Der dopingbelastete ehemalige DDR-Leichtathletik-Trainer Werner Goldmann © Frank Rumpenhorst

Arbeitsgericht Darmstadt, Kammer 12, Aktenzeichen 12CA601/08: Werner Goldmann gegen den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Der Ex-DDR-Trainer verklagt den DLV auf Weiterbeschäftigung. Der DLV hat den Arbeitsvertrag mit ihm gekündigt. Mit Arbeitsrecht hat der Prozess aber nur vordergründig zu tun. In Wahrheit geht es in Darmstadt um die Schuld des deutschen Sports an Doping-Opfern. Eines Sports, der Schuld häuft, statt sie abzutragen. Bis heute.

Der ehemalige DDR-Kugelstoßer Gerd Jacobs behauptet, Goldmann habe ihm in den 80er Jahren Anabolika verabreicht. Goldmann jedoch hat vor den Olympischen Spielen in Peking die vom Deutschen Olympischen Sportbund geforderte Ehrenerklärung unterschrieben: Er habe nie etwas mit Doping zu tun gehabt. Jacobs lebt heute mit einem Spenderherz und ist ein staatlich anerkanntes DDR-Dopingopfer. Goldmanns Schuld scheint offensichtlich.

Jahrzehntelang hat Deutschland gedopt – westlich wie östlich der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Im Osten war der Betrug vom Staat befohlen und organisiert, im Westen vom Parlament geduldet, Dopingforschung hat die Politik finanziell gefördert. Medaillen waren wichtiger als Regeln, Normen und Moral. Und wichtiger als gesunde Sportler. Öffentlich diskutiert wurde das selten, konsequent aufgeklärt nie. Weil Funktionäre, Politiker, Ärzte sowie Trainer und Sportler nicht sehen, hören, geschweige denn reden wollen. Die Akteure von früher und ihre Zöglinge haben noch heute führende Positionen inne.

Der deutsche Sport, träumten Funktionäre und Politiker in der Nachwendezeit, sollte für Jahre unschlagbar sein. Die dunkle Seite des DDR-Sportwunders wurde nicht nur übersehen, sie wurde genutzt. Das hat unter anderem der Berliner Sporthistoriker Giselher Spitzer in mehreren Projekten bewiesen. "Die deutsche Doping-Geschichte hat nicht mit der Wende aufgehört. Seitdem ist das Wissen aus dem Osten, dem Westen und dem Ausland vereinigt worden", sagt Spitzer.

Schon im April 1990 traten einschlägige Referenten aus der ehemaligen DDR bei offiziellen Leichtathletik-Fortbildungen auf, gaben auf Einladung ihr kriminelles Wissen weiter. "Damals ist verharmlost und vertuscht worden", sagt Manfred von Richthofen, der ehemalige Präsident des Deutschen Sportbundes. "Es gab namhafte Sportführer, die vom Doping profitieren wollten und die Sportler aus der DDR integrierten." Beispiele: die damaligen Präsidenten Helmut Meyer (Leichtathletik) und Werner Göhner (Radsport).

Die bundesdeutschen Kader nahmen nicht nur Athleten auf, sondern auch Funktionäre, Mediziner und Trainer wie Werner Goldmann. Goldmann betreute nach der Wende die Werfer-Elite, war zuletzt Bundestrainer der Kugelstoßer und Heimtrainer des Diskuswerfers Robert Harting. Seit 1991 sammelte Goldmann mit seinen Athleten einen großen Teil der deutschen Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympischen Spielen. Zu seiner Rolle im Doping-System der DDR hat sich Goldmann nie geäußert. Weder hat er sich entschuldigt noch eine angemessene Strafe erhalten. Wie so viele andere, auch im Westen der Republik.

Das Thema wird nach wie vor klein gehalten und verharmlost, seine Protagonisten beschützt. Sportmediziner wie der Freiburger Joseph Keul befürworteten vor dem Bonner Parlament schon in den 70er Jahren die kontrollierte Freigabe von Dopingmitteln wie Testosteron. Keul erforschte gleich mehrfach mit Staatsgeld die Wirkung von Hormonen auf sportliche Leistung. Dennoch wurde er 1998 zum Präsidenten des Deutschen Sportärztebundes gewählt, war bis zu seinem Tod 2000 Olympiaarzt und betreute das Tennis-Davis-Cup-Team.

"Die großen Arrangeure", sagt der Heidelberger Doping-Experte Gerhard Treutlein, "waren damals Joseph Keul, Helmut Meyer und August Kirsch." Kirsch war Vorsitzender des Bundesinstitutes für Sportwissenschaften, Meyer stellte Werner Goldmann ein. Diese Sportfunktionäre integrierten mit Hilfe weiterer prominenter Sportmediziner, Wissenschaftler und Funktionäre das dunkle Wissen der DDR in den westdeutschen Sport.

Und sie verhinderten eine Diskussion über Doping in der BRD. "Bis zum Tod Birgit Dressels wurde in Deutschland kaum über Doping geredet", sagt Treutlein. "Doch gerade in dieser Zeit ist das Problem im Westen groß geworden." Die Mehrkämpferin Dressel war 1987 in Folge von Doping mit 26 Jahren an multiplem Organversagen gestorben. Doch selbst zwanzig Jahre später werde nicht ernsthaft gegen Doping vorgegangen, klagt Treutlein. "Die Strukturen von damals wirken bis heute. Gegner werden aus dem System gedrängt."