Arbeitsmarkt Die JobmacherSeite 2/2

Arbeitslosen-Selbsthilfe sah bislang anders aus. Wer vom BVAM die Straße hochgeht, gelangt zum MALZ, dem Moerser Arbeitslosenzentrum. Schlichte Büroräume, Gewerkschaftsplakate an den Wänden, im Flur liegt die Arbeitslosenzeitung aus. Auch hier beraten ehemalige Arbeitslose. Sie helfen den Betroffenen vor allem, die oft 20seitigen Hartz-IV-Bescheide zu verstehen und sich gegebenenfalls dagegen zu wehren. »Es geht meistens nicht um die Integration in den ersten Arbeitsmarkt«, sagt Geschäftsführer Peter Sokoll.

Das ist bei den Arbeitslosen-Unternehmern vom BVAM anders. »Die Jobsuche steht bei uns im Mittelpunkt«, sagt Thorsten Overlöper. Doch das Konzept birgt Risiken. »Selbstständigkeit ist absolut nicht für jeden das Richtige«, sagt Frank Wießner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Ein Unternehmer müsse verhandeln, sich verkaufen, Unsicherheit ertragen können. Wer diese Fähigkeiten nicht mitbringe, drohe zu scheitern. Immerhin: Die meisten Gründer, die von der Bundesagentur für Arbeit unterstützt wurden, waren 28 Monate später noch selbstständig oder fest angestellt, so eine Untersuchung des Instituts. Allerdings werden Selbstständige nicht reich mit ihrer Arbeit, das zeigt eine Stichprobe des Forschungsinstituts betriebliche Bildung in Nürnberg. Mehr als die Hälfte hat ein niedrigeres Einkommen als vorher in einer Festanstellung.

Bei Katherina Ballentin ist es umgekehrt. Eigentlich ist sie Bürokauffrau, doch jetzt fährt sie mit ihrem Citroen durch die Wohngebiete in Moers und Umgebung, im Kofferraum eine Kiste mit Putzzeug, auf der Heckscheibe Werbung für ihren Nagelpflege-Service. Tagsüber Treppenhäuser reinigen, abends Nägel feilen, das sei zwar anstrengend. »Aber ich würde nie so viel Umsatz machen, wenn ich irgendwo angestellt wäre«, sagt sie. Das Coaching beim BVAM habe ihr geholfen. Sie habe gelernt, wie man richtig telefoniert, Werbung macht, einen Businessplan schreibt.
Ob Arbeitslose ein Coaching oder eine Hartz-IV-Beratung brauchen, hängt vom Typ und vom sozialen Hintergrund ab. Doch eins haben der unternehmerische Arbeitslosenverein und das gewerkschaftsnahe Zentrum gemeinsam: Es müsste sie gar nicht geben. Denn zum Beraten ist die Bundesagentur für Arbeit da. Aber das reicht nicht, findet Thorsten Overlöper: »Die meisten Arbeitslosen verstehen die Fördermaßnahmen überhaupt nicht.« Der Umgang mit den ständig wechselnden Sachbearbeitern bei der Agentur sei schwierig. Deshalb werde zusätzliche Beratung gebraucht.

Das sieht die nordrhein-westfälische Landesregierung anders. Sie will Angebote wie das Moerser Arbeitslosenzentrum nicht mehr finanzieren, ihre Zukunft ist unsicher. Der Bundesverband arbeitsloser Menschen dagegen kann weitermachen: Er ist nicht auf öffentliche Mittel angewiesen. Solche privaten Einrichtungen könnten in Zukunft immer wichtiger werden, wenn die Politik das Geld streicht.
 

 
Leser-Kommentare
    • politz
    • 22.02.2009 um 20:46 Uhr

    Schönes Vorbild und sicher für einige Arbeitslose eine Chance, ihre Stellung auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Trotzdem: Nicht alle 500.000 und mehr zusätzlichen Arbeitslosen können diese Form der Selbstständigkeit einnehmen. Die zusätzlichen Jobs werden dann an anderer Stelle wieder abgebaut. Wenn weniger Arbeit nachgefragt wird, kann das nicht durch einen Wundermechanismus umgangen werden.

  1. was hier als Patentrezept gegen Arbeitslosigkeit propagiert wird: Freiberufliche Working Poor ohne jegliche soziale Absicherung. Und wenn das Einstiegsgeld des JobCenters ausgelaufen ist, dann ist wieder alles beim Alten, weil die Auftragslage gar keine selbstständige Existenz ohne aufstockendes Alg II hergibt. Aber wenigstens Frau Simon hat ihr Zeilenhonorar für diesen Schwachfug erhalten.

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  2. Na, es ist doch aber besser, irgendwas als Selbstständiger zu arbeiten, als tatenlos zuzuschauen, wie der Anspruch auf ALG-I ausläuft und man in Hartz IV reinrutscht! Zumal die Wirtschaft ja auch irgendwann wieder anspringen wird und man entweder einen Job bekommt oder mit Aussicht auf Erfolg einen Kredit beantragen kann, um ein lukrativeres Unternehmen aufzuziehen; will sagen: Die Leute, die jetzt arbeitslos werden, benötigen keine Lösung für 30 Jahre, sondern allenfalls für drei bis fünf.

  3. 4. FALLE

    Ich bin Dauerarbeitsloser aus dem Ruhrgebiet mit Studium, Promotion, Berufs- und Führungserfahrung und besten Zeugnissen, natürlich mobil und flexibel. Vor der Selbstständigkeitsfalle kann ich nur warnen! Die Entlohnung ist ein Hohn. Wer es trotzdem ausprobieren will, sollte sich auf ein sehr schwieriges Leben mit Schulden einrichten.
    Auf eine solche "Arbeitslosenberatung" kann getrost verzichtet werden.
    rheinelbe

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    Das ist genau das, was ich gemeint hatte: Leute, die "prekäre" Arbeitsverhältnisse als Brücke zu regulären propagieren, sind ideologisierte Markttheoretiker, die von der Praxis keine Ahnung haben (am besten unkündbare Beamte mit Lehrauftrag). Durch den Druck der Arbeitslosigkeit mehr oder weniger erzwungene Selbstständigkeiten führen zumeist ins Aus. Und wenn man Pech hat, steht man am Ende noch mit einer Menge Schulden da.

    Das ist genau das, was ich gemeint hatte: Leute, die "prekäre" Arbeitsverhältnisse als Brücke zu regulären propagieren, sind ideologisierte Markttheoretiker, die von der Praxis keine Ahnung haben (am besten unkündbare Beamte mit Lehrauftrag). Durch den Druck der Arbeitslosigkeit mehr oder weniger erzwungene Selbstständigkeiten führen zumeist ins Aus. Und wenn man Pech hat, steht man am Ende noch mit einer Menge Schulden da.

  4. Sicher, Selbständigkeit mit geringem Einkommen mag besser erscheinen, als langfristig auf ALG II angewiesen zu sein. ALG II ist für Langzeitarbeitslose über 40 auch meist keine Zwischenstation. Sozialversicherungspflichtige Arbeit wird in diesem Alter selten erlaubt.

    (Schein-) Selbständigkeit und 400€ Jobs heißen aber eben auch, dass der Betreffende nciht mehr in die sozialen Sicherungssysteme einzahlt (der AG ebenso wenig).

    Der faktische Effekt ist:
    (1) billige, abhängige Arbeitskraft für den AG
    (2) geringes, prekäres Einkommen für den AN
    (3) Verschieben sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung in nicht sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit entsprechend negativen Folgen für die Sicherungssysteme.

    Eine sicherlich AG-freundliche Entwicklung, gesellschaftlich aber langfristig desaströs.

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    ALG II ist für Langzeitarbeitslose über 40 auch meist keine Zwischenstation.

    Das ist so, fürchte ich: Wer einmal drin ist, bleibt drin (auch schon vor dem vierzigsten Jahr).

    Sozialversicherungspflichtige Arbeit wird in diesem Alter selten erlaubt.

    Das verstehe ich nicht: Meinen Sie, es gibt jemanden, der den über vierzigjährigen die Arbeitsgenehmigung entzieht?

    Eine sicherlich AG-freundliche Entwicklung, gesellschaftlich aber langfristig desaströs.

    Dann ist es gesellschaftlich weniger desaströs, die Leute in der Langzeitarbeitslosigkeit zu halten, um die Löhne für die Arbeitsplatzbesitzer hoch zu halten?

    ALG II ist für Langzeitarbeitslose über 40 auch meist keine Zwischenstation.

    Das ist so, fürchte ich: Wer einmal drin ist, bleibt drin (auch schon vor dem vierzigsten Jahr).

    Sozialversicherungspflichtige Arbeit wird in diesem Alter selten erlaubt.

    Das verstehe ich nicht: Meinen Sie, es gibt jemanden, der den über vierzigjährigen die Arbeitsgenehmigung entzieht?

