Autokrise Trollhättan will kein Staatsgeld für Saab
Saab ist der größte private Arbeitgeber in der Industriestadt Trollhättan. Deren Bewohner sehen das wahrscheinliche Ende des Autobauers gelassen. Sie sind Wandel gewohnt

© Niklas Larsson/AFP/Getty Images
Schichtende: Arbeiter verlassen das Saab-Werk in Trollhättan nach zweistündigen Beratungen über ihre Zukunft
Durch Trollhättan fließt ein Fluss, der Göta. Es ist Schwedens bekanntester Fluss, er streckt sich von Stockholm im Osten bis an die Westküste. Touristen machen auf ihm Flusskreuzfahrten. Der Göta ist der Grund dafür, dass Saab in Trollhättan liegt. Denn dort hat er ein Gefälle, das ideal ist, um aus Wasserkraft billig Elektrizität für die Autofabrik zu produzieren.
Am Schiffsverkehr auf dem Göta lässt sich der Strukturwandel in der Gegend ablesen. "Seit ich Anfang 2001 das Hotel hier oben übernommen habe, hat die Zahl der Transportschiffe, die den Kanal runterfährt, klar abgenommen", sagt Rickard Halleröd. Sein Hotel Albert liegt auf einer Anhöhe am Fluss. Durch die Fenster der Veranda ist das mit Eisschollen bedeckte Wasser des Göta zu sehen. Dahinter liegt die Stadt.
"In den letzten Jahren hat eine Papierfabrik in der Nähe dichtgemacht, seither fahren weniger mit Holz beladene Boote vorbei. Zuvor hatte bereits die Werftindustrie in Westschweden geschlossen. Das war vor allem anfangs hart, aber die Leute haben anderswo Arbeit gefunden. So wird es auch sein, wenn Saab Leute entlassen muss", sagt Halleröd. Mit 15 Angestellten gehört er zu einem der vielen kleineren Dienstleister, die in Trollhättan Arbeitsplätze geschaffen haben.
Wie bei so vielen hängt auch sein Geschäft von Saab ab, dem größten privaten Arbeitgeber der Stadt. Der Autobauer ist mit einem Umsatzanteil von rund 30 Prozent Halleröds größter Kunde. Mehrmals in der Woche kommen Saab-Managemer mit Kunden zum Essen in sein Restaurant. Im angrenzenden Hotel werden Geschäftspartner und Journalisten einquartiert, die zu Werks- und Autovorführungen eingeflogen werden. Halleröd reist außerdem mit Saab zu Automessen. Kommende Woche geht es nach Genf, auch in Frankfurt, Leipzig und anderswo versorgt er die Gäste von Saab mit nordischen Spezialitäten wie Hering, Rentier und Lachs.
Angst vor der Pleite des Autoherstellers hat er dennoch nicht. "Natürlich haben wir uns zum Jahreswechsel hingesetzt und mehrere Szenarien durchgespielt. Ich geh davon aus, dass wir dieses Jahr 20 Prozent Umsatz einbüßen, nicht nur wegen der Probleme bei Saab", so Halleröd. Kündigungen wird er dennoch nicht aussprechen müssen.
Auch wenn sein Unternehmen viel Geld mit Saab verdient, ist Halleröd dagegen, dass der Staat den Autobauer mit einer Finanzspritze vor dem Überleben sichert. "Wenn ein ernst zu nehmendes Konzept steht, dann sollte die Regierung über eine Bürgschaft nachdenken, aber Geld reinschießen? Nein, das ist nicht Aufgabe des Staates", sagt er. Wandel sollte man nicht aufhalten, sondern gestalten, findet er. "Wenn mir Saab als Kunde wegbricht, werde ich verstärkt im nahen Göteborg nach neuen Geschäftspartnern suchen", sagt der Hotelier.
