Maria-Elisabeth Schaeffler hatte Tränen in den Augen, als sie sich gestern den 8000 Mitarbeitern ihrer Firma anschloss. Sie hatten sich vor den Werkstoren versammelt, um den Staat um Geld für den Autozulieferer zu bitten. Es geht um dessen Existenz.

Den Mitarbeitern geht es auch um ihre Existenz. Wenn das Werk schließt, werden viele von ihnen binnen Jahresfrist in Hartz IV entlassen werden. Sie können nur auf das Geld vom Staat hoffen. Eine andere Möglichkeit bleibt ihnen nicht.

Auch Frau Schaeffler geht es um ihre Existenz. Die freilich findet auf einem anderen Niveau statt, selbst wenn der Großteil ihres Vermögens, das auf mehrere Milliarden Euro geschätzt wird, in der Firma steckt, wie sie sagt. Doch auch sie bittet den Staat um Geld. Sie weint, als sie spürt, dass sie mit diesem Wunsch an diesem Tag nicht alleine steht.

Man kann ahnen, sogar mitfühlen, was in der Frau vorgehen mag: Sie verliert möglicherweise das Unternehmen, das ihre Familie seit 60 Jahren führt. Wie dieser Mitarbeiter des Betriebsschutzes, den sie schließlich sogar umarmt, ist sie jahrelang für die Firma dagewesen.

Dennoch besteht eine Diskrepanz. Frau Schaeffler ist bei Weitem nicht auf Augenhöhe mit diesem Mitarbeiter. Es ist nicht dasselbe Boot, in dem sie sitzen. Doch er lässt sich umarmen. Die Mitarbeiter jubeln ihr, während dieser größten Demonstration, die das Städtchen Herzogenaurach je erlebt hat,  zu. Ihr, die gemeinsam mit dem Finanzvorstand den riskanten Plan zur Übernahme des dreimal größeren Zulieferers Continental gefasst hatte und damit scheiterte.

Wenn man die Bilder betrachtet, die am Mittwoch in den Medien zu sehen waren und am Donnerstag auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen, fragt man sich, wie es um das politische Bewusstsein unserer Gesellschaft steht. Hier wurden wir Zeugen, wie das gemeinsame Gefühl, Opfer zu sein, stärker ist als die Tatsache, dass jemand nicht die persönliche Verantwortung übernimmt.

Dabei müssten die Mitarbeiter ja nicht ihren Kopf fordern wie einst das französische Volk von Marie Antoinette. Aber warum nicht ihre unternehmerische Verantwortung? Indem sie von ihr fordern, einen Plan vorzulegen, wie man wenigstens Teile des Unternehmens retten kann, indem sie beispielsweise welche verkauft.

Das Moment der gemeinsam erlebten Rührung ist offensichtlich stärker, als das des politischen Aufbegehrens. Die Tränen der gerührten Frau verwischen den Verstand. Die Krise könnte schlimmer werden, als wir fürchten.