Unesco-Bericht Wenn Sprachen verstummen
Die Zahl der bedrohten Sprachen steigt – auch in Deutschland. In Kindergärten und Schulen wird jetzt Nachwuchs gesucht, der das Kulturgut bewahren soll

© Sean Gallup/Getty Images
Sorbische Frauen demonstrieren gegen den kulturellen Niedergang. Sorbisch ist eine der gefährdeten Sprachen in Deutschland
"Hartlik Wäljkiimen", begrüßt das Nordfriisk Radio seine Hörer. Ein herzliches Willkommen auf Nordfriesisch. Wie viele Menschen in zehn Jahren der Radiosendung noch folgen können, ist fraglich. Denn wie die meisten Regionalsprachen weltweit, gilt auch das Nordfriesisch als akut gefährdet. Immer wenige Sprecher bewahren deren Wortschatz, beherrschen die Grammatik und unterhalten sich regelmäßig auf ihrer Sprache.
Weltweit existieren noch ungefähr 6000 Sprachen. Am Ende des 21. Jahrhunderts – so schätzt die Unesco – wird nur noch die Hälfte davon existieren. Die Unesco hat nun den Atlas Bedrohte Sprachen vorgestellt. Das Werk soll im März in gedruckter Form erscheinen, im Internet lässt sich jetzt bereits eine digitale Version finden. Schon ein schneller Blick auf eine Karte der UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation zeigt, dass überall auf der Welt Sprachen und Dialekte vom Aussterben bedroht sind. In Nord- und Mittelamerika, wo viele Indianerstämme einst eigene Sprachen entwickelten, sind besonders viele Markierungen zu finden. Aber auch in Europa und in Deutschland zeigen Pfeile bedrohte Sprachen an.
Für viele Sprachen kommt jede Rettung zu spät. Kolonisation, erzwungene Einweisung von Kindern aus ethnischen Minderheiten in Internate und Stigmatisierungen sowie Verbote haben in vielen Regionen zum Verlust von Sprachen geführt. In Deutschland gelten das Saterfriesisch mit 2000, das Nordfriesisch mit 8000 und das Sorbisch mit 45.000 Sprechern als besonders gefährdet.
Das Friesisch, in Norddeutschland beheimatet, sprechen immer weniger Menschen flüssig. Friesisch wirkt auf viele Hörer aus dem Süden Deutschlands wie ein niederländischer oder deutscher Dialekt, ist aber eine eigenständige germanische Sprache. (Wie es klingt, kann man sich auf der Homepage der Wellenord des NDR anhören).
Doch um eine Sprache schützen zu können, muss sie erst einmal als solche erkannt werden. "Nicht immer lässt es sich leicht entscheiden, ob es sich um eine eigenständige Sprache oder lediglich um einen Dialekt handelt", schreibt die Gesellschaft für bedrohte Sprachen aus Köln. Menschen, die mit Dialekt sprechen, verstehen den Dialekt aus der Nachbarregion – auch wenn es manchmal schwerfällt. Schwaben können sich mit Rheinländern und Bayern mit Sachsen unterhalten, auch wenn es regionale Wörter und andere Wortendungen gibt. Sprachen hingegen unterscheiden sich meist deutlich voneinander, nicht nur in der Aussprache – sonder auch in der Grammatik.
Die Wissenschaftler aus Köln versuchen, bedrohte Sprachen zu bewahren. Dazu ziehen sie mit Mikrofonen und Kameras in Urwälder und Wüsten und bitten die Menschen für sie, in ihrer Sprache zu sprechen. Das zeichnen die Wissenschaftler auf und legen die Aufzeichnungen in einem Archiv ab. So können sich in 100 Jahren Liebhaber die Sprachen anhören – am Leben gehalten werden sie dadurch jedoch nicht.
- Datum 04.03.2009 - 11:38 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Das Sprachen verschwinden ist sicher tragisch, doch ebenso unabwendbar.
Sprache und Kultur befinden sich in einer symbiotischen Beziehung. Nicht jede Kultur und jede dazugehörige Sprache ist überlebensfähig. Schlicht weil sie mit den Veränderungen der Welt nicht Schritt halten können.
Das Phänomen ist so alt wie die Menschheit selbst. Selbst Sprachen, die von vielen Menschen gesprochen werden, sind diesem Druck ausgesetzt, aus keinem anderem Grunde finden sich im Deutschen aktuell soviel Anglizismen.
Wenn der Selbstbehauptungswille weniger attraktiv erscheint wie die Anpassung, so wie in Deutschland aktuell, könnte auch eines Tages unsere Sprache so verschwinden, wie einst das Keltische im romanisierten Gallien oder Spanien. das geht umso schneller, je mehr die Eliten einen Vorteil darin sehen, auf eigene sprachliche Maßstäbe zu verzichten (z.B. Fremdsprachlicheit deutscher Firmen)
Berthold Grabe
Es ist natürlich irgendwo schade, wenn eine Sprache verschwindet, wie meine "Vorschreiber" finde ich aber auch, dass es nicht zu ändern ist.
Wir sollten unserer Energie nicht darauf verwenden, die Vergangenheit und unsere Gegenwart zu konservieren, sondern uns auf die Zukunft konzentrieren. Es ist nun einmal so, dass sich Kulturen und Sprachen weiterentwickeln und selbst wenn irgendwann auf der Welt nur noch eine einzige Sprache gesprochen wird, so bin ich doch sicher, dass es auch dann verschiedene Dialekte oder Slangs geben wird.
Ähnlich sehe ich es übrigens auch bei den ständigen Holocaust- und Vertriebenen-Diskussionen: Kann man die Vergangenheit nicht irgendwann mal Vergangenheit sein lassen?
Ich finde es schwierig in einer schnellwandelnden Zeit mit hoher Bevoelkerungsdichte seine Identität zu bewahren. Identität hilft, sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden und Meinungen zu bilden. Das läuft häufig über Erziehung (im weiteren Sinne), insbesondere aber durch die eigene Sprache.
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