Auch die Arbeiter und Angestellten, die möglicherweise bei Saab gekündigt werden, müssten dann andernorts Arbeit suchen. Trotz der drohenden Arbeitsplatzverluste ist die öffentliche Stimmung optimistisch. "Här finns jobben" (Hier gibt es Arbeit) titelte der Wirtschaftsteil der linksliberalen Dagens Nyheter am Tag, an dem Saab Insolvenz beantragte. Das Blatt verwies darauf, dass Unternehmen, die auf erneuerbare Energien setzen, nicht weit von Trollhättan dringend Arbeitskräfte brauchen; Vorqualifikation aus der Autobranche seien erwünscht. Die Boulevardzeitung Aftonbladet veröffentlichte Montag dieser Woche eine Liste mit 11.629 freien Stellen. Die sind freilich übers ganze Land verteilt. Solche Artikel sind symptomatisch für Schweden.
Statt darüber zu jammern, dass es um Saab schlecht steht, und den Staat mit Steuergeldern um Hilfe zu bitten, wird geschaut, wo es sonst Arbeit geben könnte. "Als in Schweden die Werftindustrie verschwand, hat die damalige Regierung noch anders gedacht und viel Geld verloren. Nun meinen Regierung und Bevölkerung, dass die Probleme anders gelöst werden müssen. Allerdings hat Schweden mit Staatseingriffen auch schon Erfolg gehabt, beispielsweise, als es um die Stahlindustrie ging", sagt Bengt Furåker, Soziologieprofessor in Göteborg mit Schwerpunkt Arbeitsmarktforschung.
Die Führung der örtlichen Abteilung 29 der Metallgewerkschaft IF Metall in Trollhättan gehört zu jenen, die mit der Regierung härter ins Gericht gehen. Der Organisationsgrad der Arbeiter in der Region liegt bei über 90 Prozent, entsprechend stark ist die Gewerkschaft, die im Zentrum von Trollhättan in einem 600-Quadratmeter-Büro sitzt. Direkt hinter der Eingangstür fällt linker Hand eine riesige Wandmalerei ins Auge. Sie zeigt eine Handvoll Arbeiter: Ein Glasbläser bläst Glas, ein Schweißer schweißt, eine Näherin näht. Sie alle blicken in die Mitte des Bildes, wo zwei Menschen an einem Computer stehen. Auf sie fällt besonders helles Licht, als wolle der Maler sagen, dass die Zukunft der Werktätigen nur mit dem Computer gelingen kann.
Tonnie Andersson, der Vorsitzende der örtlichen Abteilung der Metallgewerkschaft, freut sich über jedes neue Dienstleistungsunternehmen. Dennoch will er die Industrie nicht aufgeben. "Die Wirtschaftsministerin sollte schnell mit einer Bürgschaft kommen, damit Saab Kredit von der Europäischen Investitionsbank bekommen und gerettet werden kann. So will es auch die Unternehmensführung", sagt er. Für einen staatlichen Einstieg bei Saab will auch Andersson nicht das Wort ergreifen. Das dürfe allenfalls eine Notlösung sein.
Sollte Saab wirklich in Konkurs gehen oder in großem Stil Leute entlassen müssen, steht die Abteilung 29 von IF Metall bereit. Wie in Schweden üblich, ist es die Gewerkschaft, die dann das Arbeitslosengeld auszahlt.
Es gibt noch weitere Unterstützung. "Unsere 15 Angestellten, die hier in diesen Büros sitzen, helfen dann", sagt Kassierer Leif Håkansson und streift im Vorbeigehen mit der rechten Hand einige Bürotüren. "Wir würden uns mit Entlassenen und deren Banken zusammensetzen, um zu schauen, ob die Tilgung von möglichen Hypotheken ausgesetzt werden kann, und über Qualifizierungsmöglichkeiten sprechen."
