Alles ausser Fussball

"Ich liebe die Matroschka"

Andreas Beck wurde in Sibirien geboren und spielt für die deutsche Nationalmannschaft. Ein Gespräch über Fußball als Integrationshilfe, Nationalstolz und Fischkuchen

ZEIT ONLINE: Wieso spielen Sie nicht für die russische Nationalmannschaft. Guus Hiddink ist ein guter Trainer.

Anzeige

Beck: Russische Journalisten haben mich das auch schon gefragt. Ich wurde in Sibirien geboren. Im Alter von drei Jahren kam ich nach Deutschland. Aber die Überlegung für Russland zu spielen, gab es nicht. Ich habe in den Jugendnationalteams des DFB gespielt, lebe seit vielen Jahren hier und bin stolz für Deutschland aufzulaufen.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich und Ihre Familie in die deutsche Gesellschaft integriert?

Beck: Da habe ich Vieles meinen Eltern zu verdanken. Als meine Mutter in Süddeutschland ankam, konnte sie kein Wort Deutsch. Meine Eltern sind in die Abendschule gegangen, haben viel gebüffelt. Die Sprache ist sehr wichtig. Der Sport kann es auch sein.

Serie
Alle Kolumnen von Andreas Beck, Philipp Lahm, Tobias Rau und Thomas Hitzlsperger auf unserer Serienseite

Alle Kolumnen von Andreas Beck, Philipp Lahm, Tobias Rau und Thomas Hitzlsperger auf unserer Serienseite

ZEIT ONLINE: Sie meinen den Fußball?

Beck: Ja, mir hat Fußball sehr geholfen. Man kann auf dem Feld auf anderen Ebenen kommunizieren, man findet schnell Freunde.

ZEIT ONLINE: Wer gut spielt, ist schnell beliebt?

Beck: So ist das auf dem Bolzplatz. Wenn einer gut kicken kann, ist er dabei.

ZEIT ONLINE: Was verbindet Sie heute noch mit Russland? Verfolgen Sie Putins Politik?

Beck: Es ist schwierig, sich davon ein Bild zu machen. Die Berichterstattung in Deutschland scheint mir oft einseitig. Meine Wurzeln liegen in Russland, aber leider kann ich kein Kyrillisch lesen. Ich frage aber oft meine Oma.

ZEIT ONLINE: Die wohnt noch in Sibirien?

Beck: In St. Petersburg. Im Sommer kommt sie uns immer besuchen.

ZEIT ONLINE: In den Nationalmannschaften spielen mehrere Fußballer, die aus anderen Nationen stammen. Zum russischen Team gehören einige Brasilianer. Ist das System der Nationalmannschaften in Zeiten der Globalisierung überholt?

Beck: Es stimmt schon, dass sich die Kulturen mischen. Aber überflüssig ist das System nicht. Die Nationalmannschaft sollte es weiter geben. Auch wenn man seine Wurzeln in einem anderen Land hat, ist man stolz, im Nationalteam zu spielen.

ZEIT ONLINE: Sie singen die Hymne mit?

Beck: Ja, das ist etwas Besonderes. Als kleiner Junge träumt man davon.

ZEIT ONLINE: Davon habe ich noch nie geträumt.

Beck: Ich habe mir das früher vorgestellt: Wenn ich da stehe und das erste Mal als deutscher Nationalspieler die Hymne singe.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Der Mann wohnt seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland und ist froh und glücklich, für sein Land spielen zu können.
    Der Interviewer muss ihn natürlich trotzdem fragen, ob er nicht lieber für Russland spielen will. Ist das nicht eine Beleidigung für Andreas Beck, weil damit unterschwellig seine (offensichtlich sehr erfolgreiche) Integration infrage gestellt wird und der Frager ihn als Ausländer abstempelt, der eigentlich nicht dazugehört? Gleichzeitig impliziert die Frage, dass ja alles in der Welt schöner wäre, als für Deutschland zu spielen.
    Kurzum die hirnrissige Message: Unser Land ist Scheiße und du gehörst eigentlich gar nicht dazu…
    Bei solchen Interviewfragen würde ich mir als Interviewpartner ziemlich verkohlt vorkommen (noch dazu die anderen belanglosen Fragen zur Hymne, zu Putins Politik, Matroschkas und Borschtsch, bei der der Frager seine Ignoranz offenbart).

  2. Ich verstehe diese implizite Selbstbeschimpfung in den Fragen auch nicht. Penetrant wird versucht, eine russische Zugehörigkeit zu verorten. Dass der Mann hier aufgewachsen ist und sich als Deutscher fühlt (wie ich auch seit meinem zweiten Lebensjahr), geht wohl nicht an.

    Und: Als Kind auf dem Bolzplatz habe ich natürlich auch davon geträumt einmal in der Nationalmannschaft zu spielen. Ich meine, dies dürfte der Normalzustand sein. Eher merkwürdig wären Kinder, die sich bereits als Weltbürger sehen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service