Bildungs-Vorstoß Lehrer rüffeln Schavan für "Karnevals-Gag"

Betriebe sollen ihre besten Mitarbeiter an die Schulen schicken, hat Bundesbildungsministerin Schavan vorgeschlagen. Die Lehrer protestieren und sehen sich abgewertet

Alle Unternehmen sollten "ihre Top-Mitarbeiter" für den Schulunterricht freistellen, hatte die CDU-Politikerin in der Bild verlangt. Ein Austausch würde "sinnvolle Impulse für die Schüler bringen". Als Beispiel nannte Schavan einen Ingenieur, der zwei Stunden wöchentlich Physik- oder Mathematikunterricht geben könnte.

Die Lehrerverbände lehnten den Vorstoß ab. Die Vizechefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, sprach von einem "Karnevals-Gag" der Ministerin. Der Vorschlag sei "wirklich kein Mittel, um den Lehrermangel zu bekämpfen". Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Horst Günther Klitzing, ergänzte: "Man muss nicht meinen, dass jemand, der erfolgreich im Unternehmen ist, auch als Lehrer erfolgreich ist." Beide Verbände wollen Mitarbeiter von Betrieben aber zur Berufsberatung in die Schulen holen.

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Der Deutsche Lehrerverband warnte angesichts des Lehrermangels vor einem Schaden für den Wirtschaftsstandort. Junge Leute kämen wegen Unterrichtsausfalls und größerer Klassen schwächer qualifiziert auf den Arbeitsmarkt, sagte Präsident Josef Kraus Handelsblatt.com .

Bundesweit fehlten derzeit etwa 20.000 Lehrer. Von den 800.000 Lehrern gingen in den kommenden zehn Jahren mehr als 300.000 in Ruhestand. Diese Lücke lasse sich kurzfristig nur mit Quereinsteigern und Pensionären schließen, langfristig durch Werbung der Kultusminister.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) wies darauf hin, dass Unternehmen vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern bereits mit Schulen zusammenarbeiteten. "Das Engagement der Wirtschaft kann und soll den Unterricht aber nicht ersetzen und schon gar nicht Lehrermangel kompensieren", hieß es.

Auch Thüringen setzt bereits Unternehmensmitarbeiter an den Schulen als begleitende Experten ein, wie der Landes-Kultusminister Bernward Müller der Leipziger Volkszeitung sagte. Auch BMW schicke seit Jahren immer wieder Meister und Ingenieure in einzelne Schulen, sagte eine Unternehmenssprecherin.

Leser-Kommentare
  1. 1. Oh je

    Was verlangt sie als nächstes?
    Gesellschaftliche Verantwortung von Bankern?
    Altruismus von Berufspolitikern?
    Loyalität von subventionierten Unternehmen gegenüber Deutschland?
    Irgendwie süß...

  2. Wer setzt eigentlich voraus, dass Menschen mit dem besten Abitur im endeffekt auch die beste Lehrerschaft ausmachen? Ist es nicht viel mehr ein Beruf der hohe soziale Kompetenzen und neben dem trockenen Fachwissen auch Menschenkenntnis und Courage erfordert?
    In meinen Augen sind Fähigkeiten wie die soeben genannten (gerade an Grund-, Haupt- und Realschulen) weitaus erforderlicher als nur messbare schulische oder akademische Leistungen.
    Es macht somit keinen Sinn Schüler in die Lehrerlaufbahn zu "locken". Viel eher sollte man Wert darauf legen die Lehrerausbildung grundlegend zu verbessern. Und zwar genau für die Personen, die sich aus persönlichen Beweggründen entscheiden Lehrer zu werden.

  3. Eigentlich hat Frau Schavan nichts zu melden. Und dann ist ihr Pfeifen im Walde auch noch wenig melodiös. Sie hätte anders die Werbetrommel rühren sollen: "Allen Unternehmen, die altersschwache Ingenieure abwickeln wollen, bieten wir den Einstieg in die Schulen." Dort können sie zumindest auf dem Papier die Unterrichtsversorgung verbessern und unsere Bildungsverbilligung kaschieren.

  4. Hier zu fällt mir am Rosenmontagabend nur ein:

    Herr, vergibt ihr - auch wenn sie selbst daran glaubt - auch wenn sie weiss, was sie da tut, die Konsequenzen sind ihr mit Sicherheit nicht bewusst.
    (Vielleicht war's wirklich nur ein Faschingsgag???) :))

    Der Weißbierphilosof

  5. Wissen haben und Wissen vermitteln könnnen sind zwei Paar Stiefel. Lehrstoff verständlich zu machen ist die eigentliche Kunst des Lehrens. Numerus Clausus hat damit wenig zu tun.

  6. An Berufsschulen ist es ja durchaus üblich Praktiker aus den Betrieben Fachunterricht geben zu lassen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass gerade der Unterricht dieser Fachleute aus der Industrie meistens ausfällt, da diese sehr oft beruflich verhindert sind. Nicht anders wird es sein, wenn ein Ingenieur Schulunterricht gibt oder glaubt Frau Schavan ernsthaft, dass jemand in seinem Betrieb eine wichtige Besprechung vorzeitig verlässt, weil er in die Schule zum unterrichten gehen muss?

    • Anonym
    • 23.02.2009 um 19:23 Uhr

    ...))
    sie hat's bestimmt nicht so böse gemeint. Belassen wir es also beim Karnevals-Witz.

  7. Aus der Praxis für die Praxis, da wird die Werkhalle zur Schule der Nation. Diesen ganzen geistigen Überbau kann man sich schenken und dann geht das mit sozialistischem Populismus immer weiter. Lehrer sind reichlich vorhanden - zumindest, wenn man all die arbeitslosen 1-Euro-Job-Lehrer hinzu zählt. Es geht um eine neue Richtung, die im Gleichtakt mit anderen Staaten durchgesetzt werden soll - diese neue Richtung kann auf Bildung verzichten, auf Indoktrination allerdings nicht. So wird diese politische Zwischenperiode ohne Lernziele auskommen müssen, weil Ziele nicht offengelegt werden können. Wie sich dann die Unterrichtung von Schülern durch Werktätige gestalten soll, bleibt ein Rätsel, da bei anhaltender Abwärtsbewegung das Wissen des unterrichtenden Ingenieurs auch bereits ein Auslaufmodell ist, wenn alles auf Trabbi-Niveau sinkt. Wird keine so pessimistische Sichtweise eingenommen, dann fragt man sich was in den Köpfen von CDU-Politikern momentan vor sich geht: Welcher qualifizierte Angestellte in einer High-Tech-Firma hat Zeit. Hochqualifizierte Leute sind das Nadelöhr für Vertrieb, Konstruktion und Modernisierung der Produktionsanlagen - da könnte man sich eher denken, dass Lehrer stundenweise in der Industrie einspringen als umgekehrt.

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