Es ist erstaunlich schwer, in Trollhättan jemanden zu finden, der sich für den Einstieg des Staates bei Saab ausspricht – ein Modell, das für Opel in Deutschland selbst konservative Politiker erwägen, in Frankreich und England denkt man ähnlich. "Das Geld kann die Regierung sicher besser anlegen", sagt eine Altenpflegerin, die gerade vom Einkaufen kommt. "Wenn nicht mehr genügend Leute deren Autos kaufen wollen, ist das doch nicht die Aufgabe aller Schweden, das Unternehmen zu retten", so die Mittvierzigerin.
Trollhättan hat einmal viel mehr Industrie gehabt. In den vergangenen Jahrzehnten sind viele Unternehmen Pleite gegangen. "Trotzdem ist die Stadt gewachsen – mit kleineren Unternehmen und Dienstleistern etwa", sagt die Frau, die fast ihr gesamtes bisheriges Leben in Trollhättan verbracht hat. Sie kann dem Niedergang der Industrie sogar noch etwas Positives abgewinnen: "Seit die großen Firmen weg sind, ist die Luft besser geworden", fügt sie scherzend hinzu. Und der Götakanal ist womöglich auch sauberer.
- Datum 26.02.2009 - 08:28 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Hier erkennt man wieder, was eine positive Presse während der "Krise" doch für einen Unterschied macht.
Kein rumgejammer, kein "Alle sind böse", keine Demonstrationen für Staatshilfen, wenn einem die Umsätze wegbrechen wird halt anderweitig um Kunden geworben etc.
Sehr sympatisch, muss ich sagen.
Eine erfrischend andere Sicht der Dinge, vor allem das Fehlen des üblichen mitteleuropäischen Weltuntergangsgetöses macht sich positiv bemerkbar. Hätten die aktuell in Deutschland regierenden Parteien bereits bei Einführung des Buchdrucks existiert, hätten sie mit Sicherheit Milliarden in die vom Strukturwandel bedrohten Kopistenbetriebe gesteckt, mit dem Ergebnis, dass wahrscheinlich heute noch 90 % aller Neuerscheinungen in Form von Handschriften unters Volk gebracht würden und Dinge wie die Reformation bestenfalls eine Aufgabe fürs 22 Jhdt. wären.
... und Umgebung kennt, der weiß, wie hart ein Verlust des Saab-Standortes die Region zunächst treffen wird. Umso erstaunlicher und erfreulicher die optimistischen Stimmen, die hier im Artikel anklingen.
Der Vergleich mit Deutschland hinkt dennoch an einigen Stellen. Zunächst beschäftigt Saab deutlich weniger Arbeiter als beispielsweise Opel. Gleichzeitig ist der schwedische Arbeitsmarkt - auch das klingt im Artikel an - anders organisiert als in Deutschland und das Lohnniveau liegt im Durchschnitt erheblich höher. Es ist die wirtschaftliche Grundsicherung, die den Menschen dank Ersparnissen eine entspanntere Sicht in die Zukunft erlaubt.
Als großer Schweden-Fan muss ich allerdings ebenso gestehen, dass die "German Angst", die dieser Tage viel beschworen wird, ihr Quäntchen dazu beiträgt, dass die Politik in Richtung Opel-Rettung drängt. Nachdem zuletzt sogar eine Landesbank "aus Prinzip" auf Pump gestützt wurde, darf man sich nicht wundern, wenn aus den Plänen für Zweige der Großindustrie bald Fakten werden.
"Durch Trollhättan fließt ein Fluss, der Göta. Es ist Schwedens bekanntester Fluss, er streckt sich von Stockholm im Osten bis an die Westküste. "
der fluss heisst nicht "göta" sondern "göta älv" und er streckt sich auch nicht "von stockholm bis an die westküste", sonderrn entspringt dem see väner und mündet in's kattegatt. alles, was östlich ist, ist der göta-_kanal_ (was auch nur ein oberbegriff für etliche natürliche fliessgewässer und verbindende kanalbauwerke ist).
was ist eigentlich so schwierig daran, sich vor dem schreiben von artikeln zu informieren?
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