Jamaikas Musikexport Jeder Hinterhof eine Tanzhalle
Seit den Siebzigern haben Reggae und Dancehall von der Karibik aus die Welt erobert. Beth Lesser erzählt, zu welchen Klängen wie, wo und warum die Hintern wackelten
Welches Land beherbergte in den Siebzigern die drittgrößte Musikindustrie der Welt – eine zumal, deren Einfluss bis heute allerorten zu vernehmen ist? Keine Frage, das muss Jamaika sein! Ja, einzig der Reggae des karibischen Eilands konnte in den Siebzigern mit den Musikindustrien Großbritanniens und der Vereinigten Staaten mithalten. Die wuchtigen Basslinien und das flotte Patois der Soundsystems gingen von den Tanzhallen Kingstons um den Globus. Vor allem die Töne Bob Marleys hallten weit – doch Reggae war und ist wesentlich mehr als sanft wiegende Rhythmen und friedvolle Botschaften.
Beth Lesser weiß davon ein Buch zu schreiben. Sie bereiste Jamaika in den Achtzigern mit ihrem Ehemann. Sie führte Interviews für das Reggae Quarterly Fanzine, er kaufte Platten für seine Radiosendung in Toronto. Bob Marley war gerade gestorben, und die Dancehall-Kultur wurde langsam auch in den USA und Großbritannien populär. In Jamaika mischte sich das Pistolenzischen der Drogenkriege unter die freundlichen Rhythmen, da durchwanderte Lesser die lautesten Viertel Kingstons mit Stift und Kamera. Sie knipste und knipste und knipste. Und schrieb.
Vor allem die Dancehall und die Soundsystems haben es ihr angetan. Tanzhalle? Klanggebilde? Zum allgemeinen Verständnis: Dancehall ist zweierlei, zum einen eine in den späten Siebzigern erblühte Spielart des Reggae – weniger an universalistischen Botschaften interessiert als daran, die Menschen mit brummenden Bässen über die Tanzfläche zu treiben. Zum anderen ist die Dancehall der Ort, an dem Menschen in Jamaika in den Jahren nach der Unabhängigkeit von der britischen Krone zusammenkamen, um Musik zu hören. Die wenigen Reichen trafen sich im Ballhaus, den vielen Armen war der Besitzer eines Radios oder eines Schallplattenspielers König.
Die Dancehalls der frühen Jahre entstanden spontan: Kaum stellte jemand zwei Lautsprecher im Hinterhof auf und ließ das Programm einer der beiden jamaikanischen Radiostationen erklingen, versammelten sich Menschen und wackelten die Hüften zu amerikanischem Pop, Easy Listening und Country – so gut das eben ging.
Bald formierten sich Soundsystems und setzten dem Jamaikanisches entgegen. Sie bestanden aus einem Selector, einem Deejay und einem Sänger – der eine suchte die Platten aus, der Zweite legte sie auf, der Dritte plapperte oder sang in den Pausen. Die Soundsystems begannen, ihre eigenen Singles aufzunehmen, oft nur instrumentale Einzelstücke – Dubplates – für den Einsatz auf der Bühne. Andere nahmen ihre besten Reime – Toasts – gleich mit auf und verkauften die Single. Labels wurden gegründet, und ein dichtes Netz von winzigen Plattenläden entstand.
The Rise Of Jamaican Dancehall Culture heißt das Buch, in dem Beth Lesser all dies noch viel genauer erzählt. Auf 200 Seiten im Format einer LP spürt sie der Kultur der Dancehall nach, dem Zusammenspiel aus Rhythmus, Sozialem und Industrie. Sie erkundet, wie die Dancehall als Ort der Zusammenkunft entstand und wie sie eine Dynamik auslöste, auf deren Höhepunkt Ende der Siebziger wöchentlich bis zu 50 neue Singles offiziell veröffentlicht wurden. Sie stellt die wichtigsten Musiker und Produzenten in Wort und Bild vor, bettet musikalische Entwicklungen in politische und geht schließlich sogar der Frage nach, ob die Dancehall-Kultur im digitalen Zeitalter überleben könne. Es geht ihr nicht nur um den titelgebenden Rise, sondern auch um den waffenstrotzenden Fall des Dancehall und um seine Zersplitterung im globalen Kapitalismus. Und darum, wie gering die Chancen von Musikerinnen in der konservativen Gesellschaft Jamaikas immer waren.
Die Texte sind klug, die Bilder groß – und sie ähneln sich: hübsche, doppelseitige Fotografien von Männern in Autos und neben Autos, auf Motorrädern und Fahrrädern. Männern an Mikrofonen, Reglern, Plattenspielern, Männer in Hinterhöfen, in Plattenläden, vor Plattenläden. Die meisten posieren, unter jedem Bild ist vermerkt, wer zu sehen ist – das allein ist schon eine erstaunliche Leistung. Man blättert und schmökert fasziniert – und hat schließlich eine lebhafte Vorstellung davon, was in so einer Tanzhalle abgeht.
Nämlich ungefähr das: Durch Kingston wummern die breitschultrigen Beats aus den Tanzhallen. Der Schall eines Soundsystems endet erst dort, wo der Schall des nächsten beginnt. Je mehr die Basslautsprecher draufhaben, desto voller ist das Haus. Die tropische Wärme wirbelt nur dort, wo der Bass besonders rummst oder besonders ausgelassen getanzt wird.
Bald ist jeder zweite Hinterhof eine Tanzhalle, jedes Freundestrio ein Soundsystem. Andere tummeln sich dazwischen, verkaufen Snacks, lauwarme Getränke und Drogen. Tänzer und Höker tingeln von einem Ort zum anderen, verweilen, wenn der Rhythmus sie mitreißt, plaudern sich fest, wenn er es nicht wert ist, betanzt zu werden. Mit der Sorte Reggae, die zuerst den Weg über den Atlantik nahm, haben die düsteren, trägen Rhythmen und das mal hektische, mal schwerzungige Geplapper der Deejays wenig gemein.
Beth Lessers Buch ist eine aufschlussreiche Exkursion nach Jamaika. Die parallel erschienene Doppel-CD macht die hitzige Erfahrung besonders eindrucksvoll.
Beth Lesser: Dancehall – The Rise Of Jamaican Dancehall Culture, Soul Jazz Publishing, 216 Seiten – erhältlich für rund £ 25 inkl. Porto über die Website von Soul Jazz.
Dancehall – The Rise Of Jamaican Dancehall Culture, Soul Jazz Records/Indigo, 2 CD bzw. 4 LP – erhältlich in jedem guten Plattenladen.
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- Datum 25.02.2009 - 16:29 Uhr
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