Wer hoffnungslos verliebt ist und nicht durchdrehen will, sucht die Bodenhaftung. Die ist im Berliner Alltag ja an jeder Ecke zu finden. Streift der Blick über hässliche Mietshausfassaden, nieselt das Wetter, sind die Passanten grau gelaunt, der Gehweg voller Hundehaufen, braust die Müllabfuhr durch eine Pfütze – das ernüchtert und kühlt ab.

Auf keinen Fall sollten Sie ausgerechnet  zum Valentinstag in die Abguss-Sammlung antiker Plastik geraten. Denn die altertümliche Kultur wird Sie nicht ablenken, sondern Ihre Sehnsucht noch schüren.

Gleich hinter dem Eingang werden Sie von zwei strahlend weißen Gipsputten aufgehalten, die Amor und Psyche darstellen. Sie umschlingen einander, die Lippen nur Zentimeter voneinander entfernt, die ganze Geste so versunken, als gäbe es um sie herum keine Besucher und über ihnen keine quadratischen Deckenlampen. Sie sind überlebensgroß, man kann um sie herumlaufen, aber ihre Innigkeit schließt den Besucher aus.

Kein Mensch weit und breit, und doch so viele. Die meisten reinweiß, reglos und makellos, nachlässig bis gar nicht bekleidet, kniend, flehend, liegend, stehend, ohne Arme, schweigend, zugleich mit viel sagenden, verzweifelten, selbstbewussten Mienen. All diese Kopien von Statuen, Standbildern, Skulpturen des Orients bis zur Antike gestikulieren durcheinander.

Da sind Regale voller griechischer, ägyptischer Köpfe und römischer Profile, davor ein meterhoher Pharao, in Reliefs gehauene Szenen, hingegossene Glieder. Hände mit Speeren bewaffnet, Muscheln reichend, abwehrend, zärtlich, zur Faust geballt. Oberarme, die jeden Muskel nachzeichnen, sanft geschwungene Hüften und Idealmaß-Kehrseiten.

Mag sein, dass draußen die Müllabfuhr durch Pfützen braust, hier drin ist alles Gefühl und Körper. Wenn Sie eine Frau sind, wandeln Sie in Augenhöhe an männlichen Lenden vorbei, an Geschlechtsorganen, die zwischen knabenhaften oder kräftigen, weißen Schenkeln ruhen, ganz zu schweigen von den breiten Brustkörben. Die Adern, die sich über den Hals eines hellenischen Kriegers ziehen, scheinen leise zu pochen, er ist sprungbereit.