ZEIT ONLINE: Herr von Richthofen, Sie haben mit ihrer Kommission versucht, die Doping-Vergangenheit von BRD und DDR aufzuklären. Wie lief das damals ab?

Manfred von Richthofen: Wir haben Männer und Frauen aus Ost und West angehört, gegen die es Anschuldigungen gab. Zum Beispiel Professor Keul aus Freiburg. Zur ersten Anhörung kam er noch alleine. Trotzdem war die Anhörung sehr unerfreulich, weil er keine präzisen Auskünfte geben wollte. Bei der zweiten Anhörung erschien er dann mit einem Anwalt. Wir waren danach der Ansicht, dass Keul verquickt war in Doping.

ZEIT ONLINE: Wenn sie schon 1991 den Eindruck hatten, dass Keul eine entscheidende Figur im westdeutschen Doping war, warum durfte er dann noch bis zum Jahr 2000 Olympiaarzt bleiben?

von Richthofen: Keul hatte nach der Anhörung damals festgestellt, dass die Kommission überflüssig sei. Ich bin dann zum Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) gegangen, Willi Daume. Und zwar mit der Bitte, Keul nicht mehr als Olympiaarzt zu nominieren. Daume hat meine Bitte zur Kenntnis genommen und mich mehr oder weniger höflich zur Tür hinaus befördert. Passiert ist nichts, Keul blieb Olympiaarzt.

ZEIT ONLINE: Ist Doping damals vernünftig aufgeklärt worden?

von Richthofen: Nein, damals hatte man noch nicht ausreichend Stasi-Unterlagen. Manches ist verharmlost und vertuscht worden. Es gab namhafte Sportführer, die vom Doping profitieren wollten und die deshalb Sportler aus der DDR bewusst integrierten. Ganz besonders der damalige Leichtathletik-Präsident Helmut Meyer. Und die Ost-Athleten haben dem DLV dann ja auch tatsächlich frischen Wind gegeben. Aber auch im Radsportverband mit dessen Präsidenten Werner Göhner war das so. Der Radsport war damals noch unbeschädigt, und wir haben ihm die ersten Kratzer verpasst. Göhner sagte damals, das ganze Thema werde 'aufgebauscht'.

ZEIT ONLINE: Sitzen die Nachfolger dieser Doping-Förderer heute noch immer als Funktionäre in den Spitzenämtern?

von Richthofen: Um Gottes Willen keine Verallgemeinerungen. Die gesamte Einstellung des Sports ist heute eine andere. Obwohl das auch von Sportart zu Sportart unterschiedlich ist. Wenn ich mir zum Beispiel den Radsport anschaue …

ZEIT ONLINE: Aber es ist doch noch immer so, dass Doping-Gegner vom System verdrängt werden.

von Richthofen: In manchen Fällen bestimmt. Ein Beispiel war Sylvia Schenk (von 2001 bis 2004 Präsidentin des Bund Deutscher Radfahrer, die Redaktion). Zu ihr kann man stehen, wie man will, und sie hat sicher auch anfechtbare Entscheidungen getroffen. Auch wenn sie manchmal übers Ziel hinaus geschossen ist, hat sie sich viel Mühe im Anti-Doping-Kampf gegeben. Von den anderen Radsport-Funktionären hat sie dann das Misstrauensvotum bekommen. Das sagt ja schon einiges.

Manfred von Richthofen leitete nach der Wende die nach ihm benannte Richthofen-Kommission zur Aufarbeitung des Dopings in West- und Ostdeutschland. Von 1994 bis 2006 war er Präsident des Deutschen Sportbundes DSB, der vor drei Jahren mit dem NOK zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) fusionierte.

Die Fragen stellte Daniel Drepper.