    Eine sicherlich AG-freundliche Entwicklung, gesellschaftlich aber langfristig desaströs.

    Dann ist es gesellschaftlich weniger desaströs, die Leute in der Langzeitarbeitslosigkeit zu halten, um die Löhne für die Arbeitsplatzbesitzer hoch zu halten?

  5. ALG II ist für Langzeitarbeitslose über 40 auch meist keine Zwischenstation.

    Das ist so, fürchte ich: Wer einmal drin ist, bleibt drin (auch schon vor dem vierzigsten Jahr).

    Sozialversicherungspflichtige Arbeit wird in diesem Alter selten erlaubt.

    Das verstehe ich nicht: Meinen Sie, es gibt jemanden, der den über vierzigjährigen die Arbeitsgenehmigung entzieht?

    Eine sicherlich AG-freundliche Entwicklung, gesellschaftlich aber langfristig desaströs.

    Dann ist es gesellschaftlich weniger desaströs, die Leute in der Langzeitarbeitslosigkeit zu halten, um die Löhne für die Arbeitsplatzbesitzer hoch zu halten?

  6. Sozialversicherungspflichtige Arbeit wird in diesem Alter selten erlaubt.
    Das verstehe ich nicht: Meinen Sie, es gibt jemanden, der den über vierzigjährigen die Arbeitsgenehmigung entzieht?

    Nein, das meine ich nicht. Ich wollte damit nur sagen, dass die Betroffenen arbeiten wollen, jedoch altersdiskriminiert werden. In diesem Sinn nicht dürfen.

    Eine sicherlich AG-freundliche Entwicklung, gesellschaftlich aber langfristig desaströs.
    Dann ist es gesellschaftlich weniger desaströs, die Leute in der Langzeitarbeitslosigkeit zu halten, um die Löhne für die Arbeitsplatzbesitzer hoch zu halten?

    Nein, es wäre aber gesellschaftlich weniger desaströs...
    - wenn die Renditen der Unternehmen geringer ausfielen
    - wenn die Dividendenzahlungen an die Aktionäre geringer ausfielen
    - dafür aber Arbeit mit existenzsichernden Löhnen bezahlt würde
    - die Beitragsquoten zu sozialen Sicherungssystemen gesenkt werden würden
    - die Binnennachfrage in der Breite gestärkt würde

    Meinen Sie, es gäbe kein McDonalds mehr ohne prekäre Arbeitsverhältnisse? Oder kein DHL oder UPS?

    Ich glaube es nicht.

    Momentan sagt die Gesellschaft: Wir müssen ALG II so gestalten, dass die Empfänger jede zumutbare Arbeit annehmen.

    Sie sollte sagen: Wir müssen die Rahmenbedingungen so setzen, dass die AG jede gerade eben zumutbare Rendite annehmen. Zugunsten der AN.

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    Meinen Sie, es gäbe kein McDonalds mehr ohne prekäre Arbeitsverhältnisse? Oder kein DHL oder UPS?

    Ich glaube es nicht.

    Ich auch nicht.

    DHL und UPS ohne prekäre Arbeitsverhältnisse hatten wir schon mal; die Firma hieß Bundespost. Die Arbeitsplätze dort waren nicht prekär, alles andere als das: Gekündigt wurde man dort nicht, und der Post Konkurrenz zu machen war gesetzlich verboten.

    Aber die Zeche wurde, abgesehen vom Steuerzahler, vor allem vom Konsumenten bezahlt: Die Beförderung war langsam und unzuverlässig, die Wartezeit in den Annahmestellen konnte schon mal 30 Minuten betragen bis man das erste Mal von einem Schalterbeamten angeschnauzt wurde. An die Möglichkeit, Sendungen per Paketnummer online zu verfolgen, war gar nicht zu denken, und nicht nur, weil damals weder die Verbraucher noch die Post Internetzugang hatten. Pakete, die innerhalb Norddeutschlands verschickt wurden, landeten schon mal in Süddeutschland; den Empfängern wurde dann anheimgestellt, sie in Bamberg abzuholen --- auf eigene Kosten, natürlich.

    Das war, wohlgemerkt, in der alten BRD, nicht in der DDR; da war es dem Vernehmen nach noch schlimmer.

    Genauso würde es wahrscheinlich mit McDonald laufen: Wenn man denen vorschreibt, ihre Mitarbeiter nicht mehr auf Stundenbasis zu beschäftigen, würde das Unternehmen (nach der ersten Welle von Restaurantschließungen und betriebsbedingten Kündigungen, die es auch geben würde) wahrscheinlich die Preise erhöhen und die Speisekarte kürzen (z. B. die gerade erst unter dem Druck der Öffentlichkeit eingeführten Salate wieder rausschmeißen, weil die eh keiner bestellt).

    Bevor die Aktionäre leiden würden, würden es die Kunden tun; weil es für das Management leichter ist, sich dort schadlos zu halten, und auch, weil Mitarbeiter von Dienstleistern sich automatisch weniger Mühe geben, wenn sie nicht gekündigt werden können.

    Wollen Sie das?

    Meinen Sie, es gäbe kein McDonalds mehr ohne prekäre Arbeitsverhältnisse? Oder kein DHL oder UPS?

    Ich glaube es nicht.

    Ich auch nicht.

    DHL und UPS ohne prekäre Arbeitsverhältnisse hatten wir schon mal; die Firma hieß Bundespost. Die Arbeitsplätze dort waren nicht prekär, alles andere als das: Gekündigt wurde man dort nicht, und der Post Konkurrenz zu machen war gesetzlich verboten.

    Aber die Zeche wurde, abgesehen vom Steuerzahler, vor allem vom Konsumenten bezahlt: Die Beförderung war langsam und unzuverlässig, die Wartezeit in den Annahmestellen konnte schon mal 30 Minuten betragen bis man das erste Mal von einem Schalterbeamten angeschnauzt wurde. An die Möglichkeit, Sendungen per Paketnummer online zu verfolgen, war gar nicht zu denken, und nicht nur, weil damals weder die Verbraucher noch die Post Internetzugang hatten. Pakete, die innerhalb Norddeutschlands verschickt wurden, landeten schon mal in Süddeutschland; den Empfängern wurde dann anheimgestellt, sie in Bamberg abzuholen --- auf eigene Kosten, natürlich.

    Das war, wohlgemerkt, in der alten BRD, nicht in der DDR; da war es dem Vernehmen nach noch schlimmer.

    Genauso würde es wahrscheinlich mit McDonald laufen: Wenn man denen vorschreibt, ihre Mitarbeiter nicht mehr auf Stundenbasis zu beschäftigen, würde das Unternehmen (nach der ersten Welle von Restaurantschließungen und betriebsbedingten Kündigungen, die es auch geben würde) wahrscheinlich die Preise erhöhen und die Speisekarte kürzen (z. B. die gerade erst unter dem Druck der Öffentlichkeit eingeführten Salate wieder rausschmeißen, weil die eh keiner bestellt).

    Bevor die Aktionäre leiden würden, würden es die Kunden tun; weil es für das Management leichter ist, sich dort schadlos zu halten, und auch, weil Mitarbeiter von Dienstleistern sich automatisch weniger Mühe geben, wenn sie nicht gekündigt werden können.

    Wollen Sie das?

  7. Das ist genau das, was ich gemeint hatte: Leute, die "prekäre" Arbeitsverhältnisse als Brücke zu regulären propagieren, sind ideologisierte Markttheoretiker, die von der Praxis keine Ahnung haben (am besten unkündbare Beamte mit Lehrauftrag). Durch den Druck der Arbeitslosigkeit mehr oder weniger erzwungene Selbstständigkeiten führen zumeist ins Aus. Und wenn man Pech hat, steht man am Ende noch mit einer Menge Schulden da.

    Antwort auf "FALLE"
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    100% Zustimmung!
    Die Eigeninitiative des Erwerbslosen ist übrigens bereits im sog. "Job-Aktiv-Gesetz" aus dem Jahre 2000 vorgeschrieben und wird auch besonders stark in den Eingliederungsvereinbarungen betont. Doch das nützt bei älteren Erwewrbslosen (ab 40 schon!) erfahrungsgemäß meist auch nichts. Die Überschrift des Artikels "Die Jobmacher" ist natürlich irreführend.
    rheinelbe

    100% Zustimmung!
    Die Eigeninitiative des Erwerbslosen ist übrigens bereits im sog. "Job-Aktiv-Gesetz" aus dem Jahre 2000 vorgeschrieben und wird auch besonders stark in den Eingliederungsvereinbarungen betont. Doch das nützt bei älteren Erwewrbslosen (ab 40 schon!) erfahrungsgemäß meist auch nichts. Die Überschrift des Artikels "Die Jobmacher" ist natürlich irreführend.
    rheinelbe

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