Mehrheit von einheimischen Richtern mit internationalen Richtern zusammenarbeitet. Und es ist auch das erste Mal, dass Opfer ein eigenes Nebenklagerecht haben. All dies haben wir in nur neun Monaten erledigt. Im Übrigen brauchen Sie ein Minimum von Zeit, um Personal einzustellen und Büros mit Möbeln und Computern auszustatten. Im Sommer 2007 übergaben uns die ermittelnden Staatsanwälte dann den ersten Fall.
ZEIT ONLINE: Das war der Fall Duch?
Lemonde: Die Akte umfasste fünf Personen. Und wenig später, Ende Juli 2007, haben wir Duch angeklagt und verhaften lassen. Im November wurden die nächsten vier Angeklagten verhaftet. Und kaum ein Jahr später waren die Ermittlungen im Fall Eins abgeschlossen.
ZEIT ONLINE: Warum haben Sie den Fall Duch abgetrennt?
Lemonde: Weil er einfacher ist. Duch ist geständig.
ZEIT ONLINE: Muss das Gericht nicht zuerst einmal entscheiden, ob Duch überhaupt einer der "wichtigsten Personen" des Regimes ist, auf deren Anklage sich das Gericht nach dem vorliegenden Gesetzeswerk beschränken muss ?
Lemonde: Möglicherweise könnte die Verteidigung so argumentieren, ich kenne ihre Strategie nicht. Unsere Ansicht ist, dass er einer der Führer war. Wir haben das im Detail auch begründet.
ZEIT ONLINE: Sie und ihr kambodschanischer Kollege mussten sich einig sein. Auf jeder Ebene dieses hybriden Gerichts arbeiten internationale Juristen Seite an Seite mit kambodschanischen. Macht es die Sache nicht kompliziert?
Lemonde: Ja, unglaublich kompliziert. Das Hauptproblem liegt darin, effektiv zu arbeiten. Jede Entscheidung muss gemeinsam getroffen werden. Es ist ein Albtraum. Wenn es zur Vernehmung von Zeugen kommt, dann würde ich das in meinem Land alleine tun. Und Sie haben ein Übersetzungsproblem. Mein Kollege fragt in Khmer, ich frage in Französisch. Er akzeptierte, dass ich meinen Text diktiere, der dann in Khmer übersetzt wird und später ins Englische. Es war schwierig, sich darauf zu einigen. Es war aber nicht schwierig für ihn zu akzeptieren, dass ich im schriftlichen Protokoll die Führung hatte. Er war sogar damit einverstanden, dass ich alleine mit dem Zeugen rede.
ZEIT ONLINE: Könnte das Verfahren an dieser Hürde scheitern?
Lemonde: Nein, das Verfahren wird gelingen. Ich habe gelernt, sehr geduldig zu sein, sehr vorsichtig. Zu Beginn traf ich noch viele Leute, die sagten: Das wird nie was. Diese Leute waren doch ziemlich erstaunt, als Duch verhaftet wurde. Wir hörten immer wieder: Nuon Chea wird nie verhaftet! Ieng Sary wird nie verhaftet werden! Aber sie wurden verhaftet!
ZEIT ONLINE: Bruder Nr. 2 und der ehemalige Außenminister, der in Phnom Penh bis voriges Jahr mit seiner Frau Ieng Thirith in einer großen Villa lebte, alle drei sind jetzt hier auf dem Gelände des Gerichtshofes in Haft.
Lemonde: Ihr könnt sie verhaften, sagten die Leute, aber ihr werdet nicht gegen sie ermitteln können. Aber jetzt, weniger als ein Jahr später, beginnt der erste Prozess!
- Datum 19.02.2009 - 12:27 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Ein Gerichtsverfahren gegen den Terror im Namen des Kampfes für den besseren Menschen ist halt eine komplizierte Sache.
dass dieses Thema nicht so richtig angenommen wird.
Hier geht es um millionenfachen Mord an einer Bevölkerung.
Liegt es daran, dass sich die Mörder einst den Linken zuordneten ?
Sollte es nicht nebensächlich sein, wer zum Massenmörder wird, geht es nicht nur um den Respekt gegenüber den Opfern ?
Jedes Gedankengut birgt auch seine Feindschaft gegen Menschen in sich.
Nur so kann man erklären, dass zu allen Zeiten solche Exzesse möglich waren.
Herzlichst
Auf ein Wort
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren