Geschichte Roman einer Schicksallosen

Ana Novac hat als junges Mädchen das KZ Auschwitz überlebt. Ihr Tagebuch wird nun neu veröffentlicht. Die Historikerin Sybille Steinbacher über ein wichtiges Zeitdokument

ZEIT ONLINE: Frau Steinbacher, Sie sind Auschwitz-Expertin - was war Ihr erster Eindruck, als Sie das Tagebuch von Ana Novac gelesen haben?

Sybille Steinbacher: Das Beeindruckendste an dem Text ist, wie dicht und eindringlich die Autorin den Alltag in Auschwitz schildert. Ana Novac war erst 14 oder 15 Jahre alt, als sie dorthin gebracht wurde. Sie beschreibt die Zwänge im Lager mit dem Blick eines jungen Menschen. Man bekommt in ihrem Tagebuch außerdem einen tiefen Einblick in das Leben der weiblichen Häftlinge. Wie betrachteten Frauen die Gemeinschaft, wie sahen sie das Verhältnis zu anderen Gefangenen, zum Beispiel zu den Häftlingsfunktionärinnen? Darüber gab es bisher kaum Aufzeichnungen.

Anzeige

ZEIT ONLINE: In Frankreich, wo das Buch schon einmal in den sechziger Jahren veröffentlicht wurde, bezeichnete man Ana Novac als "rumänische Anne Frank" – trifft dieser Vergleich zu?

Steinbacher: Damals lag er sicher nahe, weil das Tagebuch der Anne Frank in den fünfziger Jahren ein großer publizistischer Erfolg war. Aber ich würde den Vergleich nicht ziehen, denn die Geschichte der Anne Frank war eine ganz andere, sie schrieb aus ihrem Versteck heraus und ihre Aufzeichnungen enden mit dem Transport nach Auschwitz. Bei Ana Novac beginnen sie dort erst.

ZEIT ONLINE: Welche Stellen von Die schönen Tage meiner Jugend haben Ihnen die Echtheit des Dokuments bestätigt?

Steinbacher: Es ist vor allem die Eindringlichkeit, mit der die Autorin ihre Erlebnisse in Auschwitz beschreibt. Ana Novac wurde mit den Ungarn-Transporten im Sommer 1944 dorthin deportiert und ab Herbst 1944 in andere Arbeitslager gebracht, in so viele verschiedene, dass sie die Namen gar nicht mehr wusste. Das ist absolut plausibel, denn die jungen, "arbeitsfähigen" KZ-Häftlinge wurden gegen Kriegsende tatsächlich von Lager zu Lager geschickt. Es gibt keinen Grund, an der Echtheit ihrer Aufzeichnungen zu zweifeln.

Es gibt natürlich Stellen, an denen man merkt, dass der Text im Nachhinein viele Male überarbeitet worden ist. Einmal spricht Ana Novac zum Beispiel von der "Endlösung", das ist ein Begriff, den eine 14-Jährige zu dieser Zeit nicht dechiffrieren konnte. Das Wort wurde zwar von der SS-Führung verwendet, aber dass damit organisierter Massenmord gemeint war, konnte einem jungen Mädchen damals nicht klar sein. Daran erkennt man, wie sich bei der Autorin mehrere Erinnerungsschichten überlagert haben. Aber dennoch spürt man noch viel vom Originaltext in dem Buch, man erkennt, wie dieses junge Mädchen die Dinge damals wahrgenommen hat.  

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie fühlten sich bei der Lektüre von Die schönen Tage meiner Jugend an den Literaturnobelpreisträger Imre Kertész erinnert.

Steinbacher: An manchen Stellen hat mich das Buch tatsächlich an Kertész’ Roman eines Schicksallosen erinnert. Er berichtet ja auch aus der Sicht eines 15-Jährigen, der in Buchenwald und Auschwitz war. Auch mit Blick auf die literarische Dichte kann man durchaus Parallelen ziehen.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie am meisten berührt an diesem Tagebuch?

Steinbacher: Wie die Autorin diesen entsetzlichen und bedrängenden Alltag im Lager schildert. Und wie man als Leser die Verhältnisse, denen sie ausgesetzt war, mit den Augen eines jungen Mädchens wahrnimmt.

ZEIT ONLINE: Ana Novac schreibt, dass sie oft gelacht habe in Auschwitz. Fanden Sie das unverständlich?

Steinbacher: Nein, überhaupt nicht. Man macht einen großen Fehler, wenn man die Konzentrationslager zu Stätten stilisiert, die aus der Welt herausgehoben sind. So entsetzlich der Häftlingsalltag war, die Menschen haben sich trotzdem Überlebensmöglichkeiten gesucht. Wir wissen zum Beispiel, dass in Theresienstadt viele kulturelle Unternehmungen organisiert wurden, damit das Leben dort überhaupt auszuhalten war. Das waren alles Versuche, sogenannte Normalität an einem Ort des Grauens zu schaffen.  

ZEIT ONLINE: Warum empfehlen Sie die Lektüre dieses Buchs?

Steinbacher: Man bekommt darin einen sehr knappen und präzisen, aber dennoch eindringlichen Einblick, wie der Alltag in einem Konzentrationslager aussah. Man sollte es auch lesen, um zu sehen, wie sehr diese Menschen der Willkür ausgesetzt waren und wie sehr sie dennoch versucht haben, irgendwie zu überleben und Normalität in diesem Alltag herzustellen.

Sybille Steinbacher lehrt am Institut für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Holocaust und die Geschichte der Konzentrations- und Vernichtungslager